Von Martin Weber, 21.04.09, 08:33h, aktualisiert 21.04.09, 13:44h
Dieser Wahn ist schlimmer denn je, und man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Schlingensiefs Schaffen, das auch schon bei den Bayreuther Festspielen ein vorübergehendes Zuhause hatte, seit zweieinhalb Dekaden eine Melange aus zielgerichtetem Aktionismus, kontrolliertem Tohuwabohu und gekonnt inszenierten Provokationen ist. Mit einem anderen Satz: Schlingensief ist eine interessante Type, und er hat sich über all die Jahre einen Rest-Rock’n’Roll in sich bewahrt. Kaum vorstellbar, dass so einer zur Sprechstunde bei einem der aufdringlichsten Menschenanfasser im deutschen Fernsehen kommt.
Kam er aber doch: Am Montagabend saß Christoph Schlingensief Reinhold Beckmann gegenüber; von dem Talkmaster nur getrennt durch das Möbel, das dringend vonnöten ist, weil Beckmann als chronischer Vorbeuger ohne Tisch vor sich hin ständig vom Stuhl fallen würde. Der 48-jährige Theaterregisseur hat eine harte Zeit hinter sich respektive befindet sich noch mittendrin; im Januar 2008 erhielt er die Diagnose Lungenkrebs, ein Lungenflügel wurde ihm entfernt, er musste diverse Chemotherapien überstehen, und nach einem Rezidiv ist die Erkrankung zurzeit zum Stillstand gekommen.
Ein Buch hat Schlingensief in diesen Tagen veröffentlicht, es ist das Protokoll seiner ganz persönlichen Ausnahmesituation und trägt den Titel „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! Tagebuch einer Krebserkrankung“. Da man getrost davon ausgehen darf, dass Reklamemaßnahmen für dieses Produkt nicht die stärkste Triebfeder gewesen sein dürfte für den Besuch bei Beckmann, muss man sich schon fragen: Warum macht Schlingensief das?
Gedankengalopp
Nun – nach wenigen der rund 30 Minuten, die Schlingensief als Solo hatte, war klar: Der Mann wollte reden, weil er immer geredet hat. Der Mann wollte über sein aktuelles Leben und seine aktuelle Arbeit sprechen, weil er Kunst und Leben nie getrennt hat. Und geredet hat Schlingensief bei Beckmann jede Menge, ohne Punkt und Komma, stets mit Sinn und Verstand, und in dem ihm eigenen Gedankengalopp.
Schonungslos realistisch war er dabei, er sprach unverstellt über seine Ängste und war dabei kein bisschen larmoyant. Sein Auftritt war ein Plädoyer für und kein Abgesang auf das Leben, und genauso ist wohl auch sein Buch. Ja, der Schock des Ausgeliefertseins sitze tief, gab Schlingensief zu. Und ja, er habe hier und da das Tempo rausnehmen müssen, die Vollbremsung im eigenen Leben sei unvermeidbar gewesen.
Und Beckmann? Bekam ob der Intensität und Schnelligkeit der Schlingensiefschen Ausführungen kein Bein auf den Boden. Beziehungsweise: keine ansatzlos eingesprungene emotionale Sitzpirouette an seinen Moderationstisch. Nannte Schlingensief in seiner gewohnt kumpeligen Art permanent beim Vornamen, changierte aber mehrfach zwischen dem Siezen und Duzen. „Das Thema Sterben ist automatisch ein Thema“, merkte Beckmann windelweich an, und Schlingensief konterte so: „Das ist ein mieses, todbringendes Teil in meiner Lunge.“
Nein, so hatte sich Beckmann die Fragerunde mit Schlingensief sicherlich nicht vorgestellt; so wie sein erster Gast gefusselt war, kam er, Reinhold Beckmann, ja so gut wie gar nicht vor. „Das eigene Leben wieder zu entdecken, sich selbst zu lieben“, faselte Beckmann sich in einen verzweifelten Rettungsversuch – gut möglich, dass er sich insgeheim Veronica Ferres auf die andere Seite des Tisches wünschte: Der kann man immer mit solch salbungsvollem Quark kommen.
Danach kam übrigens Elke Heidenreich. Die lebt, nach einer Erkrankung in den 60er Jahren, ohne linken Lungenflügel – genau wie Schlingensief dies seit Anfang 2008 tut. Fix noch zwei Fragen zu diesem vermeintlich verbindenden Element konstruiert – und schon war Beckmann bei einem Thema, das schon im vergangenen Oktober für zehn genervt hat, aber dringend noch mal aufs Tapet musste: der Deutsche Fernsehpreis, Reich-Ranicki, der kindische Streit zwischen Frau Heidenreich und Herrn Reich-Ranicki. „Sehen wir dazu erst einmal eine süße, launige MAZ, die das Ganze noch einmal zusammenfasst“, sagte der Talkshow-Moderator. Ja, wenn die Putzigkeit Purzelbäume schlägt, ist Reinhold Beckmann der Fabian Hambüchen unter den Fernsehnasen.
Christoph Schlingensief plant übrigens eine virtuelle Selbsthilfegruppe, „Krank und autonom“ soll die Plattform im Internet heißen. Dafür: Alles Gute. Und an Reinhold Beckmann: Gute Besserung!
Seichter Schau-Mann? Nicht immer.
21.04.2009 | 11.31 Uhr | kael
Zu Beckmann habe ich eine sehr ambivalente Meinung. Seine Gäste bestimmen immer seinen Auftritt: Entweder ist er voyeuristisch, seifig und unangenehm…
wenn die Putzigkeit Purzelbäume schlägt..
21.04.2009 | 08.56 Uhr | baum-reulen_1191
Herrlich, ein amüsanter Artikel zu einem eigentlich ernsten Thema. Man könnte auch sagen Hirn traf Schmierseife.
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