Von Thorsten Keller, 20.04.09, 13:01h, aktualisiert 13.08.09, 11:21h
Trotzdem lässt sich John Watts, was Publikumsnähe betrifft, derzeit von kaum einem anderen Pop-Musiker übertreffen. Im vergangenen Jahr hat er seiner Webseite das bahnbrechende Projekt „100 songs“ gestartet. Die Idee: Maßgeschneiderte Lieder auf Bestellung, die der Käufer dann exkusiv für sich hat – nicht nur Text und Musik auf einer CD, sondern auch ein individuelles, von Watts auf zerbrochene Vinylscheiben gemaltes Cover sowie das Originalmanuskript. Watts trifft seine Auftraggeber nicht persönlich, die Kommunikation läuft über E-Mail, zwischen dem ersten Kontakt und dem fertigen Kunstwerk liegen zumeist ein paar Monate.
Den Preis pro Song mag John Watts nicht verraten („Geschäftsgeheimnis“), über den Erfolg der Aktion spricht er aber gerne. 53 „Artefakte“ seien schon bei den Bestellern aus aller Welt angekommen, 22 Stücke müssen noch geschrieben werden. Als Beispiel nennt Watts den Song „Ballerina“ mit einer kleinen Tänzerin auf dem Cover. Gekauft hat es ein Mann in Neuseeland - für seine Teenager-Tochter, die an einer seltenen Krankheit leidet und noch nie im ihrem Leben gelaufen ist. Zu schwere, niederdrückende Themen gebe es für ihn nicht, sagt Watts. „Einmal allerdings konnte ich den Auftraggeber nicht leiden, und wir sind nicht ins Geschäft gekommen.“ Das Spektrum der Stücke reicht von „sehr ernst bis sehr lustig – über eine Begegnung mit Außerirdischen im Park, zum Beispiel.“ Öfter gefragt waren auch maßgeschneiderte Hochzeitslieder.
Wertsteigerung durch limtierte Auflage
John Watts, der in seinem früheren Popstar-Leben bei sechs oder sieben internationalen Konzernen unter Vertrag stand, könnte ein Modell sein für das Überleben in der postmusikindustriellen Welt. Er hat den Absprung geschafft aus dem kollabierenden Plattenfirmensystem, ist längst sein eigener Labelchef, Manager, Produzent und Art Director. Sein Credo: „Innovation, Originalität und Talent: das ist der einzige Weg aus der gegenwärtigen Krise.“ Auf dem Holzweg sind laut Watts viele Bands in seiner Heimatstadt Brighton, die ohne Gage und ohne Eintritt auftreten. „Sie verschleudern sich und ihre Musik. Das ist bescheuert.“ John Watts geht genau den umgekehrten Weg: Wertsteigerung durch limitierte Auflage. Seine neue CD und DVD „Morethanmusic“ mit 13 neuen Songs und korrespondieren Kurzfilmen verkauft er nur im Anschluss an seine Konzerte. „Die Fans kaufen es direkt aus meiner Hand, und das mag ich“, sagt Watts. Auf dem Cover ist eine Fläche frei gehalten – für individuelle Grußworte oder Illustrationen des Künstlers.
Von den Problemen der Musikindustrie zur Weltwirtschafskrise ist es im Gespräch mit John Watts nur ein Katzensprung. Man merkt seiner Analyse an, dass er in den siebziger Jahre Psychologie studiert hat. Für Watts liegt der Kern des Problems nicht in toxischen Wertpapieren oder unbesicherten Immobilienkrediten, sondern in unserer Lebensart. „Nie zuvor haben Menschen so viel Wert auf materielle Güter gelegt.“ Watts benutzt den Begriff „money culture“ - er meint damit die Gleichsetzung von Geld und Lebensqualität-, und Margret Thatcher ist für ihn immer noch der Dämon, der diese Ideologie in England entfesselt und dafür den traditionellen „British Way of Life“ geschlachtet habe.
In den frühen Thatcher-Jahren (1979-1981) erlebte Watts seine größten kommerziellen Erfolge mit Fischer-Z. „Ich war 25, hatte für einen begrenzten Zeitraum unfassbar viel Geld, und habe mich niemals in meinem Leben so miserabel gefühlt.“ Im Gegensatz zu Frau Thatcher, die wenigstens ein klar umrissenes Feindbild abgab, sind die Parteien von heute laut Watts ideologisch entkernt, „graue Herren, die Politik als Schönheits- und und nicht als Ideenwettbewerb begreifen. Es ist schwerer geworden, zu wissen, wogegen man kämpfen soll.“
Als Fischer-Z 1981 den New-Wave-Meilenstein „Red Skies Over Paradise“ veröffentlichten, passte der Titelsong mit den Reggae-Strophen und dem schneidigen Refrain perfekt in die Zeit der Nachrüstungsdebatte und Friedensdemos. Wie sieht Watts das Stück heute, im Licht der jüngsten Barack-Obama-Vision einer „Welt ohne Atomwaffen“? Er sei sehr zynisch geworden, gesteht der Sänger. „Ich glaube, dass politische Nachrichten mittlerweile den Gesetzen der Unterhaltung unterworfen sind, und auf Einschaltquoten basieren, nicht auf Fakten.“ In der gegenwärtigen Krise seien alle Regierungen, besonders in den USA, scharf darauf, zur Abwechslung auch mal „gute“ Nachrichten zu lancieren.
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige

Frankfurter Rundschau
Fußball-Bundesliga: Hertha verliert AnschlussHockey-Weltmeisterschaft: Aus der Traum

EXPRESS
0:1-Pleite für FC - Zehn Mainzer schlagen schlaffe Kölner5264 € Monatsmiete - Curry-Bobby: „Ich bin Kölns ärmstes Würstchen!“

Spiegel Online
Katholische Einrichtungen: Missbrauchsfälle auch in NorddeutschlandMobbingopfer: Der traurige Tod des David Askew