Erstellt 26.05.09, 21:17h
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Kna be, Sie rügen seit langem die Birthler-Behörde. Der Fall Kurras nimmt Ihnen doch Wind aus den Segeln?
HUBERTUS KNABE: Im Gegenteil. Die Kurras-Akte wurde offenbar rein zufällig gefunden. Über 17 Jah re lag dieser wichtige Vorgang un beachtet im Archiv. Da fragt man sich, ob die Akten wirklich profes sionell verwaltet werden?
Wie viele Fälle dieser Brisanz kann man in den Akten vermuten?
KNABE: Das weiß niemand. Allein in den 16 000 Säcken mit zerrissenen Stasi-Akten dürften sich noch viele brisante Vorgänge verbergen - sonst hätte sich die Stasi nicht so um die Beseitigung bemüht. Der jetzige Fund zeigt aber, dass auch in den unzerstörten Unterlagen noch manches schlummert, das der Behörde nicht bekannt ist.
Was werfen Sie der Behörde vor?
KNABE: Ich finde es irritierend, wenn eine so wichtige Akte nur gefunden wird, weil jemand nach mauertoten recherchiert hat. Aus der Behörde heißt es, die Karteikarte zur Kurras-Akte sei schon 1967 vernichtet worden - deshalb habe man sie nicht eher finden können. da fragt man sich, wie viele Akten womöglich noch existieren, zu denen es keine Karteikarte gibt? Jetzt sagt man, die Karte sei zwar da gewesen, nur habe niemand nach Kurras gefragt. Das alles klingt nicht gerade überzeugend. Die Behörde wäre verpflichtet gewesen, die Kurras-Akte schon vor Jahren allen Forschern vorzulegen, die Unterlagen über die Studentenbewegung suchten.
Wie sieht eine systematische Aufarbeitung aus?
KNABE: Der Bestand muss endlich vollständig verzeichnet und der Forschung zur Verfügung gestellt werden. Und Anstrengungen, die Akten wissenschaftlich auszuwerten, müssen verstärkt werden. Nach dem letzten Tätigkeitsbericht sind von den 50 Kilometer Akten, die die Stasi selber ins Archiv gab, in 17 Jahren nur drei Prozent erschlossen. Von den Akten, die noch auf den Schreibtischen lagen, sind etwa 80 Prozent erschlossen. Das ist sehr unbefriedigend.
Nach welchen Kriterien wurde entschieden, welche Akten unter die Lupe genommen werden?
KNABE: Das Problem ist, dass die Aktenerschließung nicht im Vordergrund stand und steht. Es ist versäumt worden, zerrissene Akten zeitnah zu rekonstruieren, obwohl die entsprechende Technik seit Jahren existiert. Inzwischen läuft ein Pilotprojekt. Insider wundern sich, dass Akten zusammengesetzt werden, die für die Forschung wertlos sind - zum Beispiel Speisekarten der Stasi-Kantine.
Warum fordern Politiker von Birthler keine besseren Ergebnisse?
KNABE: Das ist ein Konstruktionsproblem. Die Bundesbeauftragte wird vom Bundestag gewählt und dann nicht kontrolliert. Selbst Beschwerden einzelner Abgeordneter können nichts bewirken, da es keine Fachaufsicht gib. Nur bei gravierenden Rechtsverstößen kann im Wege der Rechtsaufsicht eingegriffen werden. Das Parlament hat keine Möglichkeit, von außen für eine Verbesserung der Arbeit zu sorgen.
Was nun?
KNABE: Viele Wissenschaftler sind der Ansicht, dass das Bundesarchiv professioneller mit den Akten umgehen würde. Dort sind sämtliche DDR-Akten schon seit Jahren erschlossen und vielfach so gar online recherchierbar. Die SPD hat eine Überführung bislang verhindert. Einige Bürgerrechtler befürchten, dass dies das Ende der Aufarbeitung wäre. Das Gegenteil wäre der Fall, wenn der Gesetzgeber dafür sorgt, dass sich der Zugang dadurch verbessert. Das Bundesarchivgesetz müsste so verändert werden, dass die Täterakten weiterhin voll zugänglich bleiben. Die Vorzüge des Stasi-Unterlagengesetzes müssen mit der professionellen Verwaltung durch das Bundesarchiv verknüpft werden. Das würde die Aufarbeitung der jüngsten deutschen Geschichte erheblich erleichtern.
Das Gespräch führte Jan-Philipp Hein
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige
22. April 2012,
E-Werk Köln
![]() |
Mahjongg Fortuna » 2337 Spieler |
![]() |
Zuma » 1507 Spieler |
![]() |
Bookworm » 1263 Spieler |
![]() |
Bubble Shooter » 1034 Spieler |
![]() |
Bejeweled 2 » 956 Spieler |