Von Emmanuel van Stein, 26.06.09, 19:28h
Diese Zeit nahm er sich: Zwanzig Jahre lang schrieb Marcel Proust (1871-1922) an seinem Gesellschaftsroman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Mit sieben Bänden und rund 8150 Seiten gehört Prousts Hauptwerk zu den monumentalen Dichtungen der Literaturgeschichte. Kaum zu glauben, dass der französische Schriftsteller darüber hinaus die Zeit fand, Briefe über Briefe zu verfassen. Prousts Korrespondenz (5000 Briefe sind bekannt und wurden publiziert) vermittelt das schillernde Bild eines Dichters, der sich mit Vorurteilen und schweren Krankheiten plagte, sein Vermögen an der Börse verlor und die Kritikerpäpste seiner Zeit bedrängte, über ihn und befreundete Kollegen zu schreiben. Dafür lud er auch schon mal zu einem Essen ins Pariser Nobelhotel Ritz ein.
Die Kölner „Bibliotheca Proustiana Reiner Speck“ beherbergt rund 80 dieser Briefe, in denen es immer wieder auch um die Arbeit an der „Recherche“ geht. Viele von ihnen - an die Mutter und seine besten Freunde, an Damen der Pariser Gesellschaft, Schriftstellerkollegen und an Literaturkritiker - sind unpubliziert und noch nicht übersetzt. Nach einer ersten Präsentation im Literaturhaus München wird die zusammen mit der Kölner Proust-Gesellschaft konzipierte Schau an diesem Sonntag im Kölner Museum für Angewandte Kunst eröffnet. Direkt gegenüber der Lengfeld'schen Buchhandlung, wo die deutsche Übersetzung von „À la recherche du temps perdu“ zwischen März 1997 und November 2003 in einem deutschlandweit beachteten Leseprojekt vorgetragen wurde.
Erste nach Proust benannte Straße in Lindenthal„Cher ami - Marcel Proust im Spiegel seiner Korrespondenz“, so der Titel der deliziösen Schau, ergänzt die in neun Kapitel unterteilte Korrespondenz (darunter Kindheit, Jugend, mondänes Leben, Freundschaften) mit weiteren Proust-Autographen, mit seltenen Fotografien (Man Rays Aufnahme von Proust auf dem Totenbett), Porträtzeichnungen und -skizzen, Manuskripten und signierten Büchern, Dokumenten und Handschriften. Zuletzt hatte Reiner Speck eine Locke erworben, die Proust nach dessen Tod abgeschnitten wurde. Fast alle Exponate sind im Original zu sehen. Einen Teil der Briefe können die Besucher in deutscher Übersetzung über einen Audioguide hören.
Köln, so betont der Kölner Arzt und Sammler Reiner Speck, sei zu einer regelrechten Proust-Stadt geworden. Hier befindet sich der Sitz der 1982 gegründeten deutschen Marcel Proust Gesellschaft (deren Präsident ist Reiner Speck), ein Forum für Leser und Forscher, das Symposien, Matineen, Lesungen und Exkursionen veranstaltet. Am Sonntag weiht die Stadt um 15 Uhr in Lindenthal an der Ecke Kitschburger Straße / Friedrich-Schmidt-Straße die Marcel-Proust-Promenade ein, die erste in Deutschland nach dem Dichter benannte Straße.
Was Proust zu dieser Schau gesagt hätte? Vielleicht hätte er heftig geflucht, da er verfügt hatte, all die vielen Briefe nach seinem Tod zu vernichten. Anfang 1921 schrieb der Dichter an die Herzogin von Clermont-Tonneree: „Erlauben Sie mir, indem ich Ihnen Ihren Brief zurückschicke, die Bitte zu äußern, den meinen zu vernichten... Mir liegt unbedingt daran (ich werde die Beweggründe in einem Vorsatz zu Swann öffentlich darstellen), dass keinerlei Briefwechsel mit mir aufbewahrt oder gar publiziert wird.“
Doch diesem Anliegen war ebenso wenig Erfolg beschieden wie dem Ausloten juristischer Möglichkeiten, die Briefe mit einem posthumen Publikationsverbot zu belegen. Kurz vor seinem Tod hatte sich Proust einen Sterilisationsapparat besorgt, in die er alle Briefe tauchte, um sich nicht zu infizieren. Diese Anekdote erzählt Jürgen Ritte, Direktor des Germanischen Institutes an der Pariser Sorbonne und neben Speck Kurator der Ausstellung. Auch schrieb Proust seiner Haushälterin Céleste Albaret: „Sie werden sehen: Kaum dass ich tot bin, werden alle meine Briefe veröffentlicht. Ich habe einen Fehler gemacht, ich habe zu viel geschrieben, viel zu viel.“ Diesen „Fehler“ begrüßte die Nachwelt umso begeisterter.
In der Ausstellung braucht es ein wenig Zeit, sich auf die Lichtverhältnisse einzustellen: Aus konservatorischen Gründen spärlich beleuchtet, offenbaren die Vitrinen ihre Schätze erst allmählich. Etwa ein Schulheft, das der oft an Papiermangel leidende Autor benutzte. Oder jenen Brief, in dem er an seinen Freund Lucien Daudet schrieb, „ich hasse Briefwechsel“. Das muss dann aber eine Hassliebe gewesen sein. Übrigens erreichten die Briefe damals recht schnell ihre Adressaten, wie Jürgen Ritte erklärt: In großen Städten wurde die Post zu Prousts Zeiten dreimal täglich zugestellt.
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