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40 Jahre CSD

Von Anja Katzmarzik, 02.07.09, 18:37h, aktualisiert 08.04.10, 14:26h

Vor 40 Jahren war der Aufstand in der Christopher Street in New York - wenige Jahre darauf trauten sich gerade mal 50 Männer zum ersen Kölner Treffen. Heute demonstrieren Homosexuelle beim CSD unter tosendem Applaus. Das war nicht immer so.

„40 Jahre CSD“
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„40 Jahre CSD“ lautet das Motto in diesem Jahr. (Bild: dpa)
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„40 Jahre CSD“ lautet das Motto in diesem Jahr. (Bild: dpa)
Köln - Mit einer Flugblatt-Aktion 1973 auf der Schildergasse fängt sie an: die Geschichte des schwul-lesbischen öffentlichen Protests in Köln. Homosexuelle in der Christopher Street in New York machten Mut, weil sie sich am 27. Juni 1969 gegen Polizeiterror in Schwulenbars aufgelehnt hatten. „Unsere Freiheit hat Geschichte - 40 Jahre CSD“ lautet das Motto des „Kölner Lesben- und Schwulentages“ deshalb in diesem Jahr. Denn es ging nicht immer so groß, bunt und karnevalesk zu.

Die Siebziger Jahre

1971 löst die Vorführung des Rosa von Praunheim-Films „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“ im City-Kino Ehrenstraße eine Debatte aus. Es gründet sich die erste Schwulenorganisation in der Stadt. Aber nur rund 50 Männer trauen sich zu den ersten Treffen in die Evangelische Studentengemeinde. Schwulen unter 21 Jahren droht nach dem Paragrafen 175 immer noch Gefängnis. 1972 gründet Gertraut Müller die erste Lesbengruppe namens „Frauen-Aktion“. 1973 werden Flugblätter auf der Schildergasse verteilt. 1974 eröffnet das erste Zentrum der „gay liberation front“ (glf, später: lglf) in der Dasselstraße. 1975 gibt es den ersten Infotisch auf der Schildergasse. Die Räume in der Dasselstraße kündigt der Vermieter urplötzlich, das Zentrum zieht erst an den Marienplatz und später in die Roonstraße. Es gründet sich das Sozialwerk für Lesben und Schwule e.V., 1977 zeigt die Cinemathek den Film „Rosa Winkel“, der die NS-Verfolgung Homosexueller und den Kampf der Opfer um Entschädigung dokumentiert.

Die Achtziger Jahre

Anfang 1980 demonstrieren Lesben und Schwule gegen die Verurteilung von Gerd Blömer im „Rosa Listen“-Skandal in Köln. Gerd Blömer hatte seine Partei, die SPD, aufgefordert, über den Stadtrat Gerüchte klären zu lassen, nach denen die Polizei Listen von Homosexuellen führe. Polizeibeamte verklagten ihn, Blömer wird wegen übler Nachrede zu einer Geldstrafe verurteilt.

Aus einer Volleyballgruppe entsteht der SC Janus als erster schwul-lesbischer Sportverein Europas. 1981 gibt es die ersten „Rosa Kulturwochen“ und fortan jährliche Demonstrationen zum „gay freedom day“. Anwohner protestieren 1981 gegen die Benennung einer Straße in Köln-Weiden nach dem Schwulen Oscar Wilde. Ein Brandanschlag zerstört das glf-Zentrum 1982, an der Universität wird ein „Autonomes Schwulen- und Lesbenreferat“ eingerichtet. 1984 wird die Emanzipation e.V. als Dachorganisation für ein Kölner Schwulen- und Lesbenzentrum gegründet. 1985 wird das „Schulz“ in der Bismarckstraße eröffnet und die Kölner Aids-Hilfe gegründet. 1988 fällt die Bahnpolizei mit der Registrierung Homosexueller unangenehm auf.

Die Neunziger Jahre

Der Aids-Tod des Schwulen-Aktivisten Jean-Claude Letist Anfang 1990 löst große Betroffenheit aus. Der Kölner CSD in seiner heutigen Form wird 1991 mit dem Verein „Kölner Lesben- und Schwulentag“ (Klust) geboren. Das erste Straßenfest in der Stephanstraße zählt 500 Gäste. Die Parade sehen 5000 Menschen. Ein Jahr später sind es bereits 10 000. Nachdem jahrelang Bürgermeisterin Renate Canisius „vorgeschickt“ wurde, empfängt Norbert Burger als erster Oberbürgermeister die salonfähig gewordenen Homosexuellen.1992 verlegt der Schwulenverband Deutschland (heute: LSVD) seine Bundesgeschäftsstelle von Leipzig nach Köln. 1993 findet der CSD erstmals auf dem Alter Markt statt; die glf erweitert ihren Namen um ein „l“ wie „lesbian“. Das „Schulz“ in der Südstadt am Kartäuserwall (seit 1994) ist das größte Zentrum seiner Art in Europa. Der Paragraph 175 wird aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Der CSD 1995 endet chaotisch, weil sich die KVB weigern, den Bahnverkehr zu unterbrechen. 1997 findet die Weltkonferenz der „International Lesbian and Gay liberation front“ in Köln statt.

Seitdem

Gegen den Widerstand der Kirche setzen Schwule und Lesben im Jahr 2000 per Verwaltungsgerichts-Urteil durch, sich auf dem Roncalliplatz versammeln zu dürfen. Ein Platz wird nach Jean-Claude Letist benannt. 2001 gibt es die ersten „Verpartnerungen“ gleichgeschlechtlicher Paare; „KölnTourismus“ führt ein „City-Gay-Management“ ein. 2002 findet der europaweite CSD „Europride“ in Köln statt. Es kommen 425 000 Besucher. Das Amt für Stadtentwicklung beziffert den „gesamtwirtschaftlichen Tourismuseffekt“ auf 53,2 Millionen Euro. Dennoch meldet die CSD-Veranstaltungs-GmbH Insolvenz an. Der Klust vergibt das Straßenfestes an eine Firma. Das „Schulz“ schließt 2003 zahlungsunfähig.

Heute

Die lglf löst sich 2008 auf, viele Aufgaben leisten inzwischen andere Gruppen und Organisationen. Das Centrum Schwule Geschichte (CSG) übernimmt das Archiv. Ein Schwulen- und Lesbenzentrum gibt es nicht mehr. Die Selbsthilfe konzentriert sich im Beratungszentrum Rubicon. Seit 2006 tagt eine „Stadtarbeitsgemeinschaft Lesben, Schwule und Transgender“ unter Geschäftsführung von Sozialdezernentin Marlis Bredehorst, um die kommunalpolitische Mitwirkung zu stärken. Bis heute sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften in wesentlichen Punkten wie Adoptions- und Steuerrecht nicht gleichgestellt. Homosexuelle sind jenseits des CSD-Festes immer noch Anfeindungen ausgesetzt.



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