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Evangelischer Kirchentag

Kampf gegen die Fundamentalisten

Von Harald Biskup, 22.05.09, 21:39h, aktualisiert 22.05.09, 21:40h

Protestanten attackieren während des Kirchentages evangelikale Strömungen. Die Teilnehmer diskutieren Themen wie das Schicksal der afrikanischen Bootsflüchtlinge im Mittelmeer.

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Spirituelles Happening: Als Segelboote verkleidete Darsteller auf dem Evangelischen Kirchentag in Bremen. (Bild: ddp)
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Spirituelles Happening: Als Segelboote verkleidete Darsteller auf dem Evangelischen Kirchentag in Bremen. (Bild: ddp)
BREMEN - Eigentlich ist es eine mittlere Sensation, was da im vollbesetzten Hansesaal des Congress Centers stattfindet, aber bei gut 2500 Veranstaltungen drohen solche kleinen Sternstunden unterzugehen. Eine Premiere ist es allemal: Nie zuvor hat ein Protestantentreffen so offensiv die Auseinandersetzung mit evangelikalen Strömungen gesucht. Im Forum „Was seht geschrieben?“ wird versucht, die Bibeltreuen mit ihren eigenen Waffen zu schlagen und sich dem Problem eher spielerisch anzunähern. Dabei muss den Verantwortlichen klar sein, welcher innerkirchliche Sprengstoff darin liegt, die Bibel „als Medizin gegen Fundamentalismus“ zu empfehlen.

Drei Pastoren und eine Professorin für Neues Testament sind angetreten, um in einem „Selbstverteidigungskurs gegen Fundamentalismus“ Tipps im Umgang mit Fundamentalisten zu geben, die einem Schrift-Zitate „entgegen schleudern“. Die Tipps, in Dialoge und Spielszenen verpackt, lösen Heiterkeit aus, sind aber durchaus ernst gemeint. Eine der Empfehlungen lautet, sich auf keine „Schlacht um Bibelstellen“ einzulassen, gleichzeitig aber mit eigenem religiösen Wissen nicht hinter dem Berg zu halten. Zu den beliebtesten Angriffspunkten fundamentalistisch orientierter Protestanten gehörten Sexualität im Allgemeinen und Homosexualität im Besonderen. Die Bibel mache dazu kaum Aussagen, dagegen sei Armut ein zentrales Thema, auf das sich Evangelikale jedoch nicht gern einließen. Der Stuttgarter Theologe Christian Reiser meinte, wer mit Bibelversen auf andere eindresche, offenbare in Wahrheit Ängstlichkeit. Seine kühne Schlussthese: Bei Fundamentalismus handle es sich nicht um ein Übermaß, sondern um einen Mangel an Glauben.

Kritische Fragen

Der Bremer Kirchentag ist ein fröhliches Glaubensfest, das politische und gesellschaftliche Fragen keineswegs ausklammert, aber sie entwickeln nicht mehr soviel Konfliktpotenzial wie die großen Friedens- und Anti-Atomkraft-Debatten in den 80er Jahren. Aber Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) muss sich bei einem Forum, das sich im ehemaligen Überseehafen dem Schicksal der afrikanischen Bootsflüchtlinge im Mittelmeer widmet, kritische Fragen gefallen lassen. Junge Leute halten Plakate mit der Aufschrift „Stoppt das Sterben“ hoch, auf dem Boden vor der Freiluftbühne sind schwarze Müllsäcke ausgebreitet, die an die Opfer dieser „Tragödie vor unserer Haustür“ erinnern sollen. Die Menschenrechte hätten auch auf hoher See Geltung, betont Schäuble, für ihre Einhaltung könne er aber nicht im Falle aller an der Mission beteiligten EU-Staaten garantieren. Als wenig glücklich wird Schäubles Hinweis empfunden, Deutschland könne in diesen Fragen „nicht arrogant den Rest der Welt belehren, auch wenn wir Auschwitz hinter uns gebracht haben“.

Die gleiche Open-Air-Bühne neben einem alten Hafenspeicher, acht Stunden später: 2500 Menschen strömen zu einer Revue mit dem sinnigen Titel „Einfach himmlisch“. Unter den Mitwirkenden sind Schüler eines Leistungskurses Religion. „Eine geile Location“ sagt die 17-jährige Laura, die ihr Engel-Outfit mit Goldflügeln von einem Werbespot mit Heidi Klum abgeschaut hat. Weltlicher Stargast mit metaphysischer Programm-Ausrichtung ist der Berliner Arzt und Komiker Eckart von Hirschhausen. Immer weniger Deutsche glaubten laut Umfragen an Gott - „ich hoffe nur, das beruht nicht auf Gegenseitigkeit“. Er sei ein „fröhlicher Protestant“, bekennt er , und mokiert sich darüber, dass Leute statt in die Kirche ins Fitnessstudio gehen, „aber mit der gleichen Haltung: Sie wollen Erlösung“. Glaube, Liebe, Hoffnung halte er für ein Placebo, aber ebenso zweifelhaft sei, „ob ein perfekter Körper der direkte Weg zum Himmel ist“. Zur gleichen Zeit diskutierte im Messegelände vor 6500 Zuhörern Helmut Schmidt mit Robert B. Zoellick, dem Präsidenten der Weltbank. Der Altkanzler, von seinem Gegenüber als „Chancelor Schmidt“ tituliert, hellwach und angriffslustig wie zu seinen besten Zeiten, erntet viel Beifall für seine Forderung nach „internationalen Verkehrsregeln“ für die Finanzmärkte. „Moralische Appelle an die Investmentbanker nutzen nichts, wir werden die Kooperation mit den Übeltätern brauchen“, verlangt Schmidt. An der „verkorksten Lage“ seien alle Staaten schuldig, weil sie auf Kontrollmechanismen verzichtet hätten. Zoellick, der Schmidt selten widerspricht, hebt allerdings hervor, Liberalisierung bedeute nicht, „dass es keine Regeln gibt“.

Helmut Schmidt füllt immer noch mit Leichtigkeit die größten Hallen. Dagegen muss der frühere finnische Präsident und Friedensnobelpreis träger Martti Ahtisaari vor halbleeren Rängen reden. Eine Lichtgestalt der internationalen Diplomatie, aber kein Charismatiker und noch viel weniger ein begnadeter Selbstdarsteller. Der Friedensmakler bleibt blass und spröde, aber seine optimistische Kernbotschaft verfehlt dennoch nicht ihre Wirkung: „Alle Konflikte sind lösbar - alle.“



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