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Jan Delay

Ich will, dass alle mich hören

Von Christian Bos, 24.08.09, 16:20h, aktualisiert 24.08.09, 18:57h

Der Hamburger Sänger und Entertainer spricht über sein neues Album „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“, über sein Idol Udo Lindenberg - und über große Entdeckungen in der Schallplattensammlung seiner Eltern.

Jan Delay
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Das Kind vom Bahnhof Soul: Jan Delay.
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Das Kind vom Bahnhof Soul: Jan Delay.
Herr Delay, als wir vor zwei Jahren miteinander sprachen, erzählten Sie, dass Sie gerne ein Rockalbum aufnehmen würden. Daraus ist ja nun nichts draus geworden...

JAN DELAY: Kommt noch. Zu der Zeit kam einfach viel geile Gitarrenmusik raus - Wolfmother, die ersten Mando Diao-Alben, die Queens of the Stone Age - da habe ich mich reinziehen lassen. Früher bin ich nie so auf Gitarrenmusik angesprungen, das hat mich schon selbst gewundert. Aber dann merkte ich, dass bei uns, also bei mir und meiner Band Disko No. 1, noch ganz viel Luft nach oben ist. Unser erstes Album war ja noch nicht richtig Funk, deswegen habe ich es auch „Mercedes Dance“ genannt und nicht „Maschinenjanfunk“, wie es eigentlich heißen sollte. Aber live wurde die Musik zu Funk und wir zu einer Band, mit jeder 50er Marke an Konzerten wurden wir immer besser. Wenn wir jetzt ins Studio gingen, würde es um Lichtjahre besser! Ich wäre ja dumm, wenn ich das nicht gemacht hätte. Normalerweise habe ich den Deal: Beginner-Platte, Soloplatte, Beginner-Platte. Also habe ich meine Beginner-Kollegen Dennis und Mad um Erlaubnis gefragt und die meinten: Hey, alles gut.

Also wird auf „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ eine Beginner-Platte folgen?

DELAY Genau. Und anschließend eine Rock-Platte. Aber die würde ich gerne mit den Beatsteaks machen.

Welche Platte aus dem Schrank Ihrer Eltern hat Sie denn einst für Funk und Soul erwärmt?

DELAY Die erste Defunkt-Platte. Die Platte kam 1980 raus, da war ich vier. Ich bin da voll drauf abgegangen. Auf die Bläsersätze, den Rhythmus und den Groove. Das war genau mein Ding. Auch beim Soul gefielen mir am besten die energetischen Sachen. Meine Eltern hatten den „Let's Soul“-Sampler, die größten Hits von Atlantic Records. Da war mein Lieblingsstück Wilson Picketts „Land of A Thousand Dances“. Das habe ich auf Kindergeburtstagen laufen lassen und dann haben wir alle dazu getanzt.

Also bringt das tatsächlich etwas, wenn man mit seinen Kindern gute Musik hört?

DELAY Definitiv. Aber das soll auf keinen Fall im Umkehrschluss heißen, dass wenn man es nicht macht, gar nichts geht. Aber es ist auf jeden Fall ein guter Schritt nach vorne.

Fällt Ihnen denn spontan eine Platte aus dem Schrank Ihrer Eltern ein, mit der sie wohl nie warm werden?

DELAY Ja, die Platten von meiner Mutter! Mit Patti Smith konntest du mich als kleines Kind schon jagen und jetzt immer noch. Auch mit den Pretenders oder so. Worauf meine Mutter und ich uns einigen konnten, war Lene Lovich. Das war nicht ganz so heroinmäßig. Und nicht ganz so weiß. Ich hatte immer eine Vorliebe für schwarze Musik.

Nun arbeiten Sie als Nicht-Musiker mit Vollblut-Profis zusammen. Wie läuft denn da die Kommunikation?

DELAY Ich kann ausdrücken, was ich meine. Mit meinem Vokabular. Ich kann nun mal nicht in Septakkorden oder Subdominanten reden, davon habe ich keine Ahnung. Aber bevor der Track nicht so auf Band ist, wie ich den im Kopf habe, wird weitergemacht.

Aber wie präsentieren Sie Ihre Ideen?

DELAY Bei der neuen Platte wollte ich zwei, drei Nummern, die wirklich so klingen wie damals. Also habe ich mich mit der Rhythmusgruppe im Proberaum eingeschlossen. Ich habe dann einen Zettel, mit allem, was wir uns vorgenommen haben. Habe mein Handy dabei, in das ich tausend Melodien reingesungen habe. Und dann arbeiteten wir einfach diesen Zettel in drei Sessions à vier Tagen ab. Am Ende habe ich 20 bis 30 Tracks und aus meinen Favoriten habe ich Songs geschrieben. Und das, was sich schlussendlich als geil rausstellte, haben wir mit der Band geprobt und sind erst anschließend in eine großes, teures Studio gegangen, um das richtig aufzunehmen, mit tollen alten Mikros, damit der Sound stimmt. Diese Aufnahmen habe ich wiederum auf einen Rechner überspielt, mich mit DJ Tropf hingesetzt und ein halbes Jahr lang arrangiert.

Erst der Groove, dann der Song. Aber haben Sie keine inhaltlichen Vorstellungen, bevor Sie sich an die Arbeit machen?

DELAY Doch, es gibt auch die Variante „Song“, wo ich weiß: Zu diesem Thema will ich etwas sagen. Dann schreibe ich die Überschrift in mein Rhymebook und immer, wenn mir ein Reim zum Thema einfällt, schreibe ich den darunter. Das kann Jahre dauern. Irgendwann habe ich das richtige Stück Musik dazu. Oft fällt mir zur Melodie auch gleich eine Zeile ein, die dann das Thema vorgibt.

Die Musiker dürfen sicher auch Vorschläge machen?

DELAY Ja klar, die dürfen alles vorschlagen.

Und bei den Texten, wer ist da Ihr erstes Publikum?

DELAY Auch die Musiker. Tropf und ich laufen natürlich Gefahr, zu sehr im eigenen Saft zu braten. Bei „Hoffnung“ gab es zum Beispiel am Ende noch ein Outro mit einer, wie ich fand, sehr, sehr geilen Zeile. Aber mein