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Zigaretten in Filmen

Ganz schön verraucht

Von Jan Freitag, 18.08.09, 18:58h

Die 3Sat-Doku „Eine letzte Zigarette“ am Mittwoch um 20.15 Uhr erinnert an die dramaturgische Rolle von Zigaretten in Filmen. Obwohl in den letzten Jahrzehnten Nichtraucher weitgehend die Lufthoheit errungen haben, kommen die meisten Filme nach wie vor nicht ganz ohne Kippen aus.

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Freundlich: Der ehemalige "Camel-Man" George Herriger. (Bild: ZDF)
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Freundlich: Der ehemalige "Camel-Man" George Herriger. (Bild: ZDF)

Nikotin ist des Teufels: toxisch, tödlich. Aber als Stilmittel und Dekoration, zur Untermalung, Anbahnung, Dramatisierung in Film und Fernsehen darf die Kippe nicht sterben! Doch das könnte sie - mit jeder EU-Verordnung, jeder Kampagne, jedem Gesetz. Peter Zinsli eröffnet die sehenswerte 3sat-Dokumentation „Eine letzte Zigarette“. Der Schweizer Volksmusiker hat 36 500 Päckchen in 50 Jahren längst geraucht. Nun hängt er am Sauerstoffgerät und schildert mit Schlauch in der Nase die dunkle Seite des Genießens: Wie früher gequalmt wurde. In Büros, Werkstätten, Autos, Zügen, Zimmern, Sälen, Straßen, Plätzen, Redaktionen, Parlamenten, selbst in Krankenhäusern. Als Abstinenzler, erinnert sich Zinsli, „war man ein Sonderling“. Und wie er so lacht über eine karzinogene Biograf, erkennt man Leichtigkeit im teerschweren Thema.

Denn Autor Fritz Muri erzählt die Historie des blauen Dunstes mit erstaunlicher Toleranz, einem distanzierten Wohlwollen, das jeden Fundamentalismus im Keim erstickt. Man muss sich einfach nur den „Internationalen Frühschoppen“ ansehen, um jene kontemplative Ruhe zu spüren, die dampfende Pfeifen und glühende Stumpen internationaler Reporter beim Sinnieren über den Vietnamkrieg verströmten. Falco, der 1992 mit Filter zwischen gestreckten Fingern die österreichische Mentalität beim NDR „zwischen Depression und Größenwahn“ beschrieb. Oder wie ein Dürrenmatt im Dialog mit dem jungen Reich-Ranicki seelenruhig den Aschenbecher löscht.

Der Schleier über den Köpfen nahm der Talkshow die Aura der Zweckgemeinschaft heutiger Runden. Derart vernebelt gerann das Klima zur Wirtshausatmosphäre. Man fühlte sich heimisch, solang die Kostverächter nicht motzten. Und das taten sie nicht, 1974 etwa, als die kreative Tatsachenverdrehung der frisch verbotenen Fernsehspots im Fernsehen durch spröde Antiraucherreklame ersetzt wurde. Auch Mitte der Achtziger nicht, als Emissionen jeder Art dank der Grünen generell auf dem Index landeten. Selbst ein Jahrzehnt darauf, als der Marlboro-Man an Lungenkrebs verreckte, herrschte duldsame Hinnahme. Erst als Glimmstängel aus Flugzeugen, Staatsgebäuden, aus Büros und Restaurants verbannt wurden, obsiegten die Nichtraucher.

Laut Beat Wyss, Kunsthistoriker aus Zürich, der für die Schweizer Zigarettenmarke „Parisienne“ das Alpenpendant zum abenteuernden Camel-Mann war, erinnert daran, dass die Filterlose im Schützengraben dem Stressabbau diente. Rasch noch drei Züge, dann ab zum Sterben.

Das HB-Männchen bewahrt die Zigarette vor einem Infarkt. In Hollywood blieb seinerzeit keine Heldenhand ohne Filterlose und in George Clooneys McCarthy-Drama „Good Night and Good Luck“ quarzen alle im Fernsehen, weil der Sponsor wie in der Realität ein Tabakkonzern war. Schnitte man aus Filmen wie „Casablanca“ die Szenen ohne Alkohol und Zigarette raus, bliebe kaum etwas davon übrig. Doch seit die USA im Kampf gegen das Nikotin 1966 erste Warnhinweise auf Päckchen druckten, ging es mit dem Raucher-Image konstant bergab.

Hierzulande meldet die Gesundheitsministerin, dass Dreiviertel von 407 Filmen, die zwischen 1994 und 2004 im Fernsehen liefen, explizite Rauchszenen enthielten. Für den Medizinethiker Kurt Schmidt ist das eine kultursoziologische Frage: Der Film nehme sich „eben Freiräume, die in der realen Welt beschränkt werden“. In hiesigen Produktionen, klagt die Drogenbeauftragte, werde jedenfalls zweimal mehr geraucht als in ausländischen. Was laut einer Studie von 2007 bei jungen Zuschauern die Gefahr verdoppelt, selbst anzufangen.

Dabei läuft der Gegenangriff. Lucky Luke dreht nicht mehr selber, sondern kaut Grashalm. Serien wie „GZSZ“, „Marienhof“ und „Soko Leipzig“ tragen das Rauchfrei-Siegel der Krebshilfe. Die „Hör zu“ bebildert das Programm dieser Woche ohne Zigarette (aber mit neun Knarren). Und beim „Tatort“ gibt's lang schon keinen so beherzt rauchenden Ermittler mehr wie Kommissar Haverkamp. Die Siebzigerjahre. Blaue Zeiten.



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