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Lanxess-Arena

Leonard Cohen beglückt die Kölner

Von Christian Bos, 02.07.09, 22:11h

Leonard Cohen, lebende Legende und agiler Mittsiebziger, hat das Kölner Publikum in der Lanxess-Arena charmiert. Bittersüße Erinnerungen, zeitlose Klassiker - der 74-Jährige entzückt ganze dreieinhalb Stunden lang.

Leonard Cohen
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Leonard Cohen bedankt sich beim Kölner Publikum. (Bild: Grönert)
Leonard Cohen
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Leonard Cohen bedankt sich beim Kölner Publikum. (Bild: Grönert)
Gerd und Gina wohnten unter uns und wir Kinder freuten uns auf jeden Treppab-Besuch. Gerd rauchte Pfeife, Gina legte Leonard Cohen auf und wir Kinder wälzten uns zu dessen heimeligen Brummen vergnügt auf dem riesigen Flokati. Nur mein Vater litt. Cohens Stimme war eines von zwei Dingen, die mein Vater nicht ausstehen konnte. Das andere war der Geschmack von Bananen. Zwölf Jahre später kaufte ich meine erste Leonard-Cohen-Platte. Das ging zu Hause glatt als Punk-Geste durch. „I'm your man“, eröffnete mir Cohen. Seine Stimme war noch einige Frequenzbereiche tiefer gerutscht. Sogleich erschien mein Vater in der Tür. „Auch du?“, stöhnte er auf und griff sich die Plattenhülle. Auf dem Cover verspeiste Leonard Cohen eine Banane.

Ein Meister der geglückten Geste war der Kanadier schon immer und er ist es immer noch. Wie der 74-Jährige am Mittwochabend in der Kölner Lanxess-Arena jeden Song in demütiger Kniebeuge am Bühnenrand beginnt, den Hut in die Stirn gezogen, eine Hand schützend vors Gesicht gehalten, ein Lied, ein Gottesdienst. Wie er sich für jeden Applaus mit gezogenem Hut und feinem Lächeln bedankt. Wie er schließlich einem selbstvergessenen Kind gleich schelmisch von der Bühne tänzelt: So elegant möchte man selber gerne altern. Aber wahrscheinlich ist es dazu schon zu spät.

Anfang der 80er Jahre galten Cohens selbstzweifelnde und selbstverzweifelte Songs als Relikt des vorangegangenen Jahrzehnts. Seine amerikanische Plattenfirma weigerte sich sogar, das Album „Various Positions“ zu veröffentlichen. Cohen war so durch wie Räucherstäbchen, Riesenkoteletten und Duftkerzen. Kein Mädchen würde mehr zu „Famous Blue Raincoat“ im gedimmten Jugendzimmer schwach werden.

Heute dagegen mag zwar jeder Zuschauer eines Cohen-Konzerts seine bittersüßesten Erinnerungen streicheln, doch die Songs erscheinen als zeitlose Klassiker. Ohne Fehlgriff, ohne Patina. Fast dreieinhalb Stunden gibt sich Cohen in der Arena die Ehre, 25 Lieder lang - von „Dance Me To The End Of Love“ bis zur augenzwinkernden Zugabe „I Tried To Leave You“ - und es ist keines dabei, vor dem man nicht den Hut ziehen möchte, besäße man nur ein so gut geschnittenes Exemplar wie der Meister. Auch die Arrangements von Cohens Musikdirektor Roscoe Beck bemühen sich um ausgewogenen Schönklang. Leider geht neben einigen gelungenen Soli schon mal die hohle Virtuosität mit den Musikern durch, die schnörkelreichen Sopransaxophoneinsätze von Dino Soldo etwa klingen ungut nach Sting.

Als Cohen nach der Pause alleine auf die Bühne zurückkehrt, die „Preset“-Taste seines Keyboards drückt und zur automatischen Begleitung über den „Tower Of Song“ singt, weckt das den geheimen Wunsch, Cohen einmal als Alleinunterhalter erleben zu dürfen. Jede Nacht könne er Hank Williams hundert Stockwerke über sich husten hören, singt Cohen und nennt seine Nicht-Stimme scherzhaft gülden. Prompt schwellt ihm an diesem (wie wohl an jedem) Abend mächtiger Applaus entgegen.

Cohens wahrhaftige Demut wirkt auf Außenstehende wie falsche Bescheidenheit. Sein sonorer Bass-Bariton kann schmeicheln, erschüttern, Zehntausenden zugleich durch Mark und Bein fahren. Und als Songautor - „Bird On A Wire“, „Hallelujah“, „Suzanne“ - darf Cohen längst das freie Appartement neben Hank Williams beziehen. Der früh totgetrunkene Country-Star hatte seine spirituelle Seite einst auf den „Luke the Drifter“-Singles ausgelebt. Cohens großes Verdienst ist es, notorische Geilheit mit biblischer Wucht und religiöse Verzweiflung mit erotischer Zärtlichkeit beschrieben zu haben. Eine unheilige, gleichwohl andächtige Union. Dieses Spiel hat der Dichter bis kurz vor die reine Pose getrieben, ja sogar bereitwillig der Lächerlichkeit preisgegeben. „Don't Go Home with Your Hard-on“, der expliziteste Cohen-Song (Allen Ginsberg und Bob Dylan sangen im Hintergrund), fehlt leider im Programm.

Den unverzichtbaren Frauenchor bilden auf der aktuellen Tour Sharon Robinson, Co-Autorin von Cohen-Songs wie „Waiting For A Miracle“ und „Ain't No Cure For Love“, und die zauberhaften Webb-Schwestern, Charley und Hattie. Das fortdauernde Zwiegespräch, das Leonard Cohen in seinen Liedern mit dem anderen Geschlecht führt, weist ihn als Gospel-Sänger aus, den einzig das Ewig-Weibliche hinan zieht.

Das könnte das müdeste aller Klischees sein, bei Cohen wird es große Kunst. Und natürlich charmiert er auch sein Kölner Publikum. Am Nachmittag sei er über die Brücke zum Dom gegangen und hätte die am Gitter befestigten Schlösser bewundert, mit denen hunderte Kölner ihre Liebe dokumentiert haben, erzählt der Sänger: „Und ich habe auch ein Schloss befestigt und den Schlüssel in den Rhein geworfen.“ Glatt gelogen, ungemein wirkungsvoll. In ganz jungen Jahren soll Cohen ein Buch über Hypnose studiert haben, um danach das Dienstmädchen der Eltern in Trance zu versetzen und in diesem Zustand zu entkleiden. Auch wir stehen am Ende nackt da und wissen nicht, wie uns geschah. Nur dass es unheimlich schön war. Gerd und Gina sind längst geschieden. Ein heimeliges Brummeln ist geblieben.



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