Von Tobias Kaufmann, 14.07.09, 18:56h, aktualisiert 26.10.09, 10:50h
Die erste wäre, um eine junge Frau zu trauern, die Opfer eines Gewaltverbrechens geworden ist. Dazu hätte auch gehört, dass die deutsche Politik und die veröffentlichte Meinung diese Trauer früh und deutlich öffentlich machen. Das ist zu spät geschehen. Der Vorwurf, dieses Land habe kollektiv geschwiegen, ist so aber auch nicht richtig. Der "Kölner Stadt-Anzeiger" etwa hat sich mit den Hintergründen der Tat am 4. Juli ausführlich auseinandergesetzt.
Im zweiten Schritt hätte es darum gehen müssen, einen Skandal aufzuklären. Wieso kann ein Verfahrensbeteiligter mit einem Messer vor Gericht erscheinen? Warum schießt ein herbei eilender Polizist auf den Falschen? Und, ja: Wie viel Rassismus steckte hinter dem Reflex, die Waffe nicht auf den blonden Täter zu richten?
Unzulässige Verallgemeinerung
Statt sich aber den emotionalen und politischen Dimensionen des Einzelfalles zu stellen, wird er unzulässig verallgemeinert und vereinnahmt. Das Foto aus Karatschi, mit dem unser Text vom Dienstag bebildert war, verdeutlicht dies. Verschleierte Frauen verbrennen eine deutsche, eine amerikanische und eine israelische Fahne. Es ist das übliche, bestellte islamistische Empörungsritual, das von Karatschi bis Teheran auf den Mord folgte. Ganz so, als habe der russischstämmige Rassist im Auftrag der Bundesregierung, des Großen Satans und der jüdischen Weltverschwörung getötet.
Unglücklicherweise gehen manche im Westen dieser Propaganda auf den Leim, oft unbewusst und mit bester Absicht. Nun stecken wir wieder in einer Debatte, die mit dem konkreten Fall wenig zu tun hat. Ist Dresden nicht der Beweis dafür, dass es hierzulande eine verdrängte Islamfeindlichkeit gibt, „mindestens genauso ausgeprägt“ wie „latenter“ Antisemitismus, wie zu lesen war?
Historische Schuld
In dieser Diskussion wird Rassismus aufgesplittert als gäbe es eine Konkurrenz der Rassismen. Sicher: Antisemitismus wird in Deutschland eine besondere Aufmerksamkeit beigemessen. Das liegt an der historischen Schuld Deutschlands gegenüber den Juden. Wer eine Priorisierung der Vorurteile daran festmacht, relativiert diesen Zusammenhang. Den vermuteten Aufschrei im Land, wenn das Opfer von Dresden eine Jüdin gewesen wäre, mit dem anfänglichen Schweigen im Fall Marwa in Beziehung zu setzen, ist zynisch. Was hat die Judenfeindschaft mit diesem Mord zu tun?
So wie niemand ernsthaft bestreiten dürfte, dass Deutschland vom Kosovo bis Kundus zum Schutz von Muslimen das Leben eigener Bürger einsetzt, so bestreitet hoffentlich niemand ernsthaft, dass es zu viele Deutsche gibt, die Moslems hassen. Selbst unter Wissenschaftlern ist aber höchst umstritten, ob man diesen rassistischen Hass als Islamophobie bezeichnen sollte. Seltsamerweise sind oft ausgerechnet jene, die am feinsinnigsten auf Unterscheidung von Antisemitismus, Antijudaismus und Antizionismus bestehen, die ersten, die in Sachen Islamfeindschaft alles in einen Topf werfen.
Islamophobie ist ein unsauber definierter Begriff, der Moslems und Islam gleichsetzt. So werden selbst nicht-religiöse Moslems auf ihre Religion reduziert. Was ist denn Islamophobie überhaupt? Was unterscheidet sie vom Rassismus? Falls man solche Spezifika finden kann, wäre es umso mehr wichtig, das Ressentiment klar von der Kritik zu trennen.
Tabuisierung durch die Hintertür
Die Moscheedebatte in Köln und anderswo hat in weiten Teilen mit Hass auf Muslime als ethnische Gruppe wenig zu tun, wohl aber mit Vorbehalten gegen den Islam. Man kann diese Vorbehalte kritisieren, gegen sie argumentieren – tabuisieren darf man sie nicht. Das aber passiert durch die Hintertür, wenn der Mord an El-Sherbini in Bezug gesetzt wird zum Mord an Theo van Gogh. Dessen Film war nicht „islamfeindlich“, sondern eine Provokation mit dem Ziel, auf das Schicksal von Frauen aufmerksam zu machen, die im Namen des Islam unterdrückt werden. Das kann man falsch finden, rassistisch ist es nicht.
Der Täter von Dresden jedoch ist ein Rassist und Moslemhasser, geprägt vom gesellschaftlichen Klima in Russland. Dort hat der Staat im Kampf gegen eine reale terroristische Bedrohung aus dem Kaukasus vielen Russen eine irreale Propagandagleichung ins Hirn gebrannt: Dunkelhäutiger gleich Moslem gleich Terrorist. Diese Gleichung ist in Deutschland in keiner Weise mehrheitsfähig. Nun bringt ein mit dieser Ideologie vollgestopfter Verlierer in einem deutschen Bundesland, das den Rassismus unter seinen Bürgern seit Jahren verharmlost, eine Ägypterin um, die keine Unterschichteneinwanderin ist, sondern Teil einer multi-kulturellen Elite, zu Gast in Dresden. Der Fall ist eine Tragödie, so wie der gedeihende Rassismus in Teilen unseres Landes ein Skandal ist, den zu viele inzwischen achselzuckend hinnehmen - egal, woher die Opfer kommen.
Gerade deshalb sollte der Mord von Dresden nicht für eine Debatte missbraucht werden, deren Ausgangsthese den Falschen nützen kann. Kritik am Islam, auch Kritik am Kopftuch, wird nicht dadurch „islamophob“, dass ein Mordopfer ein Kopftuch trug. Darauf hat der "Zentralrat der Ex-Muslime" zurecht hingewiesen. Die Frage, ob politische Gewalt dem Islam immanent ist oder nicht, ist von diesem Mord ebenso unberührt wie die Tatsache, dass Menschen aus Unwissenheit und Angst eine Religion ablehnen, in deren Namen derzeit fast täglich bestialische Morde verübt werden. Sonst hat sich die Debatte, die bei einem rassistischen Mörder startet, schnell verselbständigt. Ist nicht auch Salman Rushdie „islamophob“?
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