Von Isabelle Bareither, 29.05.09, 21:06h
Hirnjogging beugt Alzheimer vor
Dreißig Kognitions- und Neurowissenschaftler sowie Altersforscher sorgten unlängst für Aufmerksamkeit, als sie ihre Zweifel an so genannten Hirnjogging-Programmen in einem öffentlichen Memorandum bekannt gaben. Besondere Skepsis sei bei Produkten geboten, die versprechen, Alzheimer oder anderen Formen demenzieller Erkrankungen vorzubeugen oder diese Krankheiten gar heilen zu können, so die Wissenschaftler. Derzeit gebe es „keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass markterhältliche Softwareprogramme oder andere kognitive oder soziale Interventionen einer Demenzerkrankung vorbeugen oder deren Auftreten verzögern“ könnten. Ein verantwortungsbewusster Umgang mit der eigenen Gesundheit, insbesondere die Kontrolle der Blutdruck- und Blutzuckerwerte, könne dagegen positiv zur geistigen Leistungsfähigkeit beitragen.
Sport trainiert nur den Körper, nicht den Geist
Sport ist sowohl im jungen Alter von großer Bedeutung, da er die Reifung des kindlichen Gehirns anregt, als auch im fortgeschrittenen Alter, da er den Abbau von Gehirnzellen positiv zu beeinflussen scheint. Auch kranke Menschen profitieren von körperlicher Bewegung. Etwa bei Krebs scheint sportliche Betätigung einen positiven Einfluss auf die Genesung zu haben. Darüber hinaus ist Sport eine meist kostengünstige und wirksame Methode zur Verbesserung der Gesundheit auch bei der Allgemeinbevölkerung. Körperliche Bewegung könne zur Steigerung der Hirnfitness beitragen, schreiben die Wissenschaftler des Stanford Center on Longevity und des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in ihrem Memorandum. „Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass regelmäßiges körperliches Ausdauertraining die Hirndurchblutung steigert und die Bildung neuer Blutgefäße und Nervenzellverbindungen anregt“, ist darin zu lesen. Ausdauertraining steigere die Aufmerksamkeit, das Denkvermögen und die Gedächtnisleistung. „Körperliches Training ist ein viel versprechender Ansatz zur Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit“, so die Wissenschaftler.
Gingko und Schokolade sind gut für das Gehirn
Den Gingko-Baum umgibt seit Jahrhunderten ein Mythos, unter anderem soll der Verzehr seiner Samen gut für das Gedächtnis sein. Ob die Einnahme von Gingkopräparaten allerdings tatsächlich das Gedächtnis verbessert, wie einige Hersteller glauben machen, ist stark umstritten. Studien, die den Einfluss von Gingko auf das Gehirn untersuchten, sind oft durch statistische Mängel gekennzeichnet, wie etwa einer geringen Anzahl von Teilnehmern. Die Cochrane Collaboration, eine unabhängige Organisation, wertete zahlreiche dieser Studien aus und kam zu dem Ergebnis, dass Ginkgo weder bei Gesunden, noch bei Alzheimer- oder Demenzpatienten positive Effekte auf das Gehirn hat. Auch Zucker wird oft als Gehirnnahrung bei geistig anstrengenden Aktivitäten genutzt, wie die Schlangen vor den Süßigkeitenautomaten in Universitäts-Bibliotheken zeigen. Zu viel Zucker und Fett schadet dem Gehirn allerdings, wie Wissenschaftler an einem Experiment mit Ratten zeigen konnten. Wurden die Tierchen mit stark zucker- und fetthaltigem Futter gemästet, bauten sie geistig ab und wurden anfälliger für Hirnschäden Wichtiger als Zusatzpräparate, Zucker oder ähnliches, scheint trinken für das Gehirn zu sein. Ein bis zwei Liter am Tag sollen die Leistungsfähigkeit stärken.
