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Strategiewechsel

Gruner + Jahr im publizistischen Spagat

Von Jan-Phillipp Hein, 16.06.09, 18:22h

In der Medienkrise greifen auch altehrwürdige Verlage zu neuen Maßnahmen. Gruner + Jahr will sich zum Dienstleister entwickeln – am Hamburger Baumwall sollen künftig zum Beispiel mehr Kundenzeitschriften verlegt werden.

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Titel von Europas größtem Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr. (Bild: dpa)
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Titel von Europas größtem Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr. (Bild: dpa)
HAMBURG - Tradition wird in der Hansestadt groß geschrieben. So auch am Baumwall: Gruner + Jahr sei ein Medienhaus mit einer langen Tradition, hohem verlegerischen Anspruchs und Qualitätsbewusstsein, schreibt Vorstandsvorsitzender Bernd Buchholz im letzten Jahresbericht. Der Verlag gibt allein in Deutschland rund 40 Zeitschriften heraus, darunter den „Stern“, „Geo“, „Art“ oder „Schöner Wohnen“ - und hält auch eine Beteiligung am „Spiegel“. Nun will Buchholz mit der Traditionslinie brechen.

In der Springer-Zeitung „Hamburger Abendblatt“ wurde jüngst ausgebreitet, was Buchholz seinen Mitarbeitern noch nicht mitgeteilt hatte: In drei Schritten will er das Haus zum „Dienstleister für Verlage und andere Unternehmen mit angeschlossener Magazinproduktion“ machen. „Re-Inventing“ heißt der erste Schritt im Manager-Jargon - neu erfinden. Die Guner + Jahr-Blätter sollen bei „gleichbleibender Qualität zu geringeren Kosten produziert werden“, wobei einige verkauft und andere eingestellt werden müssten.

Das ist nicht neu. Die Kölner Titel „Capital“ und „Impulse“, aber auch die „Financial Times Deutschland“ und „Börse Online“ bekamen den harten Sparkurs bereits drastisch zu spüren. Da überrascht der zweite Schritt: „Expanding“ - ausweiten. Am Hamburger Baumwall sollen noch mehr Kundenzeitschriften als bisher produziert werden. Bereits jetzt lassen unter anderem Volkswagen, die Deutsche Bahn und die Lufthansa ihre Magazine bei Gruner + Jahr produzieren.

In die gleiche Richtung geht Schritt Nummer drei: „Geschäftskunden ansprechen, denen Fachinformationen, Datenbanken und die Organisation von Messen“ angeboten werden sollen. Im Klartext: Gruner + Jahr will sich verstärkt als Dienstleister aufstellen. Angesichts dramatischer Erlöseinbrüche werde nun „jede Chance für neue kreative Ideen genutzt“, so ein hochrangiger Gruner + Jahr-Manager im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Doch was bedeutet es, wenn sich ein Haus, das insbesondere für unabhängigen Wirtschafts-Journalismus steht, als Dienstleister für Konzerne begreift?

Medienökonomen finden die neue Strategie publizistisch gefährlich. Der Verlag begebe sich in eine größere wirtschaftliche Abhängigkeit von Kunden, über die er bislang berichten ließ. Matthias Maier, Professor für Medienmanagement an der Bauhaus-Universität Weimar warnt vor einer Beschädigung der publizistischen Marke Gruner + Jahr. „Für ein journalistisch hoch angesiedeltes Unternehmen ist das nicht zu vertreten.“ Ähnlich bewertet das Klaus Beck, Medienökonom und Professor an der Freien Universität Berlin. „Es gibt ja in der Printbranche eine Menge Konzepte, um das Kernprodukt quer zu subventionieren.“ Doch die Gruner + Jahr-Spitze wolle offenbar mehr. Nicht mehr nur Anzeigenkunden, die Erlöse für das Zeitschriftengeschäft bringen, sondern Kunden, die völlig unabhängig davon Dienstleistungen einkaufen. „In dieser Brutalität hat man das noch nicht gesehen.“

„Die Frage ist doch, wie frei sind Journalisten noch, die wissen, dass ihr Überleben vom ökonomischen Erfolg ihres Unternehmens in einem anderen Geschäftsfeld abhängt?", so Beck zu Bedenken. „Und das in einer Zeit, in der fundierter Wirtschaftsjournalismus gebraucht wird.“ - Die Belegschaft von Gruner + Jahr ist jedenfalls einmal mehr beunruhigt, sagt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende, Ralf Setzepfand. „Wir erfahren ja auch alles nur aus der Presse.“



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