Von Kirsten Boldt, 15.06.09, 19:38h, aktualisiert 18.06.09, 10:14h
Schließlich war es nicht nur ein Tag für weitere Verhandlungen mit den kommunalen Arbeitgebern über mehr Gesundheitsschutz und mehr Geld. Es war auch ein Tag, an dem sich zum ersten Mal Spitzenpolitiker von vier Parteien mit den Forderungen der Erzieherinnen solidarisch erklären wollten.
„Alles nur Lippenbekenntnisse“, meinte Ilse Marie Dangers abschätzig zu den angekündigten Auftritten der Polit-Prominenz auf der Verdi-Bühne auf dem Heumarkt. „Die sind ja nicht unsere Verhandlungspartner.“ Welch hohe Bedeutung sich die Erzieherinnen inzwischen selbst zusprechen, davon kündeten ihre massenhaft getragenen, knallroten T-Shirts mit der Aufschrift „Zukunftsgestalterin“. Mit Riesentransparenten, jeder Menge Fahnen, Triller-Pfeifen und Samba-Trommeln zog ein langer Demonstrationszug von Ehrenfeld aus durch die Innenstadt in Richtung Rhein. Als die ersten Frauen den Heumarkt erreichten, hatten die letzten Ehrenfeld gerade verlassen.
Eine sinnigerweise parallel verlaufende Grünschnitt-Aktion verschärfte den Verkehrsstau an der Inneren Kanalstraße. Der Heumarkt konnte als Kundgebungsort diese große Frauenversammlung gar nicht fassen, die Polizei hatte deshalb zusätzlich die Deutzer Brücke halbseitig gesperrt. Auch dort konnte die Kundgebung über Leinwände verfolgt werden. Die Stimmung war kämpferisch, ihr konnte auch der stundenlange Nieselregen nichts anhaben, zumal Wolf Maahn und seine Band mit Rockrhythmen das bunte Schirmmeer vor den Bühnen immer wieder Wellen schlagen ließ.
„Wir wollen von Köln aus ein starkes Signal senden“, rief Verdi-Vorsitzender Frank Bsirske der Menge zu. Dazu gehörten für ihn auch die Politiker-Auftritte. „Wir wollen wissen, wie es die Politik mit der Bildung hält.“ Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen gab die Verständnisvolle: „Ihre Anliegen sind berechtigt“, sagte sie zu den Wünschen nach besseren beruflichen Perspektiven und höherer Vergütung. „Das kostet jedoch Geld. Es ist die Frage, was ist uns gute Förderung wert?“ Sie wünschte „eine schnelle Lösung“ in den Verhandlungen.
Da bezog der SPD-Parteivorsitzende Franz Müntefering deutlicher Position. „Wir wollen uns einmischen“, betonte er. Bund, Länder und Kommunen müssten gemeinsam an einem Strang ziehen. Die Themen Integration von Behinderten und Aufhebung der Sprachbarrieren seien zentral geworden für die Zukunft der Gesellschaft. Das Kooperationsverbot, das dem Bund in Sachen Bildung die Einmischung in Länderangelegenheit nimmt, sei „an dieser Stelle Quatsch“.
In diese Kerbe schlug auch Gregor Gysi, Fraktionsvorsitzender „Die Linke“: „Wir sind weit entfernt von einer Chancengleichheit für alle Neugeborenen.“ Deshalb sei er gegen 16 verschiedene Bildungssysteme und für ein System für die ganze BRD.
„Wir brauchen jetzt einen Krippengipfel und nicht erst 2013“, machte Renate Künast, Fraktionsvorsitzende der Grünen, Dampf und ging zum Jubel der Zuhörerinnen die herrschenden Parteien direkt an: „Wir brauchen eine Bundesregierung, die den Mut hat, Gruppengrößen in einem Gesetz festzuschreiben.“ Großgruppen von 20 Kindern mit zwei Erzieherinnen - „das geht nicht.“ Zur Finanzierung schlug sie einen Bildungssolidarbeitrag vor.
Für ihre wohl meinenden Worte erhielten die Spitzenpolitiker immer wieder gellenden Trillerpfeifen-Zuspruch. Aber das war nichts gegen das ohrenbetäubende Beifallsgetöse, das der Kabarettist Wilfried Schmickler für seine bissige Schimpfkanonade auf „all die Von-der-Leyens und ihr Lamentieren“ erhielt. „Das sind dieselben Leute, die den Steuerabzockern zur Zeit den Zucker kiloweise in den . . . blasen. Jetzt machen sie auf tiefbetroffen“, tobte Schmickler unter dem Jubel der Zuhörer. Warum Politiker jetzt auftreten würden, darauf hatte er eine Antwort: „Die haben Angst, dass etwas in naher Zukunft den Bach runter geht: Das ist der viel beschworene soziale Friede. Aber der Krieg ist längst da.“ Da genüge ein Blick in die Schulen: „Wenn es da Mord und Totschlag gibt, dann sind Mord und Totschlag längst Alltag in unserer Gesellschaft.“ Politiker schauten derzeit tatenlos zu, wie eine ganze Generation zu Verlierern heranwüchse.
Dagegen gewann der Verdi-Vorsitzende Franz Bsirske den Politikerauftritten als Unterstützung der Gewerkschaftsziele mehr ab. Und er dankte ausdrücklich „allen Eltern, die sich an die Seite der Erzieherinnen stellen“. Denn wenn es in dieser Verhandlungswoche zu keiner Einigung kommen sollte, werde weitergestreikt, kündigte er an: „Diese Auseinandersetzung fechten wir jetzt aus.“
Von der Aussicht auf weitere Streiktage sind allerdings mehr und mehr Eltern nicht mehr erbaut - auch wenn sie die Forderungen der Erzieherinnen befürworten. „Berufstätigen Eltern reicht es“, meldet sich der Verband berufstätiger Mütter. Sie fühlen sich vor den falschen Karren gespannt und vermissen einen Einsatz der Gewerkschaft für einen bessere Ausbildung der Erzieherinnen und bessere Personalausstattung.
Noch einen Verkehrsstau mussten die Kölner hinnehmen, als sich nach der Kundgebung ein letzter Demonstrationszug über die gesperrte Deutzer Brücke in Richtung Messe zu den Bussen bewegte. Mit Erzieherinnen, die so entschlossen wie seit Jahren nicht für ihre Sache eintreten, wie Jutta Knoll aus Bremen sich bewusst ist: „Es ist nicht nur für uns. Es ist auch für die Kinder. Für die Familien. Für alle.“
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