Von Ekkehart Eichler, 19.06.09, 21:04h
„Schabenbunker“ wird der Neubau in Berlin-Dahlem volkstümlich genannt, doch diese Bezeichnung hören seine Insassen gar nicht gern. Vor allem, weil sie in die Irre führt: Zwar gibt es tatsächlich jede Menge Kakerlaken verschiedener Stämme und Herkunft, doch sie sind bei weitem nicht alles, was hier kreucht und fleucht. Zum Wohle der Volksgesundheit, so absurd das auf den ersten Blick scheinen mag.
Hingabe und Sensibilität
Gabriele Schrader ist eine von 20 Zoologen, Veterinärmedizinern, Tierpflegern und Laboranten, die nicht nur einen Kopf, sondern vor allem ein Herz für Läuse haben. Die Rattenflöhe, Bettwanzen oder Malariamücken ganz und gar nicht abstoßend finden, sondern sich ihnen im Gegenteil mit Hingabe, Sensibilität und viel Fingerspitzengefühl widmen. Die diplomierte Biologin leitet die Zucht im Erdgeschoss der Einrichtung. Gekachelte Räume hinter dicken Stahltüren, wo in Käfigen und chromblitzenden Brutschränken Heerscharen harmlos aussehender Tierchen unter standardisierten Bedingungen gehalten werden.
Doch der Schein trügt: In Wahrheit sind es Monster, die zu Abertausenden über uns herfallen, wenn sie nur den Hauch einer Chance dazu haben. Die uns heimtückisch quälen mit Stichen und Bissen. Die unser Blut saugen, bis sie fett und rund sind. Die uns Krankheiten bringen und Seuchen und manchmal sogar den Tod. Bösewichter und Plagegeister wie Taubenzecken, die sich keineswegs wählerisch notfalls auch beim Menschen bedienen, wenn sie kein Vogelblut auftreiben können. Pharao-Ameisen, die sich speziell in Krankenhäusern in Wunden, in Schleimhäuten und unter Verbänden einnisten und an Blut und eiweißreichem Eiter laben. Anopheles-Mücken, die Malaria übertragen, Aedes-Mücken, die Gelbfieber verbreiten - ein Riesenarsenal der schlimmsten Peiniger des Menschen, die hier aufs Feinste gehegt, gepflegt und gepäppelt werden. Mit frischem Tierblut, Bio- Obst und Bio-Hackfleisch oder speziellen Mastfuttermenüs - Schaben zum Beispiel bekommen eine Mischung aus Hundekuchenmehl, Haferflocken und Bierhefe verabreicht.
Denn alle diese Insekten, Glieder- und Spinnentiere müssen stark sein - zum Sterben. Ihr einziger Lebenszweck ist der Tod - so will es das Infektionsschutzgesetz. Bei einer behördlich angeordneten Schädlingsbekämpfung nämlich, so heißt es dort, dürfen ausschließlich Mittel und Verfahren eingesetzt werden, die „hinreichend wirksam sind und keine unvertretbaren Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit haben“.
2000 Todeskandidaten
Wenn also Kopfläuse einem Kindergarten zu schaffen machen, Kakerlaken eine Kantine unterwandern oder Bettwanzen ein Pflegeheim okkupieren, dann müssen die Mitarbeiter der Gesundheitsämter auf das amtlich geprüfte und anerkannte Arsenal für den Ernstfall zurückgreifen: Kontakt- und Fraßgifte, Klebefallen, Sprays, Lotionen oder Nebelgeräte - insgesamt ca. 200 Waffen verzeichnet die aktuelle Liste. Ein Hersteller, der ein neues Desinfektions- oder Entwesungsmittel auf den Markt bringen will, muss also in jedem Fall zunächst die Hürde „Schabenbunker“ erfolgreich nehmen.
Soll zum Beispiel ein neues Läusemittel getestet werden, braucht Gabriele Schrader zunächst 2.000 Todeskandidaten aus dieser deutschlandweit einmaligen Zucht, „dazu nehmen wir alternativ Kleiderläuse, weil man Kopfläuse nicht so gut züchten kann.“ Diese bekommen 18 Tage lang viermal pro Woche frisches Tierblut, bis sie prall geschwollen in ihren Schalen liegen bei einem Wellness-Mikroklima von 32 Grad und 60 Prozent Luftfeuchtigkeit.
Mit dem Wechsel in den zweiten Stock sind die fetten Tage dann allerdings vorbei. Im Reich der Gifte und Insektizide geht es den Quälgeistern an den Kragen; im Falle der Läuse prüft heute Fachgebietsleiterin und Veterinärmedizinerin Dr. Jutta Klasen das neue Mittel auf seine Wirksamkeit. Dazu besetzt sie in diesem Versuch eine echte Haarsträhne mit 30 Läusen und taucht sie gleichmäßig in das Testmittel. Nach einer exakt definierten Einwirkzeit wäscht sie es anschließend mit Shampoo oder Wasser wieder aus, genau so also, wie man den Kopf waschen würde. „Hat dann auch nur eine Laus die Prozedur überlebt, darf das Mittel nicht verwendet werden“, erklärt sie das so genannte Tilgungsprinzip: Dieses verlangt den Tod der gesamten Population. Alle sechs derzeit zugelassenen Insektizide und Medizinprodukte erfüllen also zuverlässig den Zweck der Läuse-Komplettvernichtung. Keines aber tötet zu hundert Prozent auch die Eier, aus denen nach sieben bis neun Tagen die neuen Larven schlüpfen. „Deshalb ist eine Nachbehandlung stets zwingend erforderlich“, beschreibt Jutta Klasen eines der Probleme beim Kampf mit der Laus.
Drei bis vier neue Präparate gegen Läuse prüfen sie und ihre Kollegen jedes Jahr, ähnlich sieht es bei Schaben aus. Die aufwändigen Tests können Wochen, mitunter auch Monate dauern. Zum Beispiel bei Bettwanzen, neben den Dauerbrennern Läuse und Schaben der aktuelle Plagegeist Nummer eins. Weltweit massiv auf dem Vormarsch durch globale Reisetätigkeit, riesige Migrantenströme und grenzenlosen Handel auch über das Internet.
Bettwanzen sitzen in Antiquitäten, Möbeln, Bilderrahmen, Trödel aller Art. Ihre Eier stecken in Bettgestellen, Matratzen, Obstkisten, Büchern, ja sogar CD-Hüllen. Sie befallen Jugendherbergen und Studentenwohnheime, machen aber auch vor renommierten Hotels keineswegs halt. Und haben sie ein Quartier erst einmal besetzt, braucht eine erfolgreiche Entwesung mittels Hitzebehandlung oder Kontaktgift vier bis sechs Wochen. Dazu muss schnelle und professionelle Hilfe auf wirksame Waffen zurückgreifen können, „doch von den letzten beiden Mitteln, die wir getestet haben, ist eines leider durchgefallen“, konstatiert Jutta Klasen nüchtern. Alltag in ihrem Geschäft: Im ewigen Kampf gegen die Bösewichter dieser Welt gewinnt nicht immer der Mensch. Aber er arbeitet ständig daran.
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