Meditation beruhigt das Gehirn
So still und friedlich sehen meditierende Menschen aus, dass man kaum glauben kann, in ihrem Gehirn rege sich noch etwas. Doch weit gefehlt. Unter zu Hilfenahme verschiedener neurowissenschaftlicher Methoden, wie dem Elektroenzephalogramm (EEG) und dem funktionellen Magnetresonanztomographen (fMRI) fanden Forscher heraus, dass sich die Hirnströme meditierender Mönche deutlich von denen normaler ruhender Versuchspersonen unterscheiden. Sie zeigten besonders im Bereich der Gamma-Wellen eine höhere Aktivierung. Gamma-Wellen werden sowohl mit transzendentalen Erlebnissen als auch mit kognitiven Höchstleistungen in Verbindung gebracht. Ein zweites Ergebnis der Hirnforschung ist, dass es aufgrund von Meditation zu Veränderungen der Hirnsubstanz kommt. In verschiedenen Arealen des Gehirns sei es nach mehreren Wochen regelmäßigen Meditierens zu einer höheren Dichte von Nervenzellen gekommen, sagen amerikanische Forscher. Außerdem sei es aufgrund von Messungen denkbar, dass im Hippocampus, einer Struktur, die oft mit dem Gedächtnis in Zusammenhang gebracht wird, sogar zusätzliche Nervenzellen gewachsen sind.
Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr
Der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, hatte viel für die menschliche Psyche übrig und behandelte auch scheinbar hoffnungslose Fälle. Nur alte Menschen hielt er für nicht mehr therapierbar, da ihnen die „Plastizität der seelischen Vorgänge zu fehlen pflegt“, sie also nicht mehr zu ändern seien. Heute dagegen berichten Psychotherapeuten, wie Hartmut Radebold, der inzwischen emeritierter Professor für Klinische Psychologie ist, dass Ältere über 50 Jahre sogar besonders gut zu therapieren sind. Gleichermaßen zeigen aktuelle neurowissenschaftliche Studien, dass Menschen bis ins hohe Alter hinein neue Informationen lernen können. Auch scheint es nicht wahr zu sein, dass abgestorbene Hirnzellen nicht mehr ersetzt werden. Im Gegenteil vermuten einige Forscher inzwischen, dass sich ein Leben lang neue Hirnzellen bilden können.
Hirnjogging-Programme machen schlauer
So genannte Hirnjogging-Programme, die das Gedächtnis und die allgemeine Leistungsfähigkeit des Gehirns trainieren sollen, erleben derzeit einen regelrechten Boom. Vor allem in Amerika hat sich ein riesiger Markt entwickelt. So genannte Fitness-Studios für das Gehirn sind entstanden, an denen Menschen reihenweise vor Computern sitzen und durch das Spielen verschiedener Programme ihre Intelligenz steigern wollen. Solche Hirntrainings-Programme machen den Menschen aber nicht insgesamt schlauer, sie trainieren nur bestimmte Gedächtnisfunktionen. Werden etwa Wort-Reihen regelmäßig auswendig gelernt, so wird der Spieler auch in genau diesem Bereich besser werden. Ebensogut wie mit Hirnjogging-Programmen könne das Gehirn auch auf andere Art trainiert werden, etwa durch Sprachen lernen, musizieren oder durch den sozialen Umgang mit Freunden und Enkelkindern.
Hintergrundmusik hilft beim Lernen
Vor allem Schüler behaupten immer wieder gerne, dass sie mit Radiomusik oder einer CD im Hintergrund besser lernen können. Aber auch in so manchem Büro dudelt Musik und feixen smarte Moderatoren während sich die Angestellten um ihre Arbeit kümmern. Das funktioniert allerdings im Normalfall nicht besonders gut, erklärt Lutz Jäncke, Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich. „Hören und Lernen sind zwei verschiedene Tätigkeiten. Werden sie simultan ausgeführt, wirkt das belastender“, sagt er. Die Leistung der Haupttätigkeit nehme ab. Damit wirke Musik eher störend auf den Prozess des Lernens. „Eine Ausnahme besteht allerdings, wenn der Lernende müde und demotiviert ist“, bemerkt Jäncke. Dann könne kurzzeitige Musik helfen. Es sei dann allerdings vermutlich besser eine Pause zu machen, in der Musik gehört wird und anschließend frisch und munter wieder ans Werk zu gehen.
