Von Alice Ahlers, 05.07.09, 19:22h, aktualisiert 06.07.09, 11:03h
Und wo sind sie? Die langbeinigen, federgeschmückten, Tänzerinnen, die zusammen mit diesem Rhythmus wie von selbst vor jedem geistigem Auge erstehen? Das Klischee bleibt draußen. Irgendwo in Rio oder an der Copacabana. Das hier ist Uberlândia, eine Industriestadt im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais. Tanzen scheint hier Männersache zu sein. 14 sehnig-durchtrainierte Tänzer und eine Tänzerin, die auch noch einen Anzug und einen weißen Männerhut trägt. Sandra Mara Gabriel ist kräftig und muskulös - die einzige Frau, die das harte Training der Truppe überlebt hat, so heißt es. Wahrlich ist das Tempo, das die brasilianische Tanzgruppe bei der Köln-Premiere des „Balé de Rua“ in der Philharmonie hinlegt, ein einziger Sturm. 90 Minuten Tanzperformance, Akrobatik, Breakdance, Capoeira und Percussion - fast ohne Atempause.
„Balé de Rua“ ist eines der brasilianischen Kulturprojekte, die durch Kreativität die soziale Integration fördern sollen. 160 Jugendlichen aus der Region Uberlândia bietet die Einrichtung mittlerweile eine fundierte Tanzausbildung. Die meisten von ihnen stammen aus einfachen Verhältnissen, die Straße - Asphalt und Beton - waren zunächst ihre Tanzschule. Auch Choreograf Marc Antonio Garcia arbeitete als Tankwart und Einpacker im Supermarkt, bevor er eine professionelle Laufbahn als Tänzer einschlug. Jetzt tourt er mit seiner Truppe als offizieller Kulturbotschafter Brasiliens durch Europa. Mit ihrer Show wollen sie auch die Geschichte ihres Landes erzählen.
So vermischen sich die Klänge des Ave-Maria mit indigenen Sprechgesängen, Symbole des christlichen Glaubens mit Riten des afrikanischen Candomblé. Und so klingt der Samba-Schlag nicht nur wie der Auftakt eines jeden Karnevals, sondern auch schon mal wie die Salven eines Gewehrs, die die eben noch so quirligen Körper zu Boden drücken, wo sie sich winden und doch mit aller Kraft immer wieder aufstehen.
Ein schwarzes Band fesselt die Tänzer aneinander, aus dessen Netz sie sich tanzend zu entwirren versuchen. Diese Mischung aus Tanz und Kampf verkörpert besonders die Capoeira. Auf den Schiffen portugiesischer Sklavenhändler kam sie vor 300 Jahren nach Brasilien. Aus rituellen Bewegungsabläufen entwickelten die unterjochten Afrikaner eine als Tanz getarnte Technik zur Selbstverteidigung. So trainierten sie sich, ohne beim Aufseher Misstrauen zu wecken.
Und so geht auch der Kampf auf der Bühne schließlich wieder in den Tanz über. Die Truppe befreit sich aus den Fesseln, riesige neonbunte Blüten poppen an den Rohren des Gerüstes auf, während die Tänzer - selbst am ganzen Körper mit Blumen gespickt - wieder wie ein Sturm über die Bühne und durch die Luft darüber fliegen. In der entfesselten Lebensfreude steckt auch die Energie der Befreiung aus der Sklaverei.
Das „Balé de Rua“ tritt noch bis 12. Juli in der Kölner Philharmonie auf. Karten zwischen 20, 50 und 59 Euro.
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