Von Stephan Klemm, 13.08.09, 21:37h
Ines Greipel will gar nicht so sehr auf ihr Schicksal aufmerksam machen. Sie will vielmehr mit ihrem Wissen einfach nur demonstrieren, dass vieles falsch läuft in der Leichtathletik der Gegenwart. Sie will zeigen, dass es eine Verbindung gibt von der verseuchten Zeit, für die Greipel stehen muss, in die Jetzt-Zeit der WM-Tage von Berlin. Deshalb findet sie: „Es ist zum Wegschauen.“ Greipels Ansicht nach hat der Sportbetrug neue Ausmaße angenommen. Man muss gar nicht lange suchen, um diese These zu untermauern.
Vor dem Start überführt
Doping-Fälle häufen sich traditionell schon vor einer Groß-Veranstaltung, so ein Skandal während einer WM wäre ja auch schlecht für das Image. Diesmal wurden sechs brasilianische WM-Starter überführt, Epo-Konsum, und im Anschluss an ihre Anreise nach Deutschland gleich wieder nach Hause geschickt. Fünf jamaikanische Berlin-Teilnehmer sind von ihrer Anti-Dopingagentur zunächst wegen der Einnahme eines verbotenen Mittels suspendiert und danach gleich wieder freigesprochen worden. Nun läuft angeblich ein Einspruch gegen den Freispruch, Ausgang offen.
Auch Russland hat ein Doping-Problem. Vor den Olympischen Spielen in Peking gingen gleich sieben russische Top-Athletinnen ins Netz der Doping-Fahnder. Im vergangenen November wurden sechs russische Geher erwischt, darunter der 20-Kilometer-Weltrekordler Wladimir Kanajkin.
Der Leichtathletik-Weltverband (IAAF) veröffentlicht auf seiner Homepage eine Liste mit gleich 117 zurzeit gesperrten Athleten, die aktuellen Fragwürdigkeiten sind darin noch nicht erfasst. Hinzu kommen Sonderbarkeiten im Umgang mit den Athleten. Afrikanische Läufer zum Beispiel müssen sich nicht vor unangemeldeten Blutkontrollen fürchten. Es gibt keine. Hintergrund dafür ist laut Chris Butler, dem für Doping zuständigen Sprecher der IAAF, die Tatsache, dass es keine akkreditierten Anti-Doping-Labors in Afrika gebe.
Hinzu kommt der nachlässige Umgang der IAAF mit genommenen Blutwerten. Der Verband scheut sich, einen Hämatokrit-Grenzwert festzulegen, den es in anderen Sportarten längst gibt. Rechtliche Gründe seien Schuld, sagt dazu der Direktor der Medizinischen Kommission der IAAF, Juan Manuel Alonso. Bei der WM vor zwei Jahren in Osaka musste Alonso einräumen, dass zehn Prozent der rund 500 für wissenschaftliche Zwecke entnommenen Bluttests erhöhte Hämatokritwerte aufwiesen - das kann ein Indiz für Doping sein und hat in der Regel eine Schutzsperre zur Folge. Außer in der Leichtathletik.
Die Rolle der IAAF in diesem Spiel ist nicht ganz schlüssig. Der senegalische Verbands-Präsident Lamine Diack stilisiert sich gern als energischen Kämpfer an der Doping-Front. In Berlin sollen mehr als 1000 Kontrollen vor und während der Wettkämpfe genommen werden - so viele wie noch nie. Das soll Eindruck machen und toll klingen. Dass jedoch negativ absolvierte Tests nicht unbedingt für Sauberkeit stehen, ist inzwischen Allgemeingut.
Darauf wies gerade erst in der beachtlichen ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping“ der Doping-Kronzeuge Angel Heredia aus den USA hin. Er verdächtigt pauschal alle Leichtathletik-Sieger, weil er glaubt zu wissen, wie Siege zustande kommen: unehrlich, mit Drogen, die er einst den Top-Stars der Szene selbst besorgt hat. 32 Weltklasse-Athleten seien seine Kunden gewesen, erzählt er. Sein System lebte von perfekter Vernetzung, kein Sportler dürfe positiv sein - „die Lücken im Kontrollsystem sind groß genug, um das zu gewährleisten“, sagt Heredia. Insofern müsse bei genauer Einstellung niemand Kontrollen fürchten. Für Heredia steht fest: „Als Konsument willst du die Wahrheit nicht hören, weil es deinen Traum zerstört. Doping wird immer Teil des Sports bleiben.“
Doping produziert Stars und Rekorde, es beschert Athleten Ruhm, Ehre und Geld. Von all dem bekommen auch die Sport-Manager, die Ausrüster, Veranstalter und Organisatoren eine Menge ab. Sie alle profitieren von der Show der Athleten.
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