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Israelkritik

Grenze ja – Tabu nein

Von Tobias Kaufmann, 10.08.09, 19:09h, aktualisiert 10.08.09, 19:11h

Von Henning Mankell bis Felicia Langer: Es gibt eine Grenze zwischen Kritik am Staat der Juden und Judenhass – und diese Grenze ist klar definiert. Das angebliche „Tabu Israelkritik“ beklagen nur jene, die nichts Gutes im Schilde führen.

Israelkritik?
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Israelkritik? Palkat bei einer Demonstration in Berlin, 29.12.2008. (Bild: ddp)
Israelkritik?
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Israelkritik? Palkat bei einer Demonstration in Berlin, 29.12.2008. (Bild: ddp)
„Jene, die eine Zwei-Staaten-Lösung vertreten, denken falsch ... Der Untergang dieses verächtlichen Apartheidsystems ist das einzig denkbare Resultat, da es notwendig ist.“ Diese aktuelle Aussage zu Israel stammt vom schwedischen Krimi-Autor Henning Mankell. Sie wird derzeit gern zustimmend zitiert, auch in Leserbriefen. Von Menschen, die bekennen, israelkritisch zu sein, den Vorwurf des Antisemitismus aber scharf zurückweisen. Oft prophylaktisch. Israelkritik und Antisemitismusverdacht, das scheint zusammen zu gehören. Stets wird betont, dass es möglich sein müsse, Israel zu kritisieren, ohne in „diese Ecke“ gedrängt zu werden.

Dieser Forderung ist zuzustimmen. Niemand würde sie ernsthaft bestreiten. Ob Besatzung oder Krieg, ob Siedlungen oder Bürgerrechte - es gibt keinen Aspekt israelischer Politik, der nicht in Leitartikeln und Interviews, im Parlament oder am Stammtisch angegriffen, hinterfragt und beanstandet würde. Nur selten entzündet sich daran eine Antisemitismus-Debatte.

Israelkritik ist kein Tabu

Trotzdem behaupten viele Israelkritiker von sich, sie brächen angesichts einer auf alles niedersausenden Auschwitzkeule mutig ein Tabu. Ein wenig hat diese schräge Wahrnehmung wirklich mit Auschwitz zu tun. Viele Deutsche erfüllt ein mulmiges Gefühl, wenn sie an Juden und Israel denken. Sie schämen sich, fühlen eine undefinierbare Verzagtheit. Einige nervt dieses Unbehagen so sehr, dass sie in eine Abwehrhaltung verfallen, perfekt diagnostiziert mit dem zynischen Bonmot „Die Deutschen werden den Juden den Holocaust nie verzeihen.“

Wer Israel in Deutschland kritisiert, kommuniziert auf vermintem Gelände. Denn anders als Kritik am Judenstaat ist Judenhass tabuisiert. Und zwar zu recht. Ein Israelkritiker, der nicht einfach nur sein Ressentiment in einer neuen Packung versteckt, darf sich um den Preis seiner Integrität also nicht antisemitisch äußern.

Das ist, allen Unkenrufen zum Trotz, möglich. Wo die Grenze zum Antisemitismus verläuft, hat die EU sogar definiert. Demnach ist Kritik am jüdischen Staat dann antisemitisch, wenn sie Israel dämonisiert oder delegitimiert. Etwa indem man den Juden das Recht auf nationale Selbstbestimmung abspricht und behauptet, Israel an sich sei ein rassistisches Projekt. Wenn man israelische Politik gleichsetzt mit Nazimethoden; wenn man die Juden kollektiv für Israel haftbar macht.

„Wir lachen über die Hirngespinste dieses Volkes und weinen über seine Untaten“, schrieb 2006 der norwegische Autor Jostein Gaarder. Er meinte die Juden. „Wir lachen unbehaglich über jene, die noch immer glauben, dass der Gott der Flora, Fauna und Galaxien ein einzelnes Volk vor den anderen als sein Liebstes auserwählt und ihm lustige Steintafeln, brennende Büsche und eine Lizenz zum Töten überreicht hat. ... Mögen Geist und Wort die Apartheid-Mauern Israels hinweg fegen.“ Gaarder („Sofies Welt“) ist kein irrlichternder Nazi, sondern ein beliebter Autor aus der Mitte der europäischen Gesellschaft.

Trotz seiner rassistischen Tirade, die von der Bibel bis zum modernen Staat jeden Aspekt des Judentums verhöhnt, sah er sich als Opfer. Wer Israelkritik äußere, werde sofort als Antisemit verunglimpft. Diese schiefe Wahrnehmung gehört zum Versuch, vom Thema abzulenken: Es geht nicht darum, ob Israelkritik per se illegitim oder antisemitisch ist, sondern ob das auf konkrete Kritik zutrifft - und wie haltbar diese ist, wenn man Fakten statt Formeln zugrunde legt.

Wo ist das Schweigekartell?

Um sich solche Argumentationsmühen zu ersparen, schwingen viele Israelkritiker die Auschwitzkeulen-Keule. Sie behaupten, sie seien von einem Schweigekartell umgeben, das uns in einen Meinungsfreiheitsnotstand zu stürzen droht. Doch die Freiheit, alles sagen zu dürfen, bedeutet nicht, vor Widerspruch geschützt zu sein. Wer ohne Rücksicht auf Fairness und Vernunft austeilt, muss mit Echos rechnen. Das gilt übrigens für alle Seiten. Ohne Beleg „Tabu!“ zu schreien ist immer falsch. Unglücklicherweise wird es in Sachen Israelkritik häufig anstelle von Argumenten verwendet.

Dafür ist Felicia Langer ein Beispiel, die einzige Kommunistin, die je in der Stuttgarter Staatskanzlei das Bundesverdienstkreuz bekam. Anders, als es von Langers Verteidigern dargestellt wird, wollen ihre Kritiker der Anwältin der Palästinenser nicht den Mund verbieten. Sie bestreiten aber, dass es richtig ist, einer Frau einen Orden umzuhängen, die dem Antisemiten Jamal Karsli ein lobendes Vorwort schrieb und Israel ständig als Apartheid-Staat bezeichnet. Darüber zu streiten, hätte sich gelohnt.



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