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Interview mit PC-Spiel-Entwickler

Aufklärung tut Not

Von Markus Rüther, 27.06.09, 10:06h

Der Spiele-Entwickler Michael Bhatty warnt vor der Verteuflung von Games. Viel zielbringender als blinde Verbieterei sei eine gezielte Auseinandersetzung mit dem Medium und mehr Aufklärungsarbeit. So können etwa Eltern und Lehrer in die Materie mit einbezogen werden.

Michael Bhatty
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Der Spiele-Entwickler und Buchautor Michael Bhatty. (Bild: Rüther)
Michael Bhatty
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Der Spiele-Entwickler und Buchautor Michael Bhatty. (Bild: Rüther)
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Bhatty, Gewalt wird seit eh und je benutzt, um Geschichten zu erzählen. Sie sagen, nicht der Anteil an Gewalt entscheidet über die Qualität eines Computerspiels, sondern das Niveau der Story. In vielen Spielen werde Gewalt aber völlig sinnfrei eingesetzt . . .

MICHAEL BHATTY: In einigen Games, nicht in allen! Darum lehre ich die Grundlagen des Story Telling, was ja weit mehr ist, als bloßes Geschichtenerzählen, u.a. an der Games Academy in Berlin. Wir müssen immer bedenken, dass es auch viele gute interaktive Games gibt, die kaum wahrgenommen werden, z.B. aus dem Bereich Lernen, Geschichte, Handel, Management, Puzzle, Strategie, Sport etc.

In Deutschland werden kaum gewalttätige Spiele hergestellt. Maßnahmen hierzulande gegen exzessive Gewaltspiele würden also am großen Markt vorbeilaufen. Was ist also zu tun?

BHATTY: Wieso suchen wir Deutschen eigentlich immer das Haar in der Suppe und nicht die Suppe?! Die Politik und der GAME-Verband haben den Deutschen Computerspielepreis ins Leben gerufen, damit der Fokus auf gute Spiele gelenkt wird! So ist das übrigens auch bei Oscar-Verleihungen, bei Music-Awards und auch bei Büchern – wir zeichnen aus, was gut ist! Natürlich gibt es viele Games, die inhaltlich schlecht sind. Aber eben nicht alle. Wir brauchen hier mehr Aufklärung. Häufig wird man, wenn man sagt, dass man in der Games-Branche arbeitet, so betrachtet als sei man der Schöpfer neuer Amokläufe. Dabei ist diese vermeintlich kausale Kette zu einfach: „Er spielte ein Computerspiel – er beging einen Amoklauf“. Das wird dem Sachverhalt nicht gerecht. Dazu muss man eben auch nach Hintergründen fragen. Warum suchen Schüler Anerkennung in Games?

Der Begriff „Killerspiel“ wird mittlerweile so exzessiv verwendet, dass er immer unschärfer wird.

BHATTY: Ein Shooter ist nicht automatisch ein „Killerspiel“. „Das Killerspiel“ als Genre gibt es nicht. Das ist ein Mythos. Sie müssen genau auf die Inhalte gucken. Das tun wir auch in den bereits anerkannten Medien wie Literatur, Film, Fernsehen, wo wir immer die Frage nach der dramaturgischen Notwendigkeit stellen. Die Frage zielt also auf die Darstellung von Aktionen ab. Wie viel Blut darf z.B. in der Normandiesequenz in „Saving Private Ryan“ fließen? Oder in Shakespeares „Macbeth“? Es geht nicht um das ob, sondern das warum? Was ist die dramaturgische Motivation? Die Frage, was zu tun ist, ist komplex und einfach zugleich: Mehr qualifizierte Ausbildung, mehr Dialog, mehr Aufklärung und weniger Verklärung.

Computerspiele sind nicht automatisch „Spiele“.

