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Kita-Streik

„Mama, sind die Erzieher sauer?”

Von Anja Katzmarzik, 16.06.09, 15:35h, aktualisiert 18.06.09, 10:14h

Während der Kita-Streik weiter geht, leiden immer mehr Kinder unter den Folgen. Sie sind verunsichert, weil sie nicht in ihre Kitas gehen dürfen. Und die Eltern? Fühlen sich allein gelassen.

Kindertagesstätte Streik Köln
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Eltern organisieren während der Kita-Streiks lieber in Eigeninitiative die Kinderbetreuung zuhause. (Bild: Christoph Hennes)
Kindertagesstätte Streik Köln
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Eltern organisieren während der Kita-Streiks lieber in Eigeninitiative die Kinderbetreuung zuhause. (Bild: Christoph Hennes)
Köln - Heute Morgen hat er wieder das Haus zusammen geschrien. Dabei war Tobias nie ein Schreikind. Er war es nicht, als seine vertraute Kindertagesstätte vor fünf Wochen das erste Mal bestreikt wurde, und es noch nicht einmal eine Notgruppe gab, in die der Sechsjährige hätte gebracht werden können.

Auch beim zweiten Mal hielt er noch still, als zumindest 20 von 60 Kindern in fremden Räumen notbetreut werden konnten. Beim dritten Mal gab es dann wieder keine Notbetreuung „aus für uns unerfindlichen Gründen“, sagt Mutter Renate Jaguttis erschöpft. Heute wird wieder gestreikt. Und morgen? Keiner kann der 45-jährigen eine verlässliche Auskunft geben.

Ihr Junge, den sie bis dato nie in eine Kita-Gruppe reinzerren musste („Höchstens raus.“) kommt mit der seit Wochen angespannten Situation „überhaupt nicht mehr klar“ und spürt auch den wachsenden Stress der Erwachsenen. Tobias hat Wahrnehmungs- und Entwicklungsstörungen - und braucht noch dringender als die Kinder ohne Einschränkungen in der integrativen Einrichtung in Klettenberg „einen geregelten Tagesablauf“.

Ihre Kinder, die das Wort „Tarifvertrag“ nicht verstehen, sind verunsichert, berichteten mehrere Mütter, die an diesem Tag um den Küchentisch von Melanie Majerus herum sitzen, und kurz innehalten. In dem Wohnzimmer der Ärztin toben heute fremde Kinder. Die Mütter wechseln sich ab mit der Betreuung seit immer wieder gestreikt wird. Es ist eng für so viele Kinder, aber es geht. Wenn es um wenige Stunden oder Tage geht. Doch langsam sind alle mit ihrer Geduld am Ende.

ksta.tv: Eltern machen Druck

Kinder fragen ihre Eltern, ob ihre Erzieherin sauer auf sie sei. Und ihre Mütter kommen in Erklärungsnot. Vor verschlossener Tür zu stehen oder beim dauerbesetzten Notfalltelefon der Stadt nicht durchzukommen ist auch nicht schön. Ebenso wie zu sehen, wie streikenden Erzieher nicht streikende attackieren. „Doch, wenn man sieht, wie das eigene Kind abbaut, ist das besonders bitter.“

Seit Wochen ruhen mit einem geregelten Wochenalltag auch die dringend notwendigen Ergo-, Logo-, Motopädie- und Physiotherapien für die geistig und körperlich behinderten Kinder in der Gruppe. „Alles fällt flach. Mit einer Notbesetzung ist das nicht zu schaffen.“ Wenn es sie überhaupt gibt.

Brüllen, beißen, treten

Viele Kindern gehe es „zunehmend schlechter“, sagt die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Claudia Wendland, die selbst zwei Kinder in dem Kindergarten hat. „Kinder mit Behinderung und ohne fangen wieder an, in alte Muster zurückzufallen. Es wird mehr gebrüllt, gebissen und getreten. Sie regredieren praktisch. Manche nässen wieder ein.“

Drachenfelsstraße, Düstemichstraße und anderntags geht es gleich bis ganz an den Stadtrand, nach Widdersdorf. Die Liste der Orte der Notunterkünfte, in die nur ein Bruchteil der Kinder an Streiktagen gebracht werden kann, ist eine „abwechslungsreiche“. Und die Eltern sind vor lauter Organisieren mit ihren Kräften am Ende.

Die Mütter und Väter („Unsere Männer haben wir heute in ihrer Mittagspause zum Demonstrieren geschickt.“) unterstützten die Anliegen der Arbeitskämpferinnen, doch deren Methoden seien die falschen. Wendland: „Man kann Kinder doch nicht so vor den Bug hauen. Für sie sind ihre Erzieherinnen Vertrauenspersonen, aber sie spüren den Streit. Sie fühlen sich zwischen Eltern und Erzieherinnen doch total zwischen den Stühlen.“ Auch die sehr engagierte Elternschaft hätte die Forderungen sicher mehr unterstützt, wenn andere Demonstrations-Formen gewählt worden wären.

Andrea Hillesheim ist „nur froh“, dass sie - anders als geplant - noch nicht wieder in ihren Beruf als Steuerberaterin zurück gekehrt ist. „Ich bin in der glücklichen Situation zur Zeit nicht arbeiten zu gehen“, sagt die 41-Jährige. Für Claudia Wendland trifft das nicht zu und das ist doppelt hart. Als selbstständige Therapeutin mit eigener Praxis bedeutet nicht zu arbeiten nicht nur, dass sie kein Geld verdient. „Das bedeutet auch, dass ich mich nicht um ein ganzes Wartezimmer voller Menschen kümmern kann, die meine Hilfe brauchen.“

Melanie Majerus kritisiert, dass die Kinder missbraucht würden und mit ihnen auf Stimmenfang gegangen werde. Renate Jaguttis ist hingegen einfach nur noch wütend. „Wenn die KVB streikt ist das lästig, aber das schafft man irgendwie. Dann geht man halt zu Fuß. Aber das hier hat eine ganze andere Qualität.“



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