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Besuch im Kochstudio

Maggi und seine Mythen in Tüten

Von Maria Bueche, 08.06.09, 21:03h

Deutschlands bekannteste Küche feiert runden Geburtstag: Seit 50 Jahren steht das Maggi Kochstudio für Kontinuität und Vertrauen - mit Fertig-Produkten aus der Tüte. Unsere Autorin hat den schonungslosen Selbstversuch gemacht.

Maggi Kochstudio
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Vorführküche noch in schwarz-weiß: das Maggi Kochstudie 1970. (Bild: Maggi)
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Vorführküche noch in schwarz-weiß: das Maggi Kochstudie 1970. (Bild: Maggi)
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Vorführküche noch in schwarz-weiß: das Maggi Kochstudie 1970. (Bild: Maggi)
Maggi Kochstudio
Rot und Gelb - ich bin drin, im Maggi-Kochstudio in Dortmund, gefühlt also im Fernsehen. Man fühlt sich nicht neu, denn eigentlich kennt man das ja schon: die netten Damen mit den Logo-bestickten Schürzen in der Blitzblank-Küche. Rot und Gelb. Statt einer dudeligen Wiedererkennungsmelodie singt Peter Fox gedämpft „Ein Haus am See“. Aber von wegen wegfahren, um 18 Uhr sind alle angekommen, beim Tex-Mex-Kochkurs, mit mir 13 Teilnehmer, denen es total egal ist, dass das Maggi Kochstudio als Institution heute 50 wird. Am 9. Juni 1959 ging in Frankfurt das erste seiner Art an den Start, den Ableger in Dortmund gibt es seit rund zwei Jahren. Also mal sehen, was in Deutschlands bekanntester Küche wirklich passiert und warum man in einer Marken-Kochschule mit Markenprodukten Kochen lernen sollte, obwohl es einem die riesige Produktpalette doch angeblich so einfach macht, ohne großen Zeit- und Denkeinsatz zu Schmackhaftem zu kommen.

Seit der Gründung wird dem Werbepublikum versichert, das Kochstudio sei der Ort, an dem ein ums andere originelle Rezept ausgeklügelt wird, in dem man dann schließlich die hauseigenen Pulver, Suppen und Saucen optimal einsetzen kann. Gleiches hier: „Tex-Mex - tolle Partyküche“, der Kochkurs verspricht für 36 Euro texanisches Fingerfood und BBQ-Wissen. Das sollen wir nun von den Kochkursleiterinnen Sandra und Susanne vermittelt bekommen. Alles bleibt oberflächlich, die Grill-Kunde kennen alle schon. In der kurzen Wareneinführung wird die Avocado vorgestellt. Vom Wahrheitsgehalt her wild wird aus einer Roten Peperoni kurzerhand eine Jalapeño-Schote. Soll man sich jetzt auf eine Schoten-Diskussion der Korrektheit wegen einlassen? Nein, denn die Kochwahrheit liegt im Maggi-Mythos. Alle sind hungrig und wollen an die Herde. Alle - das sind zumeist Wiederholungstäter, von denen keiner aussieht, wie ein kulinarisches Greenhorn: Ein Herr 50+, der auch schon mal bei „Chinesisch“ war. Die Apothekerin Alice mit zwei Angestellten, als Trio zum dritten Mal vor Ort. „Weil es immer sehr lustig ist und man trifft nette Leute“, sagt Alice. Ein Profi-Kurs für 90 Euro ist ihr zu teuer, hier herrscht Alltag.

Mischung 1,3 oder 5

Die Gerichte werden vorgestellt. Das Los entscheidet, ob man bei der feurigen Tortilla-Suppe oder dem Texanischen Bohnensalat mitschnibbelt. Hilde und ich machen den Fisch: Pangasius-Filet mit Gambas in Knoblauch-Vanille-Öl. Es wird sich herausstellen, dass hier das einzige Gericht mit einem Minimal-Raffinement entsteht. In der Zutatenliste findet sich tatsächlich auch nur ein Selbstvermarktungsposten, nämlich die Würzmischung Maggi NaturPur Bio Salatsauce Gartenkräuter. Die übrigen Gruppen hantieren mit den Maggi Würzmischungen 1, 3 oder 5 für gebratenes Fleisch, pikantes Geflügel oder Hackfleisch, mit Maggi Internationale Würzsauce Texicana Salsa, Maggi fix & frisch Chili con Carne oder Maggi Meisterklasse Zwiebelsuppe Feinschmecker Art. Dahin geht die Reise: Lieber mit Mischungen aus modifizierter Stärke, Maltodextrin und Zwiebelpulver würzen, als individuell und natürlich abschmecken. Kochen, bis der Sod brennt.