BHATTY: Ja, der Begriff des „Spiels“ ist irreführend, er zieht oftmals falsche Schlussfolgerungen und eine kontraproduktiven Mythenbildung nach sich. Sie müssen sich eines klarmachen: Die grundlegende Spielmechanik ist bei den meisten Actionspielen die gleiche: Gegner anklicken, bis die Trefferpunkte auf Null sind, Erfahrungspunkte oder Gegenstände erhalten und so weiter. Das gilt genauso für knuddelige Gegner, die sich dann in Luftblasen oder bunte Blümchen auflösen, wie auch für die Ego-Shooter, bei denen Zombies mit Splatter-Effekten zerplatzen oder auch menschliche Gegner sterben.

Nach Ansicht einiger Kinderpsychologen und Gehirnforschern ist weniger die virtuell ausgeübte Gewalt als die Macht des Mediums selbst gefährlich – das Überspringen der Realität, Reagieren ist wichtiger als Denken. Wie kann man darauf angemessen reagieren?

Bhatty: Durch die Vermittlung von Medienkompetenz! So wie Bücher, Filme und Theater gesellschaftliche Spiegel sein können, haben auch Games dieses Potential. Deshalb sind Computerspiele nicht automatisch ein Jugendmedium. Eltern müssen wissen, was ihre Kinder spielen. Was aber auch wieder heißt, dass sie sich damit auseinandersetzen müssen. FOKUS e.V. in Osnabrück hat z.B. unlängst eine „LAN-Party“ für Eltern angeboten, damit die unter der Anleitung von Medienpädagogen Einblicke erhalten, wie die Spiele funktionieren, die ihre Kinder spielen, auch die, die sie eigentlich aufgrund ihres Alters nicht spielen sollten. Auch brauchen wir mehr Angebote für Lehrer, die dem Schulalltag angemessen sind. Man muss die Lehrer fragen, was sie brauchen und wo sie Informationsbedarf haben, nicht irgendwelche Institutionen, die mit dem Alltag des Schulbetriebs gar nichts zu tun haben. Und wir brauchen gute Ausbildungen im Games-Bereich.

Wir dürfen nie vergessen, dass wir am Anfang der Medienform stehen: Wir erlernen gerade erst die künstlerisch-gestalterische Möglichkeiten. Wir brauchen eine Anleitung, die es Handel und Eltern erlaubt, wirklich wahrzunehmen, was ihre Kinder spielen. Ich selbst hatte eine Kampagne vorgeschlagen, bei der wir deutlichere Signale auf den DVD-Boxen geben. Das funktioniert natürlich nur, wenn wir Erwachsenen das Raubkopierertum nicht begünstigen. Hier liegt übrigens auch ein großes Problem: Viele Eltern sehen das Kopieren von Daten aus dem Internet allenfalls als Kavaliersdelikt an. Als Folge davon sehen sie das Originalcover mit dem Altershinweis nicht mehr, sondern nur einen Datei oder eine selbstgebrannte DVD. Dabei würden die gleichen Eltern nie eine Milchtüte oder etwas anderes stehlen.

Es gibt inzwischen Menschen, die vor ihrem Computer verhungert sind. Das ist ein Extrembeispiel, zeigt aber das Suchtpotenzial. Was kann man dagegen tun?

Bhatty: Suchtpotentiale bieten alle Medien: Musik als Droge, Film als Realitätsflucht, Groschen-Liebesromane, Daily Soaps. Wir müssen lernen, damit umzugehen: Alles was exzessiv praktiziert wird, birgt Gefahren in sich. Die Konsequenz kann jedoch kein Verbot sein, sondern das Erlernen des sinnvollen Umgangs damit. Und das bedeutet, dass nicht nur die Entwickler, sondern auch Eltern wissen, was es gibt und was für ihre Kinder geeignet ist. Nur so schaffen wir es, keine Schreckgespenster zu erschaffen.

Das Gespräch führte Markus Rüther

Michael Bhatty ist Buchautor, Entwickler und Produzent von Computerspielen. Der in Osnabrück lebende Game-Director war beteiligt an der Entwicklung des Spiels „SACRED" ( 2004), das sich weltweit in über 25 Ländern über 2 Mio. Mal verkaufte, und mit Gold- und Platinawards des VUD ausgezeichnet wurde. Er leitete die Entwicklungsabteilung der Phenomedia Publishing, bevor er 2007 die Michael Bhatty Entertainment gründete.



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