Mozartmusik macht schlau
Einfach Mozart-Musik hören und schon geht alles leichter. Etliche Fangruppen auf bizarren Seiten im Internet postulieren, dass das Hören von Mozart-Musik einen positiven Effekt auf Intelligenzleistungen habe. Dabei übersehen sie allerdings, dass die zugrunde liegenden Untersuchungen der Psychologen Frances Rauscher und Kim Ky, in Zusammenarbeit mit dem Physiker Gordon Shaw, bestenfalls Rückschlüsse auf räumlich-visuelle Fähigkeiten zulassen, jedoch keinesfalls auf die Wirkung der allgemeinen Intelligenz. Des Weiteren entstand der vermeintliche Leistungs-Effekt von Mozart-Musik im Vergleich zu Ruhe- und Entspannungsbedingungen. Mehrere Untersuchungen führten dementsprechend inzwischen zu der Hypothese, dass der Mozart-Effekt in den Fällen, in denen er sich nachweisen ließ, als Folge der höheren kognitiven Erregung und der besseren Stimmung der Versuchspersonen erklärt werden kann. Demnach gibt es sowohl einen Schubert-Effekt wie auch einen Stephen-King- oder Kaffee-Effekt, erklären die Forscher.
Hirndoping führt ohne Nebenwirkungen zu ungekannten Leistungen
Die Wirkung von Hirndoping-Präparaten auf Lernfähigkeit und Hirnleistung ist umstritten. Etwa erhöhte sich bei der Einnahme von Methylphenidat (Ritalin) nicht nur die Aufmerksamkeit von Versuchspersonen, sondern auch deren Impulsivität. Aufgrund voreiliger Antworten schnitten die „gedopten" Versuchspersonen bei einigen Aufgaben schlechter ab als nicht gedopte Teilnehmer. Es gebe außerdem Studien, die darauf hinweisen, dass sich Versuchspersonen nach der Einnahme von entsprechenden Mitteln zwar besser einschätzen aber gar nicht besser sind, bemerkt der Neuroethiker Stephan Schleim. Immer wieder behaupten vermeintliche Experten auch, dass Hirndoping keine Nebenwirkungen zeige. Jedoch haben sowohl das in diesem Zusammenhang oft genannteMedikament Modafinil, als auch Ritalin nachweislich schwere Nebenwirkungen. Nach mehreren Zwischenfällen schrieb der Hersteller von Modafinil Ende 2007 einen Brief an alle Ärzte, der besagt, dass es bei Einnahme von Modafinil zu lebensgefährlichen Reaktionen und psychiatrischen Symptomen wie Halluzinationen, Manien oder Selbstmordgedanken kommen kann.
Unter Druck kann man besser lernen und mehr leisten
Viele Schüler oder Studenten beginnen erst kurz vor den Klausuren mit dem Lernen und glauben, dass sie durch den Druck effektiver arbeiten können. Aber vielleicht haben sie es vorher einfach gar nicht probiert? Neurowissenschaftliche Studien lassen jedenfalls an der Richtigkeit dieses subjektiven Erlebens zweifeln. Bei Stress werden verschiedene Hormone wie Cortisol und Adrenalin im Körper freigesetzt. Sie versetzen den gesamten Körper in einen aufmerksamen Zustand, bereiten ihn aber auch auf Bewegung, Kampf oder Flucht vor. Ein mittlerer Stresslevel könne sich zwar durchaus positiv auf das Lernen auswirken und sei auch bei Prüfungen nicht von Nachteil, erklären Psychologen. Sobald ein gewisser Punkt allerdings überschritten ist, werden Inhalte nicht mehr gründlich verarbeitet und gespeichert, die Konzentration lässt insgesamt nach. Daher sollten Eltern und Lehrer auch darauf verzichten, ihre Kinder oder Schüler unter psychischen Druck zu setzen. Dagegen wirken Entspannung und Ruhe vor allem beim verstehenden Lernen und beim Lösen komplizierter Aufgaben unterstützend.
Hintergrundmusik
31.05.2010 | 23.22 Uhr | Polly
Persönlich stört mich Hintergrundmusik beim Lernen erheblich, allerdings habe ich beobachtet, dass grundsätzlich eine erhöhte Belastung der…
Gut recherchiert!
30.05.2009 | 11.02 Uhr | Stephan_Schleim
Stimmt alles; Thema ist aber von viel allgemeinerem Interesse als nur für den KSt-A.
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