Erstellt 19.06.09, 15:46h, aktualisiert 19.06.09, 15:46h
Für die Eindrücke der Journalistin spricht eine Fülle an Zahlen. Was das für die Arbeit von Politikern und Nichtregierungsorganisationen sowie für die Bevölkerung in den betroffenen Ländern bedeutet, versuchten Experten am Donnerstagabend auf einer Podiumsveranstaltung der Deutschen Welthungerhilfe in Bonn zu ergründen - einen Tag bevor die Welternährungsorganisation FAO bekanntgeben sollte, dass die absolute Zahl der Hungernden weltweit erstmals die Grenze von einer Milliarde Menschen durchbrochen hat. Tag für Tag sterben 25.000 Menschen an Unterernährung.
Teufelskreis durchbrechen
Ein Drittel der globalen Militärausgaben würde genügen, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, betonte die ugandische Umweltaktivistin Norah Owaraga. Aber es dürfe nicht nur um Geld gehen. Gefragt sei vielmehr ein Bewusstseinswandel auf breiter Basis. Der Wohlstand müsse besser verteilt werden. Ein Appell, der bei Benedikt Haerlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft auf offene Ohren stieß. Die westlichen Nationen müssten ihren Lebensstil ändern. "Viel wäre schon gewonnen, wenn wir unseren Fleischkonsum von derzeit bis zu 85 Kilogramm pro Jahr und pro Person auf das weltweite Mittel von 37 Kilogramm reduzierten", so der ehemalige Abgeordnete der Grünen im Europaparlament. Dann stünden auch wieder mehr Ackerflächen für den Anbau von Grundnahrungsmitteln zur Verfügung.
"Agrarromantisch" nannte der scheidende Welthungerhilfe-Vorsitzende Hans-Joachim Preuß den Ansatz Haerlins. Allein mit wachsendem Wohlstand werde auch in anderen Teilen der Welt der Fleischkonsum steigen. "Und ich will dem Kenianer oder Argentinier sein Schnitzel auf dem Teller nicht verwehren", so der promovierte Agrarökonom. Deswegen sei eher zu fragen, wie die landwirtschaftlichen Erträge künftig weiter gesteigert werden könnten. Als Beleg präsentierte auch Preuß Zahlen. Zwischen 1969 und 2004 habe sich die Weltbevölkerung von drei auf sechs Milliarden Menschen verdoppelt, der Anteil der Hungernden gleichzeitig halbiert. Dies sei nicht zuletzt dank neuer Erkenntnisse und wissenschaftlicher Errungenschaften möglich geworden.
Reizthema "Grüne Gentechnik"
Ob angesichts dieser Tatsache auch gentechnisch verändertes Saatgut infrage komme, hätte vielleicht BASF-Vertreter Rainer von Mielecki beantworten können. Doch der vermied das Reizthema "Grüne Gentechnik" und forderte stattdessen, mehr industrielles Knowhow aber auch materielle Unterstützung in die Förderung von kleinbäuerlichen Strukturen in Entwicklungsländern fließen zu lassen. Dafür jedoch bedürfe es grundlegender Änderungen auf den Weltmärkten, betonte der irische Agrarexperte Tom Arnold. Immerhin lebten 80 Prozent der Hungernden in Ländern, die landwirtschaftliche Erzeugnisse in mehr oder weniger großem Stile exportierten.
Manchmal hakt es aber auch an ganz einfachen Dingen, wie Norah Owaraga erläuterte. In vielen afrikanischen Ländern seien Frauen fast gänzlich von eigenverantwortlicher Erwerbsarbeit ausgeschlossen. Viele Ressourcen blieben deswegen ungenutzt. "Das ist für uns fast schlimmer als der Klimawandel", sagt die Uganderin, die in ihrer Heimat einen Lehrbauernhof betreibt. Es sind solche Geschichten hinter den nackten Zahlen, die Karin Steinberger in ihrem Film erzählen will. Die ARD zeigt ihn am 3. Januar 2010. Bis dahin werden voraussichtlich weitere vier Millionen Menschen an Hunger gestorben sein. (kna)
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