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Doping

Ein Fall für die Analytiker

Von Christiane Mitatselis, 08.07.09, 19:49h, aktualisiert 08.07.09, 19:50h

Doping-Forscher Wilhelm Schänzer hält eine Pechstein-Sperer für legitim. Für den Kölner Professor ist nicht ausgeschlossen, dass Epo appliziert wurde. Er spricht auch von Hinweisen auf Blutexpander.

Claudia Pechstein
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Will nun schweigen: Eisschnellläuferin Claudia Pechstein (Bild: ddp)
Claudia Pechstein
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Will nun schweigen: Eisschnellläuferin Claudia Pechstein (Bild: ddp)
Wilhelm Schänzer
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Wilhelm Schänzer (Bild: GI)
Wilhelm Schänzer
Köln - Claudia Pechstein zieht es aufs Eis. In Berlin-Hohenschönhausen drehte die wegen Dopings gesperrte Eisschnellläuferin gestern ein paar Runden mit der Männer-Trainingsgruppe. Sie brauche Abwechslung, sagt die 37-jährige: „Mir fällt sonst die Decke auf den Kopf, wenn ich nur warten soll, was andere über mich entscheiden.“ Entschieden wird ihr Fall erst im Herbst vor dem Sportgerichtshof Cas in Lausanne. Pechstein will dort ihre Unschuld beweisen. Seit ihre Sperre vergangenen Freitag publik wurde, beteuert sie täglich, oft in sehr emotionaler Art, dass sie nie betrogen habe. Doch in dem Fall geht es nicht um gefühlige Einschätzungen, sondern allein um präzise Analysen.

Pechstein, die erste Athletin, die ohne positiven Doping-Test gesperrt wurde, wird in Lausanne versuchen nachzuweisen, dass die bei ihr festgestellten erhöhten Retikulozyten-Werte nicht auf Manipulation, sondern auf eine nicht erkannte Krankheit zurückgehen. Denn ein offensichtliches Leiden, das die Blutwerte hätte steigen lassen können - etwa Leukämie oder eine Infektion - scheiden im Fall der leistungsstarken Athletin aus. Zahlreiche Experten hätten sich bereits bei ihr gemeldet, um ihr zu helfen: „Vom Wald- und Wiesenarzt bis hin zu Universitäts-Professoren bekommt sie Anrufe und E-Mails“, berichtet ihr Manager Ralf Grengel. Pechstein wolle nun gemeinsam mit ihrem Team-Arzt Gerald Lutz die Angebote sichten, bevor man sie sich entscheide. Der Weltverband ISU ist seinerseits davon überzeugt, genügend Fakten liefern zu können, die Pechstein des Dopings überführen. Konkret geht es um einen erhöhten Retikulozyten-WertPechsteins, der bei ihrem Sieg bei der Mehrkampf-EM in Hamar Anfang Februar in drei Messungen um einen ganzen Prozentpunkt vom Richtwert 2,4 abwich. Insgesamt lag ihr Retikulozyten-Wert in 95 Messungen, die die ISU in den letzten neun Jahren vornahm, 14 Mal über 2,4 Prozent.

Retikulozyten sind junge rote Blutkörperchen, ist ihre Zahl erhöht, so bringt dies einem Ausdauersportler erst einmal nichts, da sie den Sauerstofftransport im Blut nicht verbessern. Nun könnte es stutzig machen, dass die anderen Blutwerte Pechsteins, der Hämatokrit- und Hämoglobinwert, nicht auffällig waren. Allerdings sind letztere manipulierbar, wie Professor Wilhelm Schänzer, Dopingforscher der Sporthochschule Köln, zu berichten weiß: „Aus Wien haben wir Hinweise darauf, dass im Ausdauersport mit Blutexpandern gearbeitet wird. Der Expander Albumin, mit dem die Hämoglobin- und Hämatokrit-Werte manipuliert werden können, ist bisher nicht nachweisbar.“ Schänzer weiter: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass Epo appliziert wurde.“ Und so könnte sich der Argumentationskreis der Anklage schließen: Wenn ein Mensch Epo nimmt, eine Substanz, die die Produktion der roten Blutkörperchen anregt, steigt zunächst der Retikulozyten-Wert, und danach normalerweise auch Hämoglobin- und Hämatokrit-Wert. Während sich die beiden letzteren durch Expander verändern lassen, ist ersterer kaum manipulierbar, da hier keine Konzentration im Blut gemessen wird, sondern das Verhältnis von „jungen“ (Retikulozyten) zu „alten“ roten Blutkörperchen (Erythrozyten) - und ein prozentuales Verhältnis verändert sich nicht, wenn das Blut durch Plasmaexpander „verdünnt“ wird. Schänzers Schluss aus der ganzen Faktenlage: „Wenn es keine physiologische und krankheitsbedingte Erklärung für diese Wertekonstellation gibt, kann die Entscheidung der ISU nachvollzogen und der erhöhte Retikulozyten-Wert als Hinweis auf Doping gewertet werden.“



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