Von Corinna Schulz, 25.06.09, 22:00h, aktualisiert 26.06.09, 16:53h
In dem kleinen Sendebetrieb stehen die Telefone während der Sendung nicht still. Über TV Persia tauschen sich die Menschen aus, warnen sich gegenseitig vor dem glühend heißen Wasser der Wasserwerfer, geben Standorte durch, wo man sich trifft oder die man lieber meiden sollte. Eine 17-Jährige wird zugeschaltet: „Bitte lasst uns hier nicht allein!“ „Ihr seid nicht allein“. Ghiassi erzählt von den tausenden
Demonstranten, die in Köln aus Solidarität durch die Innenstadt ziehen, spricht über die breite Berichterstattung in den westlichen Medien. „Die Menschen in der ganzen Welt fühlen mit Euch!“
Nach zwei Stunden gehen die Lichter im Studio aus. Für Kashayar Ghiassi endet ein langer Arbeitstag. Neben dem Sender, den er nach dem Vorbild von MTV gegründet hat und an dem er zu 49 Prozent beteiligt ist, betreibt der studierte Hautarzt noch eine Praxis in Essen. Die Bilder der vergangenen Tage lassen ihn nicht los, sie sind da - 24 Stunden. Er war seit über 20 Jahren nicht mehr im Iran und er wird auch kaum mehr zurückkehren können, weil das Regime ihn wegen systemkritischer Äußerungen schon vor Jahren auf die Schwarze Liste gesetzt hat. Der Sohn eines durch die Revolution
enteigneten Großgrundbesitzers hat in Deutschland studiert, er liebt die Freiheit, die er hier genießt, die Demokratie und
die Gleichheit von Mann und Frau vor dem Gesetz. Jetzt will er die Iraner unterstützen, für ihre Freiheit zu kämpfen. „Die Menschen brauchen uns jetzt mehr denn je.“ Aus dem unscheinbaren grauen Zweckbau in Hürth versorgen die 18 überwiegend iranische Mitarbeiter ihre Landsleute in der Heimat mit dem, was sie in dem abgeschotteten Land derzeit am meisten brauchen - unzensierte Information.
Eigentlich ist TV Persia für diese Mammutaufgabe gar nicht ausgerüstet. Bis vor zwei Wochen zeigte der persischsprachige Unterhaltungssender, der seit März 2008 täglich 24 Stunden auf Sendung ist, vor allem Musikvideos westlicher und orientalischer Stars. Über Satellit kann das Programm auch in Europa,
Asien und Nordafrika empfangen werden. In seiner „Friday Night Show“ saß Moderator Ghiassi bis vor Kurzem noch mit iranischen Showstars, Musikern und Modedesignern auf dem Studiosofa. Auch der persische Superstar, das Pendant zu „Deutschland sucht den Superstar“, wurde in Hürth gekürt. Dann kam die Wahl und mit der Wut der Bevölkerung über den manipulierten Ausgang auch „Die Bewegung“, wie Ghiassi es nennt.
„Wir konnten einfach keine leichte Unterhaltung mehr senden, während im Iran auf den Straßen Menschen sterben.“ Der Wahlbetrug habe den Protest erst möglich gemacht. „Das war eine Chance, Glück im Unglück. Es ist das erste Mal, dass die Menschen seit 30 Jahren auf die Straße gehen und endlich sagen, was sie wollen“, sagt Ghiassi.
Der Sender stellte das gesamte Programm um und Ghiassi und sein Team schafften es, mit den geringen technischen und finanziellen
Mitteln, täglich live auf Sendung zu gehen. Das bedeutet Überstunden und lange Nachtschichten. Sie sichten das Film- und Fotomaterial, das die Zuschauer aus dem Iran schicken, entscheiden was gezeigt wird und was nicht. Dabei ist Glaubwürdigkeit das größte Kapital.
Um zu gewährleisten, dass alle Bilder und Film echt sind, greifen die Mitarbeiter auf ihr umfassendes persönliches Netzwerk im Iran zurück. Sie stehen in ständigem Kontakt zu Familien und Freunden im ganzen Land und versuchen Zeugen für die Berichte zu finden. „Wir sind sehr vorsichtig. Hundertprozentige Sicherheit gibt es natürlich nicht“, räumt Ghiassi ein. Um ihre Gesprächspartner im Iran nicht zu gefährden, werden Festnetztelefonate
vermieden. „Wir haben uns andere Kommunikationskanäle gesucht.“
Dem Regime in Teheran ist das aufklärerische Störfeuer aus Hürth bereits seit längerem ein Dorn im Auge. Obwohl Ghiassi sich in seinen Moderationen politisch neutral äußert und das System nicht direkt angreift, weiß der 44-Jährige zu gut, dass der lange Arm der Machthaber in Teheran auch bis nach Hürth reichen kann. Um die Macht der Bilder und Augenzeugenberichte einzudämmen, versucht das Regime den Satellitenempfang zu unterbrechen. „Fast die Hälfte aller Haushalte sieht nur noch Schwarzbild“, weiß Ghiassi aus seinen Quellen. Auch im Internet ist der Sender nicht mehr zu sehen. Die Regierung hat die Übertragungsgeschwindigkeit stark herunter gesetzt. Es dauert Minuten, bis ein Bild hochgeladen wird.
Die freie Berichterstattung hat allerdings auch ökonomisch ihren Preis. Mehr als die Hälfte der Werbekunden, überwiegend Unternehmen aus dem Nahen Osten, aber auch große westliche Konsumgüterkonzerne, sind in den vergangenen zwei Wochen abgesprungen. Die Führung in Teheran habe massivem Druck auf die Firmenvertreter ausgeübt, sagt Ghiassi. Dem Sender soll der Geldhahn zugedreht werden. Nun kämpft TV Persia ums Überleben. „Wir können noch ein paar Wochen durchhalten, dann ist Schluss“, sagt Ghiassi. Nur rund 100 000 Euro kostet der monatliche Sendebetrieb, bislang schrieb das Unternehmen schwarze Zahlen. Zwar haben die Mitarbeiter bereits angeboten, auch ohne Geld weiter zu arbeiten, aber Ghiassi lehnt das ab. Auch einen Spendenaufruf bei den Zuschauern will er nicht . „Die Leute im Iran haben solche Schwierigkeiten, sie kämpfen nicht nur für ihre Freiheit, sondern auch um das tägliche Überleben. Ich könnte nie etwas von ihnen annehmen. “
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