Von Christine Badke, 17.07.09, 17:14h
25 Teilnehmerinnen aus Russland, der Türkei, Deutschland, Äthiopien und Polen nutzen dieses Angebot der Stadt Zülpich regelmäßig. Pro Treffen kommen etwa zehn Frauen, die das Frühstück, das sie stets am ersten Mittwoch des Monats veranstalten, genießen. Heute wird das Frühstück zum Brunch: „Eine kalte Suppe aus Russland habe ich lieber nicht gemacht, du verträgst ja keine Sahne“, begrüßt Evgenia einen Neuankömmling. Das gemeinsame Essen ist für die Frauen eine Gelegenheit, in lockerer Atmosphäre auch manchmal ernsthafte Probleme zu besprechen. Viele haben dank dieser Zusammenkünfte erst richtig Deutsch gelernt. Sie finden es spannend, sich über traditionelle Rezepte und deren Geschichten auszutauschen und sich so in andere Kulturen hineinversetzen zu können.
Intensive Zusammenkünfte
„Daraus würde ich am liebsten ein Buch machen“, sagt Marion Linden-Knack, selber begeistert von den intensiven Zusammenkünften. Doch was die Frauen unternehmen, geht weit über kulinarische Ausflüge hinaus. Um die Gegend besser kennen zu lernen, fahren die Zülpicherinnen, die oft unter schwierigen Bedingungen ihr Heimatland verlassen haben, regelmäßig auf Exkursionen. So ließen sie sich unter fachkundiger Führung unter anderem den Matronentempel in Nettersheim, das Apothekenmuseum in Bad Münstereifel oder das Freilichtmuseum Kommern zeigen.
Auch aktuelle Politik ist immer wieder Thema in der wöchentlichen Runde. Wahlen im Heimatland oder Unruhen im Iran werden ebenso besprochen wie die deutsche Politik, Globalisierung oder das Europaparlament. Marion Linden-Knack, Sozialarbeiterin der Stadt Zülpich und Integrationsbeauftragte, bereitet viele der Treffen thematisch vor, indem sie Artikel aus der Tagespresse sammelt oder im Internet recherchiert. „Einmal erzählte eine Frau, dass sie nach einem Besuch im Kölner Dom das Bild eines jungen, obdachlosen Mannes nicht mehr aus dem Kopf bekam und sich fragte, wie seine Geschichte wohl ist“, erzählt die Leiterin des Treffens. Zufälligerweise hatte einige Tage zuvor etwas über den Weg in die Obdachlosigkeit im „Kölner Stadt-Anzeiger“ gestanden, ein Artikel von Luisa Schlierf, die zur Euskirchener „junge Zeiten“-Redaktion gehört. Sie hatte den jungen Mann, der mit seinem Hund ständig auf der Domplatte anzutreffen ist, befragt.
Schlimmes erlebt
Die Lage in den Heimatländern der Frauen kommt oft zur Sprache. „Einige haben Schlimmes erlebt“, weiß Linden-Knack, die das Treffen vor acht Jahren ins Leben rief. „Der Ausländeranteil in Zülpich ist ja recht niedrig“, so die Sozialarbeiterin. Sie habe aber festgestellt, dass gerade Frauen unter Isolation leiden und es schwierig ist, wirklich Fuß zu fassen. Deshalb erarbeitete sie das Konzept, das inzwischen 400 Frauen half, ihren Platz in der neuen Heimat zu finden. Sogar der Gedanke, dass ein wirklicher Austausch und nicht nur eine Kontaktbörse unter zugewanderten Frauen entstehen kann, ging auf: Beim Besuch des „Kölner Stadt-Anzeiger“ sind vier von zehn Frauen deutscher Herkunft. Für sie steht nicht nur Hilfe für Neubürgerinnen im Vordergrund, wenn sie mit einer Brötchentüte unter dem Arm im „Sajus“ vorbeikommen. Auch sie erzählen, dass es für sie spannend ist, etwas über die Heimatländer der Migrantinnen zu erfahren.
Die Frauen aus Russland, der Türkei und anderswo sagen übereinstimmend, dass sie in den offiziellen Kursen nie so gut Deutsch gelernt hätten wie in diesem Rahmen. Der Kontakt zu Marion Linden-Knack sorgt außerdem dafür, dass sie schnelle Hilfe bei Problemen oder bei Behördengängen erhalten und zu anderen städtischen Angeboten vermittelt werden.
Aus den organisierten Treffen sind etliche Freundschaften hervorgegangen. Marion Linden-Knack mag sich auf diesem Erfolg ihrer Arbeit, zu der auch allgemeine soziale Beratungen und Jugendarbeit gehören, nicht ausruhen. „Ich habe noch 1000 Ideen“, strahlt sie. Aktuell arbeitet sie an Plänen für einen interkulturellen Garten, wie es ihn in vielen größeren Städten schon gibt. Dabei legen deutsche und zugewanderte Naturfreunde gemeinsam einen Nutz- und Ziergarten an mit Pflanzen aus den jeweiligen Regionen. „Wenn man in einer Gruppe dafür sorgt, dass etwas wächst und gedeiht, entwickeln sich auch die eigenen Wurzeln in der neuen Heimat“, ist sie sich sicher.
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