Von Helmut Gote, 29.05.09, 15:50h, aktualisiert 08.06.09, 09:33h
Natürlich gibt es erst einmal köstliche Appetithäppchen - eigentlich Miniaturen kleiner Vorspeisen - deren Höhepunkt ein „Blätterwald“ aus hauchdünnen, knusprig karamellisierten Gemüseblättchen war. Sechs verschiedene Gemüsesorten wie Sellerie, Artischocke oder Spinat mit Algen, pulverisiert und leicht süßlich zu Blättchen verarbeitet, ergeben eine Aromatik, die man so vom Gemüse vermutlich noch nie geschmeckt hat. Trotzdem wirkt sie nicht fremd.
Marinierte GänseleberAls erster Gang folgte eine der zahlreichen Varianten von der roh marinierten Gänseleber, die zu Wisslers Klassikern gehören. Dieses Mal als von Zartbitterschokolade durchzogene Würfel, abgedeckt mit einer Gelee-Schicht von weißem Banyuls und begleitet von einem frischen Kontrast aus extrem cremigem, geeisten Apfelmus mit frischem Koriander, Vanilleöl-Emulsion und Nuancen von Ingwer. Man muss kein ausgewiesener Feinschmecker sein, um das umwerfend gelungene Zusammenspiel von erstklassigen Produkten, perfekter Zubereitung und überraschenden, aber niemals vordergründigen Effekten zu verstehen, das für alle Gerichte gilt, die Joachim Wissler und sein Küchenteam servieren. Am Beispiel dieses Zwischengerichts reicht es, das alles einfach nur staunend zu genießen: Das dicke Filet vom Müritz-Zander erinnert von Struktur und Farbe an weißen Marmor, die glasierten Weinbergschnecken bieten erdige Abwechslung, die leicht nussige Pinienkernemulsion schlägt die geschmackliche Brücke zwischen beidem. Saiblingskaviar sorgt für die salzige Komponente und kleine Bachkresse für frisch-pikante Akzente, bevor sich alles so harmonisch am Gaumen vereint, als ob es nur genau so zusammen gehören kann.
Der Hauptgang waren Tranchen vom erstklassigen Filet vom Allgäuer Weiderind mit leicht kernigem Biss, dazu Pfifferlinge wie aus dem Bilderbuch, ein mit etwas Bohnen-Cassoulet gebundener Artischockensalat und ein wunderbar buttriges Püree aus leicht geräucherten Kartoffeln.
Der Vorteil eines solch „kleinen“ Menüs ist ja auch, dass die sehr stimmigen Portionsgrößen genau richtig getimet sind, um sich der abschließenden, aus 15 Elementen bestehenden Dessert-Show problemlos widmen, um nicht zu sagen hinzugeben zu können. Zum Teil ist das ein augenzwinkerndes Spiel Joachim Wisslers mit unseren Kindheitserinnerungen, aber eben auf allerhöchstem Niveau wie beim karamellisierten Armen Ritter aus Brioche-Rechtecken, der auf einer Spur von kalt gerührten Preiselbeeren und üppiger Creme in die Welt der Erwachsenen zu Single-Malt-Whisky-Eis überleitete. Zudem gab es den mit Ziegenmilch hochfein zubereitete Milchreis, Salat von intensiven Gariguette-Erdbeeren und Pulver von weißer Schokolade sowie ein superbes Sorbet vom Erdbeermark und Rosenwasser.
Das alles findet in dem seit einem Jahr völlig neu, mit edlen Materialien und dezenten Farbtönen modern-puristisch eingerichteten Restaurant statt, dessen gesamte Atmosphäre die gleiche selbstverständliche Leichtigkeit auszeichnet wie den Service von Miguel Calero und seine Teams. Romana Echensperger als Sommelière sorgt ebenso herzlich wie souverän für die preislich nicht zu abgehobenen Weine. Natürlich geht es im „Vendôme“ auch noch spektakulärer, wenn Joachim Wissler seine neuen Degustations-Menüs von 10, 15 oder 25 Gängen (zwischen 150, 190 und 245 Euro) präsentiert, mit denen er sich endgültig in der Reihe der weltbesten Köche etabliert hat. Aber eben auch sein Gourmet-Lunch ist eines der großartigsten Erlebnisse, die die kulinarische Welt zur Zeit zu bieten hat.
Vendôme
Grandioses Mittagessen
01.06.2009 | 00.44 Uhr | Vom Lande
Ein Essen für weniger Betuchte bei einem Preis von 110,00 € p.P. in welcher Welt lebt der Herr Gote?
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