Von Milan Pavlovic, 21.05.09, 19:11h, aktualisiert 22.05.09, 07:50h
Deutlich schlimmer ist da schon, dass die allermeisten Kinosäle auf Kühlschrank-Temperatur runtergekühlt sind, so dass ich immer mit Sweatshirts und Not-Socken unterwegs bin; und dass die meisten Filme, die sich ach so ernst nehmen, so lang sind. Es ist diesmal zwar nicht so herb wie im Rekordjahr 1995, als die durchschnittliche Länge der Wettbewerbsbeiträge 150 Minuten betrug (und etliche Filme dementsprechend drei Stunden oder noch länger waren); aber 2009 nichts ist kürzer als 100 Minuten. Und Donnerstagmorgen laufen zwei 150-Minüter nacheinander. Auch dagegen ist grundsätzlich nicht einzuwenden, zumal À L’ORIGINE (Am Anfang), der neue Film von Xavier Giannoli (QUAND J’ÉTAIS CHANTEUER/Chanson d’amour) außerordentlich gut beginnt. Doch nach 80 Minuten fängt der Film an, sich zu ziehen, weil er sich wiederholt. Und selbst gute Schauspieler wie François Cluzet (der immer mehr an Dustin Hoffman erinnert), Gérard Depardieu (als besonders schmieriger Gauner) und Emmanuelle Devos können nicht jede Länge verdecken.
Direkt danach gibt sich der Österreicher Michael Haneke (LA PINISTE) mal wieder die Ehre in Cannes. DAS WEISSE BAND ist ausnahmsweise ein historischer Stoff – Misstrauen und Missgunst in einem deutschen Dorf kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs –, was die Strenge des Regisseurs noch eine Spur strenger erscheinen lässt. 150 Minuten lang reden und handeln die meisten Figuren wie so oft bei Haneke aneinander vorbei, und am Ende werde ich das Gefühl nicht los, einer schwarz/weißen Stilübung beingewohnt zu haben.
So ausgedünnt inzwischen auch das Programm ist, so voll ist Cannes an diesem Feiertag. An ein kleines Mittagessen ist nicht zu denken, dafür sind die Restaurants viel zu voll. Und einfach so warten auf den nächsten Film will ich auch nicht. In der schönen Reihe mit alten Filmen läuft in einer Stunde zwar ein Klassiker von Sergio Leone. Aber erstens habe ich GIÙ LA TESTA (Todesmelodie) erst vor kurzem wiedergesehen. Zweitens ist es der einzige Leone-Western, den ich nicht täglich gucken könnte. Und drittens ist GIÙ LA TESTA schlanke 153 Minuten lang. Und bis dahin wäre ich wohl verhungert.
Also angele ich mir ein Brot und lese beim Essen verdaddert, wie unwirsch die Kritiken zu Tarantinos INGLOURIOUS BASTERDS ausfallen. Der Hollywood Reporter nennt sogar schon diverse Kürzungsvorschläge. Da lege ich die Filmzeitungen lieber weg, setze mich erstmals auf den Balkon meines Apartments und lese gemütlich „L’Équipe“, die vorzügliche französische Sporttageszeitung – und frage mich höchstens, warum es so ein Objekt nicht endlich auch in Deutschland gibt.
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