Von Thomas Wüpper und Vera Gaserow, 09.07.09, 20:36h
Kritiker sehen das anders. Dafür liefert Vattenfall selbst immer mehr Gründe. Die Störfälle in Schweden und vor zwei Jahren in Krümmel und Brunsbüttel, die der Atomaufsicht zu spät gemeldet wurden, haben das Image des Staatskonzerns bereits schwer ramponiert. Umso schwerer wiegt, dass der Konzern nun erneut gleich mehrere gravierende Versäumnisse einräumen muss.
Zusätzlich in Bedrängnis bringt Vattenfall das Eingeständnis, dass defekte Brennstäbe im Reaktor entdeckt wurden. Grund seien Verunreinigungen im Reaktorwasser, die trotz ständiger Filterung immer mal vorkommen könnten (Siehe „Feinstkrümel im Kühlwasser“).
Bisher allerdings steht nicht eindeutig fest, ob die Schäden an einigen der 80 000 Brennstäbe möglicherweise durch die Abschaltung verursacht wurden - oder schon bestanden, als das Pannen-Kraftwerk am 19. Juni ans Netz ging. Kontrolle und Austausch der Brennstäbe wird auf jeden Fall teuer. Über die Kosten der Panne und des erneuten Stillstands von Krümmel schweigt sich Vattenfall bisher aus.
Am kommenden Samstag will das Unternehmen die Krümmel-Anwohner zur Diskussion laden. Es werde aber ein „langer Weg sein, diesen Imageschaden zu beseitigen“ räumte Hatakka ein. Er stehe mit seinem Namen dafür ein, dass nun die nötigen Konsequenzen gezogen würden“, versprach der Vattenfall-Europe-Chef.
Nahezu wortgleich hatte Gesamt-Konzernchef Lars G. Joseffson bereits nach dem Krümmel-Debakel vor zwei Jahren Besserung gelobt. Am Donnerstag ließ sich der oberste Boss, im Nebenjob Angela Merkels Klimaberater, nicht vor der Presse blicken.
Der Kurzschluss am Trafo AT 02, der am vergangenen Samstag zur Notabschaltung von Krümmel führte, wäre vermeidbar gewesen. Denn exakt wegen desselben Schadens am baugleichen Trafo AT 01 musste der Meiler schon vor zwei Jahren stillgelegt werden. Doch danach tauschte Vattenfall nur den schadhaften Trafo aus.
Ein Fehler. Den nur 15 Tage nach dem Neustart brannte nun Trafo 02 durch. „Knall gehört, leichte Rauchentwicklung und Wasserdampfwolke“ - notierte der Wachschutz am vorigen Samstag gegen 12.10 Uhr. Der Kurzschluss löste danach die Wasserlöschanlage aus. Schon um 12.02 Uhr hatte sich der Reaktor automatisch abgeschaltet.
Keine Gefahr für die Bevölkerung„Zu keinem Zeitpunkt bestand Gefahr für die Bevölkerung“, beteuert Ernst Michael Züfle, Geschäftsführer der Vattenfall Europe Nuclear Energy GmbH. Nach Darstellung des Atom-Managers gehören die Trafoanlagen nicht zu den Sicherheitssystemen des Reaktors. Trotzdem hatte Vattenfall vor zwei Jahren zugesagt, ein zusätzliches Online-Überwachungsystem für die Trafos einzubauen. Doch obwohl der Konzern dazu zwei Jahre Zeit hatte, geschah nichts - und das AKW ging ohne die versprochenen Extrasicherungen wieder ans Netz.
Mit einem Sonderbeauftragten, der allerdings aus dem eigenen Haus kommt, will der Konzern nun die Vorfälle klären. Daneben ermittelt die Atomaufsicht. Der durchgebrannte Trafo wird derzeit noch untersucht. Bis ein Ersatz da ist, werden Monate vergehen. Krümmel soll noch bis 2019 am Netz bleiben - sofern die Aufsicht wegen der vielen Zwischenfälle in den letzten Jahren nicht vorher den Stecker zieht.
Auf jeden Fall muss Vattenfall Schadensersatzklagen und den Verlust von Kunden fürchten. Bereits nach den Pannen vor zwei Jahren hatten mehr als 200 000 Verbraucher den Versorger gewechselt. In Hamburg fiel nach der jüngsten Notabschaltung in Krümmel für Stunden das Stromnetz aus. Unter anderem soll die Chemieproduktion von Bayer gestört worden sein. Erste Schadenersatzforderungen gibt es dem Vernehmen nach schon. Man spreche mit Kunden und werde „vernünftige Lösungen finden“, räumte Hatakka ein.
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