Von Roland Knauer, 31.07.09, 21:03h
Dabei hätte „Kabirizi“, Silberrücken und Chef einer 30-köpfigen Gorilla-Gruppe, allen Grund auf Menschen zu reagieren. Tobt rings um ihn herum im Osten der Kongo doch der tödlichste Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg. In diesem Bürgerkrieg haben nicht nur einige Millionen Menschen ihr Leben verloren, sondern auch einige Gorillas.
Eines der seltensten Säugetiere der WeltKabirizi aber scheint zu wissen, dass seine Besucher nicht mit Gewehren, sondern mit Kameras zu ihm kommen. Zumindest die wenigen, die auch in den Wirren des Ostkongo den Weg in den Virunga-Nationalpark finden, dem ältesten Nationalpark Afrikas. Sie wollen eines der seltensten Säugetiere der Welt sehen. Angefangen hat dieser Tourismus in den 1980er Jahren, erzählt Christof Schenck. Der damalige ZGF-Präsident Bernhard Grzimek ließ in dieser Zeit Lodges im Kongo bauen, aus denen Touristen zu Gorilla-Touren aufbrechen konnten. Genau wie in den Nachbarländern Ruanda und Uganda boomte bald der Menschenaffen-Tourismus und die ZGF schien eines ihrer Ziele erreicht zu haben: Schützen lassen sich die letzten Berggorillas der Welt nur, wenn die Menschen in der Umgebung von ihnen profitieren. In Ruanda und Uganda sind die Gorillas heute ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, rechnet Christof Schenck vor: „500 US-Dollar zahlt dort ein Tourist, um nach schweißtreibendem Marsch durch den Bergregenwald einem Gorilla zu begegnen.“
Das ist viel Geld in einem Land, in dem ein Nationalparkwächter im Monat zwischen 30 bis 150 US-Dollar verdient. Wenn ein Gorilla im Jahr im Durchschnitt 250 mal von einem Touristen besucht wird, hat allein dieses Tier bis zum Gorilla-Pensionsalter von 35 Jahren mehr als vier Millionen US-Dollar eingebracht. Die mehr als 210 Berggorillas an den zum Kongo gehörenden Hängen der Virunga-Vulkane wären demnach für die Volkswirtschaft des Landes rund eine Milliarde Dollar wert.
Die Touristen bleiben weg
Im Bürgerkrieg aber kommt kaum ein Tourist in den Kongo. Nur die Nationalparkwächter harren aus. 480 dieser Ranger hat die ZGF ihre Ausbildung finanziert, 48 von ihnen gehören zu einer Elite-Einheit, die aktiv gegen Wilderer vorgeht. Die Ranger gewöhnten die Gorillas auch daran, dass in den 1980er Jahren immer mehr Menschen bei ihnen vorbei schauten, die keine Gewehre dabei hatten, sondern nur Gorillas beobachten und fotografieren wollten. Es dauerte ein paar Jahre, bis die großen Menschenaffen akzeptierten, dass die Zweibeiner nichts Böses wollen. Danach aber boomte auch im Kongo der Gorilla-Tourismus. Bis es 1994 zum Völkermord im Nachbarland Ruanda kam. Viele Menschen aus der am Ende unterlegenen Volksgruppe der Hutu flohen in das Nachbarland Kongo - und begannen von dort die Grenzregionen ihrer alten Heimat zu attackieren. Die Tutsi-Machthaber in Ruanda marschierten daher 1996 in den Osten des Kongo ein, um die Hutu von dort zu vertreiben.
Seither wogt der Bürgerkrieg im Osten des Landes hin und her. Die Kriegsparteien und Rebellengruppen finanzieren sich oft über den Abbau von Bodenschätzen in den von ihnen kontrollierten Regionen. Eine zentrale Rolle spielt das Erz Coltan, von dem 80 Prozent der Weltvorkommen im Bürgerkriegsgebiet des Ostkongo vermutet werden. Aus diesem Erz wird das Metall Tantal gewonnen, mit dem Minikondensatoren gebaut werden, die in Handys und Laptops Verwendung finden. Mit dem Geld aus dem Coltan-Abbau, das fast immer illegal über Ruanda ausgeführt wird, bezahlen die kriegführenden Parteien ihre Soldaten. Die Gorillas aber kamen relativ gut durch den Bürgerkrieg, weil die dort lagernden Rebellen und Soldaten die meisten Wilderer und Holzfäller vom Nationalpark abschreckten. Nur 2007 wurden mehrmals Gorillas von Unbekannten erschossen. Trotzdem zählten die Ranger Anfang 2009 wieder mehr Gorillas im Virunga-Nationalpark als noch 2007, berichten die ebenfalls im Kongo engagierten Naturschützer vom WWF.
Gorillas trotzen der Krise
Die Berggorillas scheinen mit der Krise also gut zurecht zu kommen. Obwohl seit 1994 kaum noch Touristen kommen und oft ihr Lohn nicht gezahlt wurde, führten die Ranger ihre Arbeit fort und besuchten die an Menschen gewöhnten Gorillagruppen so oft wie möglich. Sollte der Bürgerkrieg irgendwann enden, könnte der Menschenaffen-Tourismus also rasch wieder auf Touren kommen, weil die Gorillas Menschenbesuche noch gewöhnt sind. Die Ranger aber zahlen einen hohen Preis für ihren Einsatz, weit über hundert von ihnen starben in den letzten zehn Jahren im Dienst. Durch den Dauerkonflikt in der ohnehin übervölkerten Region rings um den Nationalpark wird dort auch der Brennstoff knapp, mit dem die Menschen ihr Essen kochen.
Da liegt die Idee nahe, die Bäume in den Wäldern des Nationalparks zu schlagen und aus ihnen Holzkohle zu machen, die sich teuer verkaufen lässt. Die Gorillas aber leben im Wald und fressen seine Blätter. Um den Lebensraum des Wirtschaftsfaktors Gorilla zu retten, organisierte die ZGF in Zusammenarbeit mit den Behörden daher Straßensperren, an denen mehr als hundert Tonnen Holzkohle beschlagnahmt wurden. Meist schmuggeln Frauen die Holzkohle. Sie werden aber nicht etwa ins Gefängnis gesteckt, sondern dürfen zwei Wochen lang in einem Kurs lernen, aus Kompost Brennstoff zu gewinnen. Am Ende bekommt jede Ex-Schmugglerin noch eine Kompostpresse geschenkt und kann sich damit eine neue Existenz aufbauen, ohne den Gorillas den Wald wegzunehmen. „Mit solchen Maßnahmen versuchen wir den Menschen im Bürgerkriegsgebiet wieder eine Perspektive zu geben und gleichzeitig den Wald zu schützen“, erklärt ZGF-Geschäftsführer Christof Schenck. Würden die Milizen entwaffnet, könnte die Wirtschaft im Land rasch wieder boomen. Auf den fruchtbaren Böden wachsen üppige Ernten. Auch die Bodenschätze wie das begehrte Coltan lassen sich gut vermarkten.
Und die Gorillas im Kongo könnten die Situation auf dem Naturtourismus-Markt merklich entspannen: In den Nachbarländern Ruanda und Uganda sind die Gorilla-Touren nämlich bereits ein Jahr im Voraus ausgebucht. Silberrücken Kabirizi jedenfalls würde die neuen Besuchergruppen wohl mit genauso stoischer Ruhe aussitzen wie die Stippvisite von Christof Schenck und dabei seine geliebten Blätter mampfen.
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