Erstellt 22.05.09, 15:10h
"Man muss mit dem Anspruch, dass Geschichte neu geschrieben werden muss, sehr vorsichtig sein. Aber allein die Tatsache, dass der Täter dieser unseligen Tat neu bewertet werden muss, reicht schon aus, die Geschichte des 2. Juni 1967 neu zu schreiben." Immerhin habe sich die terroristische "Bewegung 2. Juni", die unter anderem den Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz entführte, auf den Tod Ohnesorgs berufen. Der West-Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras, der den Studenten erschoss, soll seit Mitte der 1950er Jahre Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der DDR-Staatssicherheit (Stasi) gewesen sein.
Die Empörung der damals revoltierenden Studenten habe sich in erster Linie gegen einen repressiven Staat gerichtet, dessen Polizeibeamte oft noch vom Zweiten Weltkrieg und der NS-Vergangenheit geprägt gewesen seien. "Nun stellt sich heraus, dass es die damalige SED-Gegenwart und nicht die NS-Vergangenheit war, in die der Täter eingebunden war, und das verändert die Geschichte der Studentenrevolte sehr stark."
Der Politikwissenschaftler hält auch weitere Überraschungen noch für möglich. Unklar ist für ihn auch noch, aufgrund welcher Hinweise man erst jetzt auf die Kurras-Quellen bei der Stasi-Unterlagenbehörde gestoßen ist, deren Brisanz man früher wohl nicht erkannt habe. Die bisher bekanntgewordenen Unterlagen gäben auch keinen Aufschluss über die wirklichen Motive des Todesschützen. "Kurras müsste sein Schweigen heute brechen", sagte Kraushaar. (dpa)
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