Von Jörg Schindler, 18.08.09, 21:28h, aktualisiert 19.08.09, 12:13h
300 Meter westwärts zuckelt der andere Kandidat S. wenig später ungelenk über den Roten Teppich. Er ist wie immer unrasiert und riecht vermutlich aus dem Mund, die grauen Haare weisen wahllos nach links, rechts, ein paar auch in die Mitte. Der Kandidat rülpst. Das Volk jubelt. Man fleht um Autogramme. „Horst Schlämmer“, schreibt der Kandidat. Er hat Schnappatmung, er hat Rücken und seit kurzem, einer denkwürdigen Umfrage zufolge, auch 18 Prozent. Nicht jedem hier, so muss man befürchten, ist klar, dass es „Horst Schlämmer“ gar nicht gibt. Vielleicht ist das aber auch schon egal.
Seit zwei Wochen nun hält der Gestaltwandler Hape Kerkeling mit seinen Schlämmereien die Bundeswelt in Atem. Sein Schlachtruf „Isch kandidiere!“ hat die real existierenden Parteien offenbar derart paralysiert, dass sie vor Schreck den Wahlkampf vergessen haben. Horst dagegen dampft durch alle Gassen. Ließe man das Volk entscheiden, wäre er in Kürze vermutlich Bundeskanzler und -präsident, Wetten-dass-Moderator, FC-Bayern-Trainer und Papst. Wir sind Horst. Da kann man schon mal vergessen, dass der eigentliche Anlass für die Hysterie - Kerkelings Schlämmer-Film - noch gar nicht in den Kinos lief. Das wird jetzt nachgeholt.
Am Montagabend also erlebte „Isch kandidiere“ unter maximaler Promi-Präsenz seine - nun ja - „Welturaufführung“ in Berlin. Und? Wie isser so? Och, na ja, isch sach ma, kamman gucken, mussman nich - weisse bescheid. Kerkeling und sein Partner Angelo Colagrossi drehten nicht viel länger als ein Vierteljahr an ihrer halb-dokumentarischen Polit-Klamotte. Da kann man keine Wunder erwarten. Aber darauf, dass der Film Platz Eins der Charts stürmen wird, darf man wetten.
„Isch kandidiere“ ist im Grunde genommen die Film gewordene Perversion des amerikanischen Traums: von Kellergeistern zu Rüttgers Club. Es ist die Geschichte des talentfreien Grevenbroicher Lokaljournalisten Horst Schlämmer, der die Kleintierzucht („Was rammelt der Bock so weg?“) irgendwann gegen die Großpolitik einzutauschen beschließt. Als Kanzlerkandidat der „Horst Schlämmer Partei“ (HSP) hoppelt er mit „Hasenpower“ durch die Republik, unterschreitet jede Schamgrenze, beschläft Alexandra Kamp (die sich weitgehend überzeugend selbst spielt) und singt sogar gelegentlich. Da wird Horst zu Hair. Sein Dope heißt Doornkaat.
So richtig ist in dieser annähernd 90-minütigen Farce nie auszumachen, ob sie nun hochprofessionell auf dilettantisch getrimmt wurde oder am Ende einfach nur dilettantisch ist. Die filmischen Mittel jedenfalls sind begrenzt, der Humor ist es auch, was andererseits bei Gastauftritten von so hochmögenden Komikern wie Jürgen Drews, Kader Loth - besser bekannt als „Nackt-Luder“ -, Gunter Gabriel oder auch Michael Schumacher nicht wirklich verwundert. Wo Gagen oder Überredungskunst nicht fruchteten, springt Kerkeling in die Bresche, parodiert wunderbar die Null-Rhetorik des Merkel-Vasallen Pofalla oder beweist fast seherische Gaben bei der Ministerinnen-Mimikri („Ich bin Ulla Schmidt. Ich habe das gut gemacht.“).
Richtig lachhaft - oder sollte man sagen: lächerlich? - wird „Isch kandidiere“ allerdings, wenn der falsche Fuffziger Schlämmer auf seiner Deutschland-Safari echte Exemplare seiner Art trifft. Was Politiker alles tun, um sich beherzt der Verdrossenheit entgegenzustemmen - hier ist es zu besichtigen. Wenn etwa Ursula Kwasny, immerhin CDU-Bürgermeisterin von Grevenbroich, von finanziellen „Rückenlagen“ spricht und ihre Familienministerin als „Vanderlein“ verballhornt, wenn sich Claudia Roth (Grüne) Biogurken aufs Auge drücken lässt und wenn Otto Fricke (FDP) sagt: „Ich kann ja nicht phlegmatisch auf 'ner Schaukel sitzen“, während er phlegmatisch auf „ner Schaukel sitzt - dann muss die Frage erlaubt sein, wer hier eigentlich der Komiker ist. Hotte oder die anderen? So willig hat eine Kaste noch selten bei ihrer eigenen Demontage mitgewirkt.
So gesehen schade, dass es am Ende doch nicht ganz reicht für Schlämmers HSP. Kanzler werden wieder nur die anderen. Ein Schicksal, das das tapfere Schreiberlein womöglich mit dem anderen Kandidaten S. teilt. Der begleitet einen auf dem Heimweg noch ein wenig durch die Nacht und lächelt auf seinem Würfel sein waagrechtes Lächeln. Er könnte etwas Hasenpower gebrauchen. Oder wenigstens schlechtere Zähne.
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige

Frankfurter Rundschau
Frankfurter Ernst-Reuter-Schule: Eltern wollen Mathelehrer weg habenKlinikum Offenbach: Alle wollen ins Krankenhaus

EXPRESS
Immer mehr Bundesländer fordern - Gratis-Kondome für Hartz-IV-EmpfängerDrogen! - RTL wirft Helmut Orosz raus

Spiegel Online
Erdbebenangst in Istanbul: Vor uns die SintflutReform durchgeboxt: Obama feiert historischen Gesundheits-Triumph