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Folge 1

„Das Archiv war das Gewissen Kölns”

Von Tanya Ury, 22.04.09, 08:49h, aktualisiert 08.09.09, 10:31h

Tanya Ury ist jüdische Künstlerin und Kuratorin. Die Geschichte ihrer Familie hatte sie 70 Jahre nach der Flucht ihrer Vorfahren nach London wieder nach Deutschland geholt und dem Stadt-Archiv anvertraut. Jetzt glaubt sie alles verloren. Für Guten Morgen Köln hat sie die ganze Geschichte aufgeschrieben.

Tanya Ury Stadtarchiv
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Tanya Ury glaubte ihre Familiengeschichte in guten Händen. (Archivbild: Rakoczy)
Tanya Ury Stadtarchiv
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Tanya Ury glaubte ihre Familiengeschichte in guten Händen. (Archivbild: Rakoczy)
Innenstadt - Ich habe mir vor zehn Jahren, nach dem Tod meiner Mutters in London, sorgfältig überlegen müssen, den Nachlass von mehreren Generationen meiner jüdischen Familie wieder nach Köln zu bringen. Die Entscheidung fiel mir nicht leicht; ein Großteil der Sachen begleitete meine Familie in den 1930er Jahren auf der Flucht von Deutschland nach London. Sollte ich sie 70 Jahre später wieder nach Deutschland holen lassen? Es wäre ein gewagter und umstrittener Schritt, womit die Verstorbenen vielleicht nicht einverstanden gewesen wären.

Etwa die zwei Schwestern meines Großvaters, Ella und Grete (beide geborene Unger), die ermordet wurden. Manche, wie ihre Eltern Flora und Samuel Unger, überlebten das Konzentrationslager Theresienstadt, andere überlebten irgendwie auf der Flucht in Deutschland, wieder andere schafften es raus, nach England – so wie meine Eltern, Sylvia Unger und Peter Ury, die sich in England kennen gelernt haben.

Manche Gegenstände wie Porzellan und Schallplatten haben mein Bruder in London und ich aufgehoben. Doch bei einem Großteil des geerbten Nachlasses handelte es sich um Unmengen von Tonbändern, Briefen, Unterlagen und um die Bibliothek meines Großvaters: Alfred H. Unger war Dramatiker, Journalist und UFA-Chefdramaturg.

Fotos und Dokumente in den Trümmern

Wegen seiner zahlreichen Übersetzungen englischer Bühnenwerke und auch wegen der Organisation von Carepaketen, die in der Nachkriegszeit aus England nach Köln geschickt wurden, hat er 1983, für seine Arbeit zur deutsch-britischen Verständigung, das Große Verdienstkreuz erhalten. „Alo“, so wie wir ihn nannten, hat zusammen mit Thomas Mann im Belsize Park Nordlondon den deutschsprachigen PEN-Club im Exil gegründet. Die Dokumente und Fotos zu diesen Ereignissen, seine Verdienstkreuze und ein Album mit Presseartikeln über die Uraufführung seines Theaterstückes „Menschen wie Du und Ich“, mit dem er 1930 in Berlin den Schillerpreis gewonnen hat – all das liegt jetzt in den Trümmern des Historischen Stadtarchivs.

Als Künstlerin und Schriftstellerin bin ich Anfang der Neunziger Jahre aus England nach Köln gezogen, um in Deutschland die Aufarbeitung unserer Familientradition zu unternehmen. Annette Pringle (geborene Felske) aus Boston, eine aus Köln stammende Cousine meiner Mutter, erzählte mir 1998, dass der Nachlass von Wilhelm Unger (meines Großvaters jüngerer Bruder), nach seinem Tod im Historischen Archiv aufgehoben wurde, also könnte man möglicherweise weitere wertvolle Dokumente der Familiengeschichte dort unterbringen. Wilhelm Unger war, zusammen mit Heinrich Böll und Paul Schallück, Mitbegründer der Germania Judaica (Kölner Bibliothek zur Geschichte des deutschen Judentums) und der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Er sorgte auch dafür, dass sein früherer Arbeitgeber bei der „Kölnischen Zeitung“ 1949 von den britischen Militärbehörden die Genehmigung für eine neue Tageszeitung, den „Kölner Stadt-Anzeiger“, erhielt. Im Feuilleton des Stadt-Anzeigers schrieb Wilhelm viele Jahre lang über Musik und Theater (http://www.exilpen.de/HTML/Texte/fred_ungertext_060118.html). Alle seine Unterlagen sind nun ebenfalls zwischen den eingestürzten Wänden des Stadtarchivs beigesetzt, so zu sagen.

Dr. Illner, mein Ansprechpartner im Archiv (seit September 2008 Leiter des Historischen Zentrums in Wuppertal), hat sich persönlich stark engagiert, als er Mengen von Kästen mit eingepackt und im Lastwagen nach Köln überführt hat. Als Eberhard Illner mir 1999 eine Führung durch die Archivräume gab, zeigte er mir den Nachlass des Kölner Tänzers und Choreographen Ernest Berk, der als Jude, wie meine Familie, vertrieben worden war. Ich kannte Ernest aus meiner Kindheit, denn mein Vater hat in London für seine modernen Tanzstücke komponiert und Klavier gespielt. Ernest (Ernst) Berk hatte Tausende von Tonbändern mit Klängen gesammelt, bevor es den Begriff „sampling“ überhaupt gab, und ehe Computer für Musik verwendet wurden. Alle diese Bänder liegen auch unter dem Schutt.

Mit dem Familiennachlass ist auch ein Teil meiner Familiengeschichte begraben - das Weiterleben in England nach dem Krieg. Mein aus Ulm stammender Vater Peter Ury, war eng mit dem Theaterregisseur Peter Zadek befreundet – Zadek war auch ein jüdischer Flüchtling. Zadek und Ury hatten zusammen eine Kinderoper in den frühen 1950er Jahren geschrieben.

Nachlass sollte zu Teilen nach Ulm

Es war schon ausgemacht, dass diese Unterlagen und alle anderen Kompositionen meines Vaters, die jetzt unter den Ruinen beerdigt sind, zum NS-Dokumentationszentrum nach Ulm geschickt werden sollten, denn solche Nachlässe werden unter allen deutsche Museen geteilt, hat mir Dr. Illner versichert. Es ist erst einige Wochen her, dass ich Dr. Karola Fings, der Mitarbeiterin im EL-DE-Haus in Köln, vorgeschlagen habe, dass dieses NS-Dokumentationszentrum auch Gebrauch von unserem Familienarchiv machen könne.

Kopien alle dieser Sachwerte haben wir nicht – es waren zu viele Objekte und wir waren zuversichtlich, dass sie im Archiv geschützt wären. Das Historisches Archiv war nicht nur das Gedächtnis von Köln, sondern auch das Gewissen; es hat mein Familienarchiv aufgenommen, als wertvolles Zeugnis der Geschichte einer jüdischen Familie. In meiner Kindheit haben wir Londoner regelmäßig den Kölner Familienzweig besucht. Ich erinnere mich an das völlig zerstörte Köln nach dem Krieg. Dass alle wichtigen Erinnerungstücke meiner Familie jetzt unter weiteren Trümmern liegen, ist, als wären sie ein zweites Mal gestorben.

Wer genau diese Katastrophe zu verantworten hat, werden wir in den nächsten Monaten erfahren. Aber schon jetzt ist klar, dass rücksichtslos mit diesem Archiv umgegangen wurde, als man Baupläne umsetzte, die dieses Gebäude beschädigen und Menschenleben in Gefahr bringen konnten.



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