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Organbestattung

Uralte Skelette kriegen ein Grab

Von Tim Stinauer, 20.08.09, 19:05h, aktualisiert 21.08.09, 08:31h

Körperteile aus der Rechtsmedizin sind eingeäschert und bestattet worden. Bislang wurden die Organe als medizinischer Sondermüll entsorgt. Die Beteiligten hoffen jetzt, dass die Organbestattung Nachahmer findet.

Organbestattung
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Würdevoller Rahmen: Markus Rothschild (M.) und Josef Terfrüchte (l.) planten die Organbestattung auf Melaten. (Bild: Hennes)
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Würdevoller Rahmen: Markus Rothschild (M.) und Josef Terfrüchte (l.) planten die Organbestattung auf Melaten. (Bild: Hennes)
Köln - Es ist der Moment, auf den Markus Rothschild, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin, und Josef Terfrüchte, Chef der Genossenschaft Kölner Friedhofsgärtner, fünf Jahre gewartet haben: An einer Schnur lässt ein Totengräber am Donnerstagnachmittag eine silberne Urne in ein Grabfeld auf Melaten hinab. In dem Gefäß liegt die Asche zahlloser Knochen, Organe und Gewebereste von etwa 30 Menschen, die zwischen 1995 und 2003 gestorben sind - die meisten bei Unfällen, durch mögliche Ärztefehler oder durch eigene Hand. Auch uralte Skelette, die zum Beispiel bei unterirdischen Bauarbeiten gefunden wurden, sind dabei. Die eingeäscherten Körperteile sind Beweisstücke aus abgeschlossenen Gerichtsverfahren. Jahrelang lagerten sie in der Asservatenkammer der Rechtsmedizin, die vorgeschriebene Aufbewahrungsfrist ist abgelaufen. „Jetzt werden sie endlich würdevoll beigesetzt“, sagt Rothschild nach seiner Ansprache am Grab.

Der Festakt ist deutschlandweit einmalig, vielleicht ist es sogar eine Weltpremiere. „Ich wüsste nicht, dass etwas ähnliches schon mal irgendwo stattgefunden hat“, sagt Rotschild. Dabei steht jedes rechtsmedizinische Institut vor demselben Problem: Nach einer Obduktion werden manchmal Organe wie Herzen oder Gehirne vor der Bestattung nicht in den toten Körper zurückgegeben, weil sie noch untersucht werden müssen. „Ein Gehirn kann etwa erst nach einigen Tagen Fixierung in Formalin präpariert werden“, erläutert Rothschild. Häufig geben Rechtsanwälte auch Zweitgutachten in Auftrag, so dass die Organe wiederholt untersucht werden müssen. Werden die Überreste nicht mehr benötigt, lagern die Rechtsmediziner sie im Keller in einer Asservatenkammer ein. Nur ein- bis zweimal pro Jahr entschließen sich Hinterbliebene, die Körperteile nachbestatten zu lassen. „Viele wissen vermutlich gar nicht um diese Möglichkeit“, glaubt Rothschild. Also werden die asservierten Organe irgendwann entsorgt - in einer roten Tonne für medizinischen Sonderabfall. „Aber ist ein Herz Sonderabfall?“, fragten sich die Mitarbeiter der Rechtsmedizin. „Die Vorstellung, dass ein von uns aufbewahrtes Gehirn oder Herz »entsorgt« wird, erfüllt mich und meine Kollegen mit Unbehagen“, sagt Rothschild. „Wir haben deshalb nach einem pietätvollen und ethisch anspruchsvollem Ausweg gesucht.“

2004 fragte der Rechtsmediziner Josef Terfrüchte um Rat, und beide waren sich einig: Das Institut benötigt eine eigene Grabstätte. Bis eine geeignete Stelle auf Melaten gefunden war und die Stadt den Plänen zugestimmt hatte, vergingen fünf Jahre.

Beigesetzt wurde die Urne auf dem Grabfeld von Joseph Becker, einem Karthäuser-Priester, der 1812 starb. Es hat die Nummer 578 / 579 auf dem Flur Litra J, liegt hinter einer kleinen Mauer nahe der Friedhofsverwaltung an der Aachener Straße. Die Zeremonie fand in kleinem Rahmen statt: Oberstaatsanwalt Alf Willwacher war gekommen, der Leiter des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin, Klaus Bergdoldt, zwei Seelsorger der Uniklinik, Mitarbeiter des Instituts für Rechtsmedizin und Angestellte der Bestattungsfirma Hoffmann, die die Beisetzung und die Kremierung übernommen hat. „Es sind Erinnerungen und Empfindungen, Außergewöhnliches, Privates und Schmerzhaftes, was hier zu Grabe getragen wird“, sagte Josef Terfrüchte. Dessen Genossenschaft trägt die Kosten für die Grabpflege. Die Beteiligten hoffen jetzt, dass die Organbestattung Nachahmer findet. Auf Melaten soll sie alle zwei Jahre stattfinden.



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