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Interview mit Karin Beier

„Im Moment ernten wir die Früchte“

Erstellt 08.07.09, 18:46h

Die Intendantin Karin Beier fürchtet, die Aufbauarbeit der vergangenen Jahre könnte durch die Interimsspielstätte wieder zunichte gemacht werden. Das Gespräch führten wir vor den Berichten über die Kostenexplosion beim Schauspielhaus-Neubau.

Karin Beier
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Karin Beier (Bild: Hennes)
Karin Beier
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Karin Beier (Bild: Hennes)
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Publikumserfolg: Franziska Hartmann und Maria Schrader in der Jelinek-Uraufführung "Die Kontrakte des Kaufmanns". (Bild: Baltzer)
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Karin Beier, als wir zum Ende Ihrer ersten, sehr erfolgreichen, Kölner Spielzeit sprachen, befürchteten Sie, dass zur zweiten der Kater aufs Fest folgen könnte. Sind Ihre Befürchtungen eingetreten?

KARIN BEIER: Nein, ich habe unsere zweite Spielzeit sogar als erfolgreicher empfunden, als die erste. Gerade in der zweiten Spielzeit-Hälfte haben wir sehr viele unterschiedliche, kräftige Handschriften gezeigt, mit Jette Steckel, Signa, mit Karin Henkel, mit Nicolas Stemann und Jürgen Kruse. Und in der ersten Hälfte hatten wir ja einen Volltreffer mit Katie Mitchells „Wunschkonzert“. Darauf bin ich stolz. Es ist nicht so selbstverständlich, jemanden wie Katie Mitchell nach Köln zu bekommen. Allerdings war in der ersten Spielzeithälfte die Diskrepanz zwischen den erfolgreichen und den weniger erfolgreichen Inszenierungen größer.

Der größte Triumph war die erneute Einladung zum Berliner Theatertreffen?

BEIER: Nein, das war die Tatsache, dass das Kölner Publikum unsere Jelinek-Uraufführung „Die Kontrakte des Kaufmanns“ so überschwänglich aufgenommen hat. Das hat mich extrem positiv überrascht. Ich hatte befürchtet, dass die Zuschauer damit wesentlich mehr Probleme haben würden. Aber es gab fast jeden Abend Standing Ovations. Das zeigt auch, wie neugierig das Kölner Publikum geworden ist, wie bereit, sich auf neue Dinge einzulassen. Da hat sich in diesen zwei Jahren schon etwas bewegt.

Was dagegen vom Publikum nicht angenommen wurde, war Anna Viebrocks „Der letzte Riesenalk“ . . .

BEIER: Ja, so wie ich bei Jelinek vom Publikum positiv überrascht war, war ich es beim „Riesenalk“ negativ, enttäuscht wäre eigentlich der richtige Ausdruck. Das war schon ein Buhkonzert, da müssen wir uns nichts vormachen. Ich vermute, dass sich viele Zuschauer durch diese Verweigerung von Sprache und Handlung verschaukelt fühlten. Inzwischen haben mir aber auch Leute erzählt, dass die Inszenierung in ihnen weitergearbeitet hätte, und sie den „Riesenalk“ jetzt mit anderen Augen betrachten würden.

Und Anna Viebrock wird auch in der kommenden Saison am Schauspielhaus inszenieren...

BEIER: Wir schätzen die Anna Viebrock als Künstlerin sehr und finden sie auch richtig für Köln. Deshalb werden wir jetzt nicht einknicken. Wir haben ihr für die nächste Spielzeit ein Stück auf der Basis des Böll-Romans „Billard um Halb Zehn“ ausgesucht und hoffen, dass es das Sujet dem Publikum etwas einfacher machen wird, sich in ihre Arbeit einzufinden.

Ihre nächste Spielzeit ist nach dem bisherigen Stand die letzte im alten Schauspielhaus. Wie stehen die Planungen für die Ausweichspielstätte Expo XXI?

BEIER: Da sind wir mittendrin. Im Moment ist es noch eine Sache von Abteilungsleitern, die Konzepte entwerfen, wie man einen funktionierenden Repertoire-Betrieb in eine leere Halle baut. Wir müssen eine Balance schaffen. Einerseits kann eine Interims-Spielstätte natürlich nicht so viel leisten wie unser Theater. Wir müssen Kompromisse eingehen und abspecken. Andererseits versuchen wir, das Optimum rauszuschlagen. Meine ganz große Sorge ist, dass unsere Aufbauarbeit der vergangenen Jahre wieder zunichte gemacht wird.

Inwiefern?

BEIER: Im Moment ernten wir die Früchte, insofern, als hier Regisseure inszenieren, die wirklich nur an den ersten Häusern arbeiten. Ich weiß aber nicht, ob das so bleiben wird, wenn sie über drei Jahre lang mit Kompromissen konfrontiert werden. Wir werden zum Beispiel keinen Schnürboden haben. Man wird das Licht nicht von Vorstellung zu Vorstellung verändern können. Kurz: es gibt viele Dinge, die einen ganz vehementen Eingriff in die Arbeitsweise eines Regisseurs bedeuten. Ein Regisseur wie Nicolas Stemann, den ich sehr schätze und unbedingt halten will, der verändert Dinge mit einem wahnsinnigen Tempo. Da kann so ein improvisierter Betrieb nicht mehr reagieren. Es ist ja okay, wenn man einem Regisseur sagt, dass er so etwas einmal mitmachen muss. Aber über drei Jahre? Da werden viele vielleicht nicht mehr kommen.

Für Sie stellt sich ja selbst die Frage, weil Sie in der nächsten Saison über ihren Vertrag sprechen müssen.

BEIER: Ja, stimmt. Ich muss jetzt erst einmal abwarten, was in der ganzen Neubau-Situation passiert. Und ich muss auch meine private Situation überdenken. Abhorchen, was ich so will von meinem Leben. Meine Entscheidung wird also eher etwas mit „Familie oder Beruf“ zu tun haben, als mit „Köln oder eine andere Stadt“. Ich bin ja gerne hier. In diesen zwei Jahren habe ich eine starke Bindung an dieses Theater entwickelt. Vor allem mit den Abteilungsleitern und Technikern, den Menschen, mit denen ich das ganze hier tagtäglich stemme.

Bei unserem vorhergehenden Gespräch bedauerten Sie, dass so etwas wie eine Ensemblebildung kaum noch stattfindet.

BEIER: Das Schauspieler sich mit Haut und Haar einem Theater verschreiben, das gibt es fast nicht mehr. Es werden schon bei den ganz Jungen Sonderbedingungen ausgehandelt. Diese Situation betrifft aber alle Bühnen, sogar das Burgtheater, das ja nun wirklich in Geld schwimmt. Ich verstehe es, aber ich finde es schade.

Einige Ihrer Schauspieler sind bereits an größere Häuser gewechselt . . .

BEIER: Da guckt einfach jeder für sich nach dem Besten. Ich versuche damit so umzugehen, dass ich mich nicht persönlich gekränkt fühle. Das ist mitunter nicht leicht. Man hat ja diesen Menschen auch eine Chance gegeben, sie groß gemacht. Aber das wird immer wieder passieren. Deshalb muss man auch eine gewisse Distanz halten. Was man so gemeinhin Professionalität nennt.

Als Eröffnungspremiere haben Sie sich den „König Lear“ vorgenommen. Den wollten Sie ja schon lange inszenieren. Was reizt Sie am Lear?

BEIER: Der „Lear“ ist keine reine Tragödie, sondern eine ganz eigene Theatersprache, die man erst entdecken muss. Ich habe für mich den Begriff „philosophische Groteske“ gebildet. Grundsätzlich gibt es auch hier das Thema, das mich bei meinen vorangegangenen Arbeiten umgetrieben hat: Was bleibt vom Menschen, wenn alle sozialen, beruflichen und gesellschaftlichen Bande gerissen sind? Da gibt es diesen Satz von Blaise Pascal: „Das ganze Unglück des Menschen ruht daher, dass er es nicht versteht alleine ruhig in einem Zimmer zu sitzen.“ Damit kann ich mich noch ein paar Jahre auseinandersetzen.

Das Gespräch führte Christian Bos



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