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Studentenführer

Dutschke fürchtete die Geheimdienste

Von Wolfgang Kraushaar, 28.05.09, 22:49h, aktualisiert 29.05.09, 19:08h

Muss das Attentat auf Rudi Dutschke neu bewertet werden? Nicht alles, was geschah, ging zwingend auf das Ministerium für Staatssicherheit der DDR zurück. Geheimdienste aus Ost und West verfolgten den Studentenführer.

Dutschke-Attentat
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Am 11. Mai 1968 - einen Monat nach dem Dutschke-Attentat - protestieren in Bonn Studenten gegen die Notstandsgesetze. (Bild: dpa)
Dutschke-Attentat
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Am 11. Mai 1968 - einen Monat nach dem Dutschke-Attentat - protestieren in Bonn Studenten gegen die Notstandsgesetze. (Bild: dpa)
Muss das Dutschke-Attentat neu bewertet werden? Geheimdienste aus Ost und West waren Rudi Dutschke auf den Fersen. Aber nicht alles, was geschehen ist, muss auf das Ministerium für Staatssicherheit der DDR zurückgehen.

Es ist der 11. April 1985, der 17. Jahrestag des Attentats auf Rudi Dutschke. Seine Witwe Gretchen nimmt erstmals das Tagebuch zur Hand, das ihr Mann bis zu seinem Tod geführt hat. Aus einer Mischung aus Trauer und Scheu hat sie es nicht anzurühren gewagt, seitdem er am Heiligabend 1979 an den Spätfolgen eines Anschlags gestorben ist. Ein gewisser Josef Bachmann, ein mutmaßlicher Rechtsradikaler, hatte ihn am Gründonnerstag 1968 mit der Pistole niedergestreckt.

Beim Durchblättern der Seiten fällt plötzlich etwas heraus. Es ist ein Briefumschlag. Auf der Vorderseite steht: „Für Gretchen Klotz-D. (nur öffnen, wenn »Unglück« passiert)“. Und auf der Rückseite ist in Großbuchstaben mehrmals „R. D.“ über die Klebelasche geschrieben, als habe der Verfasser mit seinen Initialen eine Art Siegel aufdrücken wollen. Die Schrift lässt keinen Zweifel daran, dass der Brief von ihrem verstorbenen Mann stammt.

Alles Mögliche schießt Gretchen Dutschke durch den Kopf. Sie reißt mit zitternden Fingern den Umschlag auf. Das Schreiben ist zehn Jahre alt. Aufgesetzt am 25. Februar 1975 in West-Berlin. Aufgeregt und unter großer Anspannung überfliegt sie erst einmal flüchtig den mit der ihr so vertrauten, etwas hilflos wirkenden Schrift verfassten Text, dann liest sie ihn aufmerksam durch.

Eine Art Testament

Rudi Dutschkes Brief ist ein Abschiedsbrief, ein Liebesbrief und eine Art Testament; ein Dokument der Angst, der Hoffnung und des Überlebenswillens. Offenbar war er so fest davon überzeugt, von der Stasi oder vom KGB ermordet zu werden, dass er zumindest etwas hinterlassen wollte, was mit möglichen Zweifeln an seinem Tod aufräumen sollte. Er wollte auf jeden Fall verhindern, dass seine Frau und die beiden Kinder in Unkenntnis gelassen würden.

Für Gretchen Dutschke ist der Brief so persönlich, ja intim, dass sie ihn nicht an die Öffentlichkeit gibt. Sie weiß, dass das Schreiben auch ein Politikum darstellt. Doch inzwischen ist alles zu spät; niemand kann ihr ihren Mann zurückgeben. Er hat, während er sich 1979 am Nachmittag vor dem Weihnachtsfest im dänischen Århus in die Badewanne legte, einen epileptischen Anfall bekommen und ist daran gestorben.

Es kann nicht überraschen, dass im öffentlichen Wirbel um die Nachricht, ein Agent der Stasi habe Benno Ohnesorg erschossen, auch die Forderung nach einer erneuten Aufrollung des Dutschke-Attentats erhoben wird. Zuletzt hat sich sein jüngster Sohn, der 1980 geborene Marek, in der Bild-Zeitung mit Verweis auf diesen Brief an die Birthler-Behörde gewandt und sie aufgefordert, gezielt nach möglichen Hinweisen und Spuren zu suchen, die Aufschluss über Josef Bachmann und die Hintergründe des auf seinen Vater verübten Attentats geben könnten.

Dabei hat Marek Dutschke sich allerdings in der historischen Einordnung des spektakulären Briefs geirrt. Sein Vater bezog sich in seinem Abschiedsbrief ja nicht - darin ist explizit und durch Unterstreichung hervorgehoben von der „gegenwärtigen Phase“ die Rede - auf das Attentat vom 11. April 1968. Er sah sich vielmehr von der Befürchtung getrieben, dass 1975 ein Mordanschlag auf ihn verübt werden könnte.

Birthler: Keine IM-Akte über Dutschke-Attentäter

Frau Birthler hat inzwischen mit der Mitteilung reagiert, dass sich in ihrer Behörde keine IM-Akte über den Dutschke-Attentäter befinde. Das muss nicht bedeuten, dass sich in ihrer Behörde irgendwann nicht doch noch Spuren finden lassen. Seit langem kursieren Überlegungen, Gerüchte und Vermutungen, dass hinter dem am Gründonnerstag 1968 am Berliner Kurfürstendamm verübten Attentat die Staatssicherheit gesteckt haben könnte. Einen ersten zeitnahen Hinweis darauf soll es beim Berliner Landesamt für Verfassungsschutz gegeben haben. Auffällig ist, dass der Attentäter aus der DDR stammte und nach seiner Übersiedlung in den Westen immer noch eine ganze Reihe von Kontakten nach Ost-Berlin unterhielt. Auffällig auch, dass die Hinweise auf seinen Neonazismus im wahrsten Sinne des Wortes plakativ erscheinen: Als man seine Münchner Wohnung aufbrach, stieß man auf ein großformatiges Hitler-Poster.

Bachmann ist wegen versuchten Mordes zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt worden und hat sich in der Nacht vom 23. auf den 24. Februar 1970 das Leben genommen. Gretchen Dutschke wirft in ihrer Biografie nicht grundlos die Frage auf: „War Bachmanns Selbsttötung seine freiwillige Entscheidung?“ Der einzige aus der damaligen APO, der auf seiner Beerdigung zugegen war, war kein Geringerer als Horst Mahler. Und dessen Vergangenheit liegt immer noch im Dunkeln.

Umfangreiche Vorlaufakte

In der Birthler-Behörde befindet sich immerhin eine umfangreiche GM-Vorlaufakte. GM steht für Geheimer Mitarbeiter, später wurde daraus IM. Aus diesem Dokument geht nicht hervor, ob Mahler jemals vom MfS verpflichtet worden ist. Doch auch das ist nicht auszuschließen. Ob das und vielleicht noch einiges andere ausreichen wird, um das Attentat von 1968 neu aufzurollen, das nach dem Todesschuss auf Ohnesorg am 2. Juni 1967 zweifelsohne die zweite Gelenkstelle in der 68er-Bewegung gewesen ist, wird sich erweisen müssen. Geheimdienst-Experten meinen, es sei aussichtslos , im Falle eines Auftragsmordes auf ein entsprechendes Dokument zu hoffen.

„Nasse Sachen“, also Aktionen mit blutigen, ja tödlichen Folgen, seien immer nur mündlich kommuniziert worden. Und was den Abschiedsbrief vom Februar 1975 betrifft, so hat Dutschkes damaliger Hausarzt eine ganz andere Erklärung parat. Er ist überzeugt, dass die darin zum Ausdruck gebrachte Angst am wahrscheinlichsten das Resultat einer tendenziellen Paranoia gewesen sei.

Dutschke habe fürchterlich unter den Folgen des Bachmann-Attentats gelitten. Sein Sprachzentrum war weitgehend zerstört. Es dauerte fast fünf Jahre, bis er - im Januar 1973 auf einer Vietnam-Kundgebung in Bonn - wieder auf einer Veranstaltung auftreten konnte. Er erlitt ein ums andere Mal epileptische Anfälle und war von einer ständigen Furcht geplagt, von Agenten angegriffen und überwältigt zu werden.

Tatsächlich war Dutschke in den 60er ebenso wie in den 70er Jahren Observierungsziel zahlreicher östlicher wie westlicher Geheimdienste. Seine zum Teil spektakulären Auftritte als Redner bei Teach-Ins und Protestversammlungen wurden genau protokolliert, zum Teil auf Band aufgenommen. Bei jedem seiner Auslandsauftritte - etwa in Holland oder Norwegen - war ihm zumindest ein amerikanischer Geheimdienst auf den Fersen.

Dutschkes Akten im ehemaligen Berliner Landesamt für Verfassungsschutz sind höchst unvollständig. Hinweise auf andere westliche Geheimdienste in Form von Berichten sind offenbar entfernt worden. Das gleiche gilt für Spitzelberichte und Protokolle von abgehörten Telefongesprächen. Auch gegenüber den in der Birthler-Behörde bereits vor über einem Jahrzehnt aufgefundenen Dutschke-Dokumenten ist Skepsis geboten. Sie spiegeln nicht das wirkliche Interesse an dem „Republikflüchtling“ und Gegner der SED wieder, der ja die Verhältnisse nicht nur in der Bundesrepublik und West-Berlin, sondern genauso stark auch in der DDR umkrempeln wollte.

Stunde der Verschwörungstheoretiker

Mit der vom ZDF verbreiteten Kurras-Meldung schlug zweifelsohne erneut auch die Stunde für Verschwörungstheoretiker. Inzwischen wird spekuliert, was noch alles auf das Konto der Staatssicherheit gegangen sein könnte. Doch es gilt, kühlen Kopf zu bewahren. Denn beileibe nicht alles, was im Zusammenhang mit der 68er-Bewegung ungeklärt geblieben ist, lässt sich auf das MfS zurückführen. So ist etwa die Rolle des Berliner Landesamtes für Verfassungsschutz mit seinem unseligen Agent Provocateur Peter Urbach bei der Transformation von Teilen der Studentenbewegung in eine militante Szene bis hin zur Gründung der RAF immer noch ungeklärt. Doch auch der ursprünglich bei der Reichsbahn der DDR angestellte Urbach - Spitzname „S-Bahn-Peter“ - ist eine merkwürdig schillernde Figur. Auch bei ihm ist nicht auszuschließen, dass er im Auftrag eines anderen Dienstes tätig gewesen ist und sich damit der Kreis auf eine nicht weniger überraschende Weise schließen könnte.

Wolfgang Kraushaar ist Politikwissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung.



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