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Brüssel

Das Licht der surrealen Vernunft

Von Alexandra Wach, 29.05.09, 19:42h

Brüssel hat ein neuen kulturelles Highlight: Ein Museum für den Maler-Magier René Magritte. Das neue Haus bietet dem Surrealisten eine raffinierte Bühne. Es beherbergt 250 Werke des belgischen Provokateurs.

Magritte
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Rätselhaft wie der Titel: Magrittes "La Voix du sang" (Die Stimme des Blutes), 1961. (Bild: Museum)
Magritte
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Rätselhaft wie der Titel: Magrittes "La Voix du sang" (Die Stimme des Blutes), 1961. (Bild: Museum)
Brüssel hat seinen Traum von einem großen Magritte-Museum wahr gemacht. Am 2. Juni öffnet das im klassizistischen Palais Altenloh an der Place Royale untergebrachte Prachtstück seine Tore. Gezeigt werden über 250 Werke des belgischen Surrealisten, von den ersten Gehversuchen im Stil des Konstruktivismus bis zu den Traumbildern der Spätzeit, die sich bis heute als Reproduktionen hartnäckig auf Plakaten und Kaffeebechern wiederfinden. Das Gros stammt aus dem benachbarten Königlichen Museum der Schönen Künste und aus Nachlässen der Witwe Georgette sowie der mit dem Paar befreundeten surrealistischen Dichterin Irène Hamoir Scutenaire. Ein Viertel der Ausstellungsstücke haben Privatsammler als Dauerleihgaben zur Verfügung gestellt.

Hinter der majestätischen Fassade in noblem Weiß verbirgt sich das Innere eines Kunsttempels, der den Geist diskreter Modernität atmet. Auf den Betonwänden in dunklem Grau blickt eingangs der stets elegant mit Schirm und Melone gekleidete Meister von riesigen Schwarz-weißen Fotografien herab. Mal sind seine Augen geschlossen wie im Schlaf, dann fixieren sie durchbohrend wach ein Selbstporträt, das sein junges Alter Ego im Anzug bei der Arbeit zeigt - eine Spielerei ganz nach dem Geschmack des Künstlers, der im Sichtbaren irritierende Widersprüche platzierte: in Gestalt von Tauben, die durch die Wolken flattern, als wären sie selbst ein Stück Himmel, oder mit Laternen, die vor nachtdunklen Fenstern in taghelle Himmel leuchten. Nicht zu vergessen natürlich die berühmteste Pfeife der Kunstgeschichte, der die Schrift darunter bestätigt: „Ceci n'est pas une pipe“ - nein, es ist keine reale Pfeife, die da posiert, es ist ein Bild - und die schrumpfende Realität der Objekte, die vor dem Zweifel kapituliert.

600 000 Besucher erhofft sich Brüssel im Jahr von seinem neuen Touristenmagneten. Eine raffinierte Beleuchtung schafft in den fensterlosen, schwarzen Sälen veritable Bühnen, wenn nicht gar Kinohöhlen. Der Flirt mit dem Unbewussten ist keine inszenatorische Marotte, er spiegelt die Leidenschaft Magrittes für die Illusionen des populären Films. Nicht besuchte Magritte regelmäßig das Kino. Der Cineast ging so weit, dass er Filmplakate entwarf und sich neben Porträts des Meisterverbrechers Fantômas ablichten ließ. Er häufte eine Sammlung von Stummfilmen an und drehte mit einer 8-mm-Kamera kleine Burlesken.

Die Einrichtung der Säle erfreut durch Understatement und Intelligenz. In Großbuchstaben gewähren kurze Texte einen Einblick in die Ideenwelt des Surrealisten, begleitet von Skizzen, Grafiken, Plastiken, Artikeln und Ankündigungen von Vernissagen. Die aus dem Museumsarchiv stammenden Schätze kommen in den Vitrinen, die im Innern der Wände eingebaut sind, wunderbar zur Geltung. Zusätzlich erhellen auf den drei Etagen, auf denen die maßgeblichen Schaffensperioden ausgebreitet werden, Briefe, Filme, Interviews und Fotos von Freunden und Georgette die Biografie des Sonderlings.

Dies beginnt mit den „Roaring Twenties“, als sich der noch gänzlich unbekannte Magritte mit kommerziellen Auftragsarbeiten über Wasser hält. Man sieht bezaubernd Szenerien schlafwandlerischer Herren, die in weißer Sportkleidung Cricket spielen, aber auch glamouröse Plakate für Musicals und Tango-Abende in Brüssel. Die populären Lieder dieser Zeit schallen aus einem digitalen, hell strahlenden Notenbuch, das wie von Zauberhand seine Seiten selbst umblättert. Anregend sind Fotografien, die der Anti-Bohemien von Details seiner Brüsseler Wohnung machte. Er führte ein beschauliches Vorstadtleben mit Frau, Hunden und Schachspiel. Diese Wohnung lässt sich noch heute in der Rue Esseghem 135 als Konkurrenzmuseum besichtigen, das die Vergangenheit perfekt konserviert. Ihre steile Treppe, die beigen Türrahmen oder der zugemauerte Kamin tauchen verfremdet in diversen Gemälden auf.

Teil zwei der Ausstellung widmet sich der Zeit nach dem dreijährigen Aufenthalt in Paris, wo Magritte Bekanntschaft mit dem französischen Surrealismus à la André Breton gemacht hatte, und endet mit dem späten Durchbruch in den USA, wo Anfang der 50er Jahre begeisterte Sammler seine Bilder aufzukaufen beginnen. Dazwischen fällt die von Angst und Schrecken beherrschte Zeit des Krieges und der deutschen Besatzung, in der Magritte düstere Visionen wie die der „Gesellen der Angst“ heimsuchten, eine Ansammlung brauner Eulen, die vor einer Bergkulisse aus Pflanzenblättern sprießen. Von der depressiven Verstimmung wechselt der stets kontrollierte Maler sodann zur berüchtigten Kuh-Phase, der „Période vache“ und tritt - wie zur ideologischen Untermauerung seiner verspätet ausgebrochenen Wildheit - für zwei Jahre in die kommunistische Partei ein. So abrupt diese Fratzenbilder und grellen Genitalien-Sottisen einsetzten, so schnell war der Spuk auch schon wieder vorbei.

Dieser Sternstunde des herrlichen Unfugs folgt im Finale der Einzug in die Riga der Malerfürsten, die ihren Erfolg bereits zu Lebzeiten erleben dürfen. Sie ist bezeugt durch wunderbar uninspirierte Urlaubsfotos des passionierten Stubenhockers aus Italien. In dieser Zeit entstehen Klassiker wie „L'Empire des lumières“ oder „Le Domaine d´Arnheim“. Das Museum hat gleich mehrere Varianten in petto, was nicht der Malwut des Künstlers geschuldet ist, sondern seiner Abneigung gegenüber dem vom Markt diktierten Wunsch nach einem Unikat. Selbst in diesen Jahren des späten Ruhms ließ es sich der als Kleinbürger getarnte Agent provocateur nicht nehmen, das Treiben der Außenwelt aus dem Gleichschritt zu bringen. Kaum auszudenken, zu welchen Scherzen ihn seine eigene Musealisierung inspiriert hätte.

Musée Magritte, Place Royale - Eröffnung am 2. Juni.



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