Von Oliver Görtz, 27.05.09, 11:57h
Wolfgang A. Noethen und Markus Aptitius sowie ihre Musikerkollegen Robert Gasper und Marc Schönberger laden seit nun zwei Jahren an jedem letzten Sonntag im Monat Künstler des „akustisches Liedguts“, wie sie ihre Reihe selbst untertiteln, ins „Blue Shell“ ein. Auf der Bühne der Grand Dame der kölner Musikklubs soll niemand die Möglichkeit haben, etwaige Defizite hinter extravaganten Gitarren, überdimensionierten Schlagzeugen oder zu wuchtigen Sound-Wänden zu verstecken. Einzelkünstler oder Bands in kleiner Besetzung treten ohne elektronische Verstärkung oder Verzerrung auf, es geht um die Essenz des Lieds und seines Erschaffers. „So steht die Musik absolut im Mittelpunkt“, sagt Wolfgang, „das ist für die Künstler auch eine Herausforderung.“
„Für das Publikum ist es eine Möglichkeit, die Musik intensiver wahrzunehmen“, erklärt Markus. Das macht die Zuhörerschaft auch - und entscheidet schnell und hörbar, ob das Dargebotene gefällt oder missfällt. „Wegen der gedämpften Lautstärke bemerkt man jede Reaktion, jeden Zwischenruf. Die Musiker sind gezwungen, auf das Publikum einzugehen“, beschreibt Markus, der wie seine drei „Lied United“-Mitstreiter selbst Profi-Instrumentalist ist. „Man hört es richtig knistern“, hat ihm einmal ein Zuschauer gesagt.
„Lied United“ ist übrigens eine Anlehnung an den britischen Fußballklub Leeds United. „Denn in England ist die Verbindung zwischen Fußball und Musik sehr groß“, doziert Wolfgang. Wie groß, zeigt sich bei den unvergleichlichen Fan-Gesängen in den Kicker-Ligen auf der Insel. Wie klein dies allerdings hierzulande ist, zeigt sich etwa an Jürgen Klinsmann, der nach dem EM-Sieg 1996 beim Empfang in Deutschland verzweifelt die Hymne „Three Lions“ in bislang ungekannt schiefen Tönen krächzte.
Wenn sich die Konzertveranstalter auf „akustisches Liedgut“ beschränken, bedeutet das nicht, dass hier nur betroffene Lagerfeuer-Lyrik auf abgespielten Klampfen zu hören ist. Die Beschreibung ist bewusst gewählt. Singer / Songwriter, die hier freilich auch auftreten, sind nur ein Teil des „Lied United“-Kosmos'. Rolf Stahlhofen etwa, einst unter anderem Teil der Söhne Mannheims, ist einer der arriviertesten deutschen Soul- und Funk-Sänger. Im „Blue Shell“ spielte er seine Lieder nur in Begleitung eines Gitarristen und eines Perkussionisten. Und der Kölner Indie-Rocker Hansonis, der früher mit der legendären Combo King Candy unterwegs war, ließ sich auch nicht lange bitten, bei „Lied United“ aufzutreten.
Dass neben völlig unbekannten Musikern auch gestandene Größen sich für die Konzertreihe von ihren sonst eher opulenten Bandkollektiven verabschieden und sich ungefiltert den leisen Klängen hingeben, ist Teil des Konzepts. „Wie sind offen für alles, aber keine »offene Bühne«“, sagt Markus, „wir wollen immer eine gewisse Qualität haben.“ Deswegen suchen sie sich ihre Gäste genau aus. „Inzwischen haben wir viele gute Anfragen, aus denen wir wählen können. Aber wir laden auch gezielt ein“, beschreibt Wolfgang. „Wir wollen Musiker, die sich auch als Musiker verstehen.“ Hierbei kommt ihnen das weit gefächerte Netzwerk von Musikern und artverwandten Konzertreihen zugute, das sich die vier Veranstalter inzwischen erarbeitet haben. In alle Ecken der Republik reichen ihre Fühler, freilich ohne die musikalische Güte vor der eigenen Haustür zu vergessen.
Zum intensiven Erfahren der Musik gehört auch, dass das Publikum etwas über den Interpreten weiß. Deshalb pflegt Wolfgang eine heute schwer vernachlässigte Sitte: Er moderiert an. „Das ist für die Bands gut, will sich sich willkommen fühlen. Und das ist für die Zuschauer gut, weil sie wissen, wer warum was macht.“ Das Publikum solle „Respekt haben“ vor den Musiker, die sich Bühne stellen und ihre Lieder singen. Pur, auf ihre reinste Form reduziert und ganz ohne Mimikry.
In der nächsten Ausgabe von „Lied United“ am Sonntag, 31. Mai, 20.30 Uhr, spielen Ebbel (Folk), Telekid (Surf-Pop) und Wolfgang A. Noethens Band Who is afraid of the big bad Wolf (Slow-Folk). 4 Euro Eintritt, im Blue Shell, Luxemburger Straße 32, .
Musiker, die vorgestellt werden möchten, wenden sich an den „Kölner Stadt-Anzeiger“, Telefonnummer: 224-2323 /2297, E-mail: KSTA-Stadtteile@mds.de, Anschrift: Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln. Bewerber sollten aktuelle Musikproben auf CD oder als Sounddatei zusenden.
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