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Archiv-Einsturz

Experten ziehen Konsequenzen

Von Carl Dietmar und Jörg Böhnk, 24.06.09, 11:01h, aktualisiert 23.02.10, 16:56h

Bei einer Expertentagung zum Einsturz des Stadtarchivs sollen neue Standards für Archive erarbeitet werden. Außerdem werden mögliche Konsequenzen diskutiert. NRW-Ministerpräsident Rüttgers will die Bauaufsicht eingehend prüfen.

Archiv-Einsturz
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Rüttgers sieht den U-Bahn-Bau als Ursache für den Archiv-Einsturz. (Bild: Archiv)
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Rüttgers sieht den U-Bahn-Bau als Ursache für den Archiv-Einsturz. (Bild: Archiv)
Köln - „Aus der Katastrophe lernen“ - das war das unausgesprochene Motto einer Expertenanhörung, zu der das Landesarchiv NRW und die Stadt ins Wallraf-Richartz-Museum eingeladen hatten. Knapp 160 Experten aus Deutschland und dem Ausland waren der Einladung gefolgt, um über den „Archiveinsturz und die Konsequenzen“ zu diskutieren.

NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers begrüßte die Teilnehmer mit einer sehr persönlichen Rede: „An den Tag des Einsturzes erinnere ich mich, als ob es gestern wäre.“ Zwei Tage danach war er am Ort des Geschehens. „Ich war einfach nur entsetzt.“ Rüttgers erinnerte auch daran, dass zwei Menschen ums Leben gekommen sind. Nun gelte es, Konsequenzen zu ziehen, „ein einfaches »Weiter so« gibt es nicht“.

Die Bauaufsicht, die Verfahrensabläufe und Aufgabenzuordnung der Behörden und die Personalsituation müssten analysiert werden. „All das werden wir klären - zügig, konsequent, präzise.“ Die Expertentagung trage zur umfassenden Analyse bei - „wir wollten diejenigen zusammenbringen, die etwas von der Sache verstehen“.

"Europas sicherstes und modernstes Archiv" schaffen

Auch Oberbürgermeister Fritz Schramma betonte, man wolle „Lehren aus dem Unglück ziehen“. Das Expertenhearing sehe er als Teil eines Neuanfangs, jetzt bestehe die Möglichkeit, „die Weichen im Archivwesen neu zu stellen“. Schramma forderte, dass in Köln „Europas sicherstes und modernstes Archiv“ entstehen soll. Als Standort wünsche er sich einen Bereich in der Innenstadt. Der Präsident des Bundesarchivs, Hartmut Weber, sagte: „Jedes Archiv tut gut daran, das Unglück zum Anlass zu nehmen, alles auf den Prüfstand zu stellen.“

Für David Leitch, Generalsekretär der ICA (International Council on Archives), gibt es drei Feinde des Archivwesens: bewaffnete Konflikte, hausgemachte Unglücksfälle und Naturkatastrophen. In welche dieser Kategorien der Kölner Einsturz zählt, ließ Leitch offen. Eines der wichtigsten Anliegen des ICA sei der Katastrophenschutz.

Die Situation in den USA beleuchtete Hans Rütimann von der Andre W. Mellon Foundation aus New York. Bestandserhaltung habe in den Vereinigten Staaten einen hohen Stellenwert, aber die Zuwendungen des Staates seien stetig gekürzt worden. Rütimann merkte kritisch an, dass nach der „Katrina“-Katastrophe von New Orleans kurzfristig viel Geld bereitgestellt worden sei, „aber es ist ungeheuer schwierig, das öffentliche Interesse an langfristigen Hilfsmaßnahmen wachzuhalten.“

Am Rande der Tagung übte Ulrich S. Soénius als Direktor der Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv scharfe Kritik an der mangelhaft koordinierten öffentlichen und privaten Unterstützung für das Archiv. „Die Zeit drängt, dass eine internationale Geberkonferenz organisiert wird“, sagte der Historiker und forderte, die Bundeskulturstiftung und die Unesco miteinzubeziehen. Soénius bezeichnete es als verwunderlich, dass bislang „keine konzertierte Aktion“ zur Rettung der Archivalien erfolgt sei. In Köln habe bislang die Bergung im Vordergrund gestanden; die Stadt müsse sich noch vor Beginn der Sommerpause mit der Landesregierung über weitere Hilfen abstimmen.

Ermittlungen weiter "gegen unbekannt"

Die Ergebnisse, die in den Arbeitskreisen der Expertentagung erzielt wurden, sollen auf dem Deutschen Archivtag im September formuliert und präzisiert vorliegen; es wurde vorgeschlagen, eine „Kölner Erklärung“ zu verfassen. Der Hauptertrag der Tagung lag in einem Forderungskatalog, in dem für standortbezogenes Risikomanagement, verbesserte Schadensprävention, flächendeckende Notfallplanung plädiert wird. Für Köln wird die Einrichtung eines fachwissenschaftlichen Beirats für den Archivaufbau vorgeschlagen - vor allem aber will man mehr gesellschaftliches Bewusstsein für die Bedeutung des Archivs schaffen.

Aus Kreisen der Staatsanwaltschaft verlautete am Mittwoch, das Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung im Zusammenhang mit dem Archiveinsturz richte sich weiterhin „gegen unbekannt“. Die Ermittlungen könnten „noch Monate“ dauern.



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