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Heinrich-Mann-Gymnasium

Wer Zeitung liest, kann besser mitreden

Von Kirsten Boldt, 25.06.09, 16:22h

Drei Wochen lang kam der „Kölner Stadt-Anzeiger“ zum Deutschunterricht in die achten Schuljahre im Heinrich-Mann-Gymnasium. Am Ende erstellen die Schüler in Thomas Kahls Klasse selbst Themenseiten.

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Bei der täglichen Lektüre lernten Schülerinnen und Schüler, Information und Meinung zu unterscheiden. (Bild: Worring)
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Bei der täglichen Lektüre lernten Schülerinnen und Schüler, Information und Meinung zu unterscheiden. (Bild: Worring)
Chorweiler - „Medienerziehung ist ja im Lehrplan verankert, und angesichts der Alternative, dafür entweder trockene Schulbücher zu nehmen oder „Zisch“ haben wir uns lieber für das tolle Angebot der Zeitung entschieden.“ Als Deutschlehrer am Heinrich-Mann-Gymnasium in Volkhoven hatte sich Thomas Kahl mit drei weiteren Kolleginnen und Kollegen zur Teilnahme angemeldet, die Schülerinnen und Schüler aller achten Klassen sollten drei Wochen lang täglich den „Kölner Stadt-Anzeiger“ erkunden und sich mit dem Medium Zeitung auseinandersetzen.

„Am Anfang hatten wir da keinen Bock drauf“, gibt Lina Oujegova (14) ganz offen zu. Aber jetzt, gegen Ende des Projekts, als die Schüler in kleinen Gruppen selber eine ganze Zeitungsseite zu einem Thema gestalten, fotografieren und schreiben sollen, „macht es Spaß“. In kürzester Zeit haben sich die 27 Schüler, verteilt in kleinen Gruppen, entschieden; ihre Interessen reichen von einer aktuellen Schultheateraufführung über die Schweinegrippe und dem Confed Cup bis hin zu den Demonstrationen der Milchbauern und den Aufständen in Iran. Dass gesellschaftspolitische Themen überwiegen, führt Thomas Kahl auf die starke Beschäftigung mit der Zeitung zurück. Seine Schüler sehen das wohl auch so. „Ich weiß jetzt mehr, und wenn meine Eltern über etwas sprechen, kann ich auch was dazu sagen“, erzählt eine Schülerin. Eine Erfahrung, die sie selbstbewusster gemacht hat. Ein Schüler hat „im Internet weitergelesen“, wenn ihn ein Thema interessierte. Ein anderer hatte aus der Zeitung erstmals etwas über die derzeit geführten Kriege erfahren. „Ich wusste gar nichts davon“, meint er betroffen. „Jetzt lese ich darüber jeden Tag.“

Das neue Gefühl, besser informiert zu sein, ist für die Jugendlichen offenbar ein gutes Gefühl. Dass eine solche Erfahrung entstehen konnte, erreichte Thomas Kahl auch durch den Auftrag an die Schüler, ein Lesetagebuch zu führen. Jeden Tag hat Tabita Jahn (14) einen Text aus der Zeitung ausgeschnitten und dazu geschrieben, warum sie gerade diesen ausgewählt hatte. Die Windhose ein Roggendorf-Thenhoven findet sich in ihrer Mappe, ebenso wie Donald Ducks 75. Geburtstag, aber es gibt auch inhaltlich anspruchsvolle große Artikel zu gefälschten Medikamenten und dem Umgang von Bankern mit Sparern. „Den Sportteil habe ich nie angeguckt“, meint sie.

Das war eher Jungssache. Auf die Frage, über welche Themen sie als Schüler gerne mehr lesen würden, kam die Antwort aus vielen Schüler-Kehlen: „Mehr Sport!“ Die Mädchen interessierten sich eher für die Panorama-Seite - „Was die Stars so machen“ - , das Magazin und den Lokalteil. Viele wünschen sich: „Mehr Bilder!“ und „Bunter!“

Ihrem Lehrer ging es jedoch mehr darum, dass die Jugendlichen lernen, die Nachrichten-Spreu vom Weizen zu unterscheiden. Dafür regte er zum Vergleich dreier Zeitungen an und verteilte ein renommiertes überregionales Blatt, ein Boulevard-Blatt und den „Kölner Stadt-Anzeiger“ an kleine Schülergruppen. Die Ergebnis-Präsentation vor der Klasse zeigte, dass der Blick inzwischen wohl geschärft worden war: „Da ist Meinung in der Überschrift, und hier gibt es extra Seiten für die Meinung.“ Begriffe wie Ressort und Feuilleton fallen in den Schülervorträgen. „Solche Wörter kannte ich vorher gar nicht“, räumt eine Schülerin hinterher ein.

„Lesen, lesen, lesen“ sollten seine Jugendlichen, das war für Thomas Kahl ein wichtiges Ziel. Dabei half ihm das Zisch-Projekt, denn: „Mit der Zeitung kam jeden Tag was Neues. Das hat die Schüler neugierig gemacht.“ Von der Kooperation großer Medien mit der Schule ist auch sein Chef, Schulleiter Michael Mohr, angetan. Er freut sich, dass Kollegen das Projekt mitgemacht haben: „Das ist ja ein Geschenk für die Schule, es enthält so viele Bildungsdimensionen.“ Das Erarbeiten der Zeitung sei Lebensnähe, ein produktiver Prozess für Schüler. Das mache auch den Unterricht interessanter.

Es hat schön längst zur Pause geschellt, da wird in der „Schweinegrippe“-Gruppe noch eifrig weiter an der Karte der weltweiten Verbreitung gemalt und diskutiert: „Wir brauchen ein Interview, wen können wir denn nehmen?“ „Einen Arzt?“ „Welchen denn?“ „Und Fotos? Aus dem Internet?“ Am Ende des Schuljahres werden selbst gemachten Seiten eine hochinteressante Zeitung ergeben. Ganz sicher.



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