Hilde ist zum sechsten Mal im Kochstudio. Nach fünf Besuchen gibt's einen Kurs gratis. An Hilde versuche ich das Phänomen Kochen lernen mit Maggi-Produkten zu ergründen. Hilde hat immer gekocht, trotz Vollzeitjob und Familie. Sie ist offensichtlich erfahren und versiert. Seit kurzem ist Hilde in Rente. „Kochen ist meine große Leidenschaft“, sagt sie und fühlt sich vielleicht in dem Maggi-Slogan von der „kochenden Leidenschaft“ verstanden. Aber warum hier, warum mit so vielen Fertig-Pulvern und Würz-Krücken? Das stört sie nicht, sie weiß den Wert frischer Waren durchaus zu schätzen. Hilde interessiert sich für internationale Küche, die Datenbank bei maggi.de kann sie für Stunden an den Bildschirm fesseln. Sie schwärmt von der Produktqualität im Studio. Sie mag die kommunikative Seite der Kurse. In einem ging es um Weihnachten. Und das Menü, das später auch der Familie vorgesetzt wurde, kam super an: Gänsebrust mit Gewürz-Crumble - „unwahrscheinlich lecker“. Die Mischungen findet sie praktisch, warum auch nicht? Das Vanille-Öl für die Gambas stuft sie als hoch originell ein. Und plötzlich strahlt Hilde alles aus, was für Fans wohl die Faszination der Produkte ausmacht: Vertrauen. Die erhoffte Aromenrichtung zu treffen ist für sie nicht Wagnis, sondern Gewissheit.

Kein Risiko bei der Zubereitung

Das Risiko, mit einem Gericht nicht zu reüssieren, wird vermeintlich verringert, das Kochen scheint vereinfacht, das Resultat verlässlich. Was das mit Leidenschaft und echter Experimentierfreude zu tun hat? Warum dieses Misstrauen gegenüber den eigenen Fähigkeiten? - dazu kommen wir nicht mehr. Nach knapp zwei Stunden wird aufgetischt. Die Ergebnisse sind erschreckend: Die Tortilla-Suppe ist nicht scharf, dafür ein heftiger Hungerkiller, der keine Nachfolger duldet. Trotz drei gehäufter Löffel Maggi Gartengemüse Bouillon bleiben die Maisbrot-Muffins fade Teigsteine. Die Drumsticks, Hähnchenkeulen in Zwiebel-Cola-Marinade, sind innen noch roh, die Schweinerippchen nicht mürbe, sondern trocken, die mit Tomaten, Bohnen und Käse gefüllten Weizenmehl-Tortillas gähnend langweilig und die „Nachos Texicana“, Tortilla-Chips, Paprika und Mais im Gouda-Grab, bleiben in sich ein unverständliches Gericht.

Aber meckern ist leicht, den Mitkochern schmeckt's, der Taco-Salat ist ein Renner, der Fisch reüssiert und keiner wundert sich, dass wir nicht gelernt haben, die Hähnchen richtig zu garen oder den Burritos aromatisch Seele einzuhauchen. Auch wundert sich niemand über die alles umgebende Verkaufsplattform. Maggi-Tütensaucen im Regal, Gewürzmischungen auf dem Küchenblock, neben der Spüle 5-Minuten-Terrinen, auf der Toilette an der gelben Tür die Animation zum Kauf eines Nostalgie-Werbeplakats.

Wahrscheinlich wundert sich auch keiner über den Höllendurst, den mit Geschmacksverstärkern und künstlichen Aromen überwürzte Gerichte verursachen, der bei ungeübten Essern auch am nächsten Tag noch anhält. Und niemand stört sich an dem ganz eigenen Aroma, den die hochverarbeiteten Zutaten der fertigen Saucen und Mischungen mit sich bringen. Die sind nur noch wahrnehmbar, wenn man sich eben an sie noch nicht durch Dauereinsatz gewöhnt hat. Und die Leidenschaft? Nirgends. Für eine Werbeveranstaltung 36 Euro zu bezahlen bleibt eine persönliche Entscheidung. Ich halte es mit Peter Fox: „Ich muss mal weg“.



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