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Führung

Madonnen, Mägde und Spelunken

Von Norbert Ramme, 27.05.09, 15:45h

Die historische Führung der Kalker Geschichtswerkstatt durch das Viertel. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich Kalk zu einem beliebten Ausflugsziel.

Kalk Kapelle
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Die Kalker Kapelle hat die Geschichte des Veedels über Jahrhunderte hinweg mitbeeinflusst. (Bild: Ramme)
Kalk Kapelle
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Die Kalker Kapelle hat die Geschichte des Veedels über Jahrhunderte hinweg mitbeeinflusst. (Bild: Ramme)
Kalk - „Die Kapelle mit dem Gnadenbild der »schmerzhaften Mutter Gottes« war zwar nicht der Ursprung von Kalk, aber sie hat die Entwicklung des Dorfes zur Stadt und dann zum Kölner Vorort entscheidend mit geprägt“, sagte Historiker Fritz Bilz. Daher startete und endete die von der Kalker Geschichtswerkstatt organisierte historische Führung durch den Stadtteil zum Motto „Zwischen Kapelle und Fabrik“ an der Kapelle. Denn das darin befindliche Madonnenbildnis (1423 geschaffen) gilt schon seit Jahrhunderten als beliebtes Wallfahrtsziel. Nicht nur aus den Nachbarorten und dem Bergischen Land, wusste Bilz zu berichten, sondern auch aus Westfalen und den Niederlanden pilgerten „vornehme Frauen und Jungfrauen mit bloßen Füßen“ nach Kalk. 1713 wurden mehr als 10 000 Pilger gezählt. Am Wallfahrtsweg entstanden Gaststätten - die erste hieß „Zum dollen Anschlag“ - und so entwickelte sich Kalk zu einem gefragten Ausflugsziel. Bis in die Anfänge des 19. Jahrhunderts hinein kamen die Kölner an Sonntagen nach Kalk - wegen der sauberen Luft. Bilz: „Das sollte sich bald ändern. Denn ab 1850 siedelte sich hier eine Fabrik nach der anderen an.“

Mit der Industrie boomte der Wohnungsbau. Wer etwas auf sich hielt, zog in die Kaiserstraße, die Kronprinzenstraße oder auch die Königsstraße. Die heißen heute Eythstraße, Dieselstraße und Lüderichstraße. Bilz: „Insbesondere die Kaiserstraße war die Adresse der besseren Leute. Hier wurde bürgerliches Wohnen demonstriert. Alle Haushalte hatten ein Dienstmädchen.“ Die Straße war eine der ersten, die kanalisiert, gepflastert und mit Gasbeleuchtung versehen wurde. 1903 bekam sie als einzige Kalker Straße eine Bepflanzung mit 116 Feldahornbäumen. Dort wohnten der Kalker Bürgermeister Max Albermann sowie mehrere Fabrikanten und Unternehmer. So auch die Familie Sünner, die ihre Brauerei 1859 von der Deutzer Freiheit aus an die Kalker Hauptstraße - das Gebäude zählt heute noch zu den schönsten Industriebauwerken der Stadt - verlagert hatte, weil immer mehr Arbeiter nach Kalk gezogen waren.

Die lebten damals allerdings zumeist in beengten Wohnverhältnissen in der direkten Nachbarschaft zur Industrie. So zitierte Bilz aus einem Polizeibericht von 1903 über das Haus Nummer 10 an der Kurze Straße: „In diesem Hause wohnen 36 polizeilich angemeldete Familien. Es bleibt uns aber unbekannt, wie viel steckbrieflich Verfolgte und andere Verbrecher dort untergeschlüpft sind.“ 1883 wohnten 10 000 Menschen in Kalk, 1900 waren es schon 20 000, der Stadtteil war zu der Zeit eine eigenständige Stadt und die Kneipen entlang der Hauptstraße waren stets gut besucht. Sie waren nicht nur Orte des geselligen Trinkens, sondern auch der Debatte und der politischen Aktion. Bilz: „Das war ja am Arbeitsplatz zumeist verboten.“ Vor allem die SPD nutze die großen Säle der Gasthäuser für ihre Versammlungen.

Genau diese wurden Anfang des 20. Jahrhunderts von einigen Wirten auf Druck des Kalker Bürgertums verboten. Die SPD rief darauf im Mai 1907 zum Boykott auf. „Arbeiter von Kalk und Umgegend! Meidet die Lokale von Böhmer, Maassen, Schorodt und Brücker“, hieß es damals, so erzählte Bilz schmunzelnd, als er mit der Führung auf ein Kölsch in die einzige, noch existierende dieser vier Kneipen einkehrte - ins „Haus Böhmer“. Schließlich ist der Boykott längst Geschichte. Er endete im Oktober 1909, als ein Wirt nach dem anderen wieder einzelne sozialdemokratische Versammlungen zuließ.



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