Von Marianne Kolarik, 22.07.09, 19:17h, aktualisiert 22.07.09, 19:21h
JÜRGEN VON DER LIPPE: Ich verehre Epikur. An Kant finde ich es witzig, dass er das Geld für sein Studium mit Billard- und Karten-Spielen verdiente. Wussten Sie das?
Nein, da bin ich platt. Aber er war ja auch ein Verfechter des Humors und hat diesen als Gegengift gegen die „alltägliche Eselei“ empfohlen, die „zuträglicher sei als alle Arzeney“. Können Sie das bestätigen?
VON DER LIPPE: Das wird Ihnen jeder Humorist bestätigen. Dass Kant wirklich Mutterwitz besaß, hat er auch mit seiner Definition der Ehe bewiesen, die für ihn aus dem Vertrag zur gegenseitigen Verfügungsstellung der Geschlechtsteile bestand.
Und er meinte, Lachen sei „ein Effekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts“.
VON DER LIPPE: Was wir Fallhöhe oder den größtmöglichen Gegensatz nennen, dass man eine Geschichte aufbaut, in der die Erwartungen hoch gesteckt sind und dann wechselt man plötzlich die Ebene und wird trivial.
Also keine Wendung ins nichts. . .
VON DER LIPPE: Alle diese Humortheorien drehen sich im Kreise. Zum Beispiel, dass zwei unvereinbare Ebenen zusammen kommen müssen, damit Humor entsteht. Ob man von Isotopieverschiebung oder wie auch immer spricht - alle meinen das Gleiche. Und jeder Versuch, einen Witz linguistisch zu erklären, muss scheitern, weil mehr dazu kommt: die Rezeptionsbedingungen und das erzählerische Talent dessen, der komisch sein will, spielen eine große Rolle.
Da sind wir auch schon bei dem Thema: warum gibt es mehr Komiker als Komikerinnen...
VON DER LIPPE: Weil Frauen sich offenbar nicht so gerne in den Mittelpunkt stellen und ihnen das Konkurrenzdenken abgeht, das bei Bühnenschaffenden zwangsläufig eine Rolle spielt.
Sie haben auch festgestellt, dass die Sprache der Frauen elaborierter sei als die der Männer, die die Sachen dafür eher auf den Punkt bringen.
VON DER LIPPE: Weil Frauen ohnehin eine andere Kommunikationsstrategie haben als Männer. Frauen kommunizieren, um soziale Bindungen herzustellen und aufrecht zu erhalten. Und Männer wollen etwas lösen oder eine Information weiter geben. Männer kommunizieren nicht zweckfrei.
Um noch mal auf Kant zurück zu kommen: er meinte auch, dass die „wohltätige Erschütterung des Zwerchfells und der Eingeweide“ als Nebeneffekt den Appetit anrege. Deckt sich das mit Ihrer Erfahrung?
VON DER LIPPE: Das habe ich unter dem Aspekt noch nicht untersucht. Aber die Lachforschung hat herausgefunden, dass die Massierung der Organe zur Stärkung des Kreislaufs beiträgt und zur Ausschüttung der Endorphinen beiträgt. Deswegen ist es für die Schmerzbekämpfung tauglich. Auf Stationen, wo Patienten Comicfilme und Ähnliches geboten wird, sollen bis zu 50 Prozent weniger Schmerzmittel verabreicht werden.
Ein weiterer positiver Effekt besteht nach Kant darin, dass man den anwesenden Frauenzimmern besser gefällt, wenn man sie zum lachen bringt. . .
VON DER LIPPE: . . dafür ist Kant aber nicht gerade der Fachmann gewesen.
Apropos Schmerzmittel: Sie sind bekennender Hypochonder.
VON DER LIPPE: Nicht mehr, so viel Spaß macht das in meinem Alter nicht mehr, wenn die Krankheiten unmittelbar vor der Türe stehen. Das ist nur so lange komisch, wie man denkt, dass einem nichts passiert.
Sie haben einmal gesagt, man müsse zu Zoten greifen, um das Publikum für Philosophie zu begeistern.
VON DER LIPPE: Das ist sehr verkürzt wider gegeben. Ich habe Freud zitiert, der in dem Zusammenhang gesagt hat, dass die Tabu-Verletzung ein Garant für die größtmögliche Wirkung ist. Die Kunst besteht darin, diese nicht in Widerwillen umschlagen zu lassen. Das könnte man auch Timing nennen. Ich habe auch nicht gesagt, dass man Philosophie nicht anders als mit Zoten erklären kann.
Von Ihrem Kollegen Werner Schneyder stammt das Bonmot „Gott weiß, warum er seine Priester vor der Ehe schützt“.
VON DER LIPPE: Das hat auch einen realen Hintergrund. Ich hatte einen sehr schüchternen Schulkameraden, der ins Kloster eingetreten ist, nachdem er auf einer Kellerparty von einer Frau einen Korb bekommen hat, als er sie zum Tanzen aufforderte. Der oder das Zölibat - beides ist ja möglich - kam für ihn gerade recht. Dann ist es eine große Gnade.
Was können Sie sich denn noch für einen anderen Beruf vorstellen? - Voraussetzung: es muss ja Bühne sein. . .
VON DER LIPPE: Der Friseur hat auch eine Bühne und er bekommt ein sehr schnelles Feedback für seine Arbeit. Auch der Handwerker bekommt ein begeistertes Feedback, wenn der Abfluss wieder frei ist. Aber dabei käme mir mein handwerkliches Ungeschick in die Quere. Ich würde wohl auch nie ein Spitzenzauberer, weil ich es manuell nicht so drauf habe. Koch wäre wunderbar. Einen Riesenspaß hat mir auch meine jahrelange Arbeit als Tutor an einer Universität gemacht.
Dabei steht man auch vor einem Auditorium, das unterhalten sein will.
VON DER LIPPE: Und es gibt eine Schnittmenge zum Beruf des Priesters, logisch.
Was würden Sie lieber machen, die Zeit zurück oder vor drehen?
VON DER LIPPE: Ich denke mal, mit zurück drehen bin ich länger beschäftigt. Eines meiner Lieblingszitate stammt von Jean Paul: „Erinnerungen ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann“. Ich gehöre auch zu den Leuten, die stundenlang alte Fotos betrachten können und später mit einem seligen und blöden Lächeln wieder in die Realität finden. Das ist mit das Schönste, was es gibt.
Es gibt Leute, die auch ohne Alkohol sentimental und witzig sein können.
VON DER LIPPE: Als wir auf der Bühne anfingen, war es üblich, vor der Vorstellung zwei drei Bier und ein Schnäpschen zu trinken, um sich locker zu machen. Man hat dann lange gebraucht, um fest zu stellen, dass man nüchtern sehr viel besser weil konzentrierter ist.
Sie sind auch als Gastgeber der „Was liest du?“-Sendung im WDR und als Sprecher von Hörbüchern bekannt - welchen Reiz hat das Vorlesen für Sie?
VON DER LIPPE: In der Sendung wird nicht erwartet, dass man im zehn-Sekunden-Takt lacht. Es ist einfach toll, einer Stimme durch dick und dünn zu folgen.
Sie lesen auch Bücher vor, die nicht gerade zum Mainstream gehören wie die von Arto Paasilinna
VON DER LIPPE: Ich liebe an Buchleuten die Haltung zu ihren Erzeugnissen. Die sagen Sachen wie: „Wir machen da gerade ein Buch, das wird bestimmt nicht verkauft, aber es wird wunderschön“. So etwas hört man von Fernsehleuten leider nicht.
Das Ergebnis verlegerischer Mischkalkulation.
VON DER LIPPE: Genau, die müssen die Tochter auf den Strich schicken, damit der Sohn Theologie studieren kann.
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige