Von Georg Imdahl, 22.07.09, 10:43h, aktualisiert 22.07.09, 11:51h
Dort war in den frühen Morgenstunden des 27. April 2007 ein sowjetisches Ehrenmal im Zentrum demontiert und auf einen Soldatenfriedhof am Rand der Stadt verlegt worden, woraufhin es zu schweren Ausschreitungen gekommen war. Auch einige Gräber wurden ausgehoben und umgebettet. Mit der Degradierung des Bronzesoldaten sah sich der nach wie beträchtliche russischstämmige Teil der Tallinner Bevölkerung um sein Symbol gebracht: Eines der Videos zeigt das Denkmal am ursprünglichen Standort als Stätte der weihevollen Andacht, an der die Veteranen und ihre Familien die russische Seele befriedigen und den Großen Patriotischen Krieg beschwören - dann, in einem anderen Film, sind die wütenden Reaktionen und die Plünderungen aufgezeichnet, welche die Versetzung nach sich zog: die sogenannte „Bronze-Nacht“.
In den erbitterten Auseinandersetzungen, die in eine zweitägige Straßenschlacht mit rund 1500 russischen Jugendlichen mündeten, offenbarten sich die späten Folgen eines höchst widersprüchlichen Geschichtsbildes: Das 1947 errichtete Ehrenmal huldigte einerseits der Roten Armee und dem „Großen Vaterländischen Krieg“ gegen die nationalsozialistische Invasion - die Wehrmacht war im Juli 1941 in Estland einmarschiert. Andererseits erinnerte es die estnische Bevölkerung ebenso kontinuierlich wie schmerzlich an die jahrzehntelange Okkupation durch die Sowjetunion. Als „Denkmal der Befreier Tallinns“ konnte es nach der Erlangung der estnischen Unabhängigkeit nicht mehr erwünscht sein, zumal die russischen Veteranen sich hier auch regelmäßig am 22. September, dem Tag des Einmarschs in Tallinn, versammelten. Auch auf diplomatischer Ebene hatte die Umsetzung des Bronze-Soldaten zu Verwicklungen geführt. So sah sich die estländische Botschaft in Moskau mehrere Monate lang durch eine kreml-nahe Organisation attackiert.
Ein Jahr nach der Umsetzung startete Kristina Norman nach eigenen Worten ein „Experiment“: Den Bronze-Soldaten streute sie in Form von Miniaturen unters Volk, welches die Figürchen nicht nur spontan als authentische Reliquien akzeptierte - die Menschen trugen sie auch von dem Soldatenfriedhof zum ursprünglichen Standort in Tallinn. Im Mai 2009 schuf Norman sodann eine goldene Replik und platzierte sie am ursprünglichen Standort in der Stadt.
In ihrer Familie, erinnert sich Kristina Norman, sei das Russische genauso geläufig gewesen wie das Estnische, „und niemand kann genau sagen, was unsere Nationalität ist“. In einem Text zu ihrem goldenen Soldaten und der Arbeit „After-War“ weist sie ausdrücklich darauf hin, eine Verhöhnung der russischen Bevölkerung liege nicht in ihrer Intention. Tatsächlich ist ihre Provokation kein Selbstzweck: Norman bestätigte die Funktion des Denkmals als „Ritual der Identität und Intensivierung“, wie sie schreibt, taucht es aber, in Gestalt der grotesken, goldenen Replik, in ein fremdes, fraglos auch ironisches Licht. So kam diese Arbeit einem Vorstoß gleich, mit einem prominenten unliebsamen Monument und der in ihm aufgerufenen Vergangenheit umzugehen, ohne es schnöde zu entsorgen.
Allerdings war dem goldenen Soldaten nur eine sehr kurze Dauer an seinem Standort in Tallinn beschert. Die Staatsmacht ließ sich nicht lange bitten, als sich nach der Aufstellung spontan eine Menschentraube um die Skulptur gebildet hatte. Nicht als Lauffeuer, sondern via Handy verbreitete sich die Nachricht - und euphorisierte die Anwesenden regelrecht. Die Polizei entfernte kurzerhand die Replik, die jetzt im estnischen Pavillon hängt, buchstäblich schwebt - stummer Koloss, Zeuge einer vielen schwelenden Konflikte, die das 20. Jahrhundert der Gegenwart hinterlassen hat.
Palazzo Malipiero, San Marco 3079, bis 22. November.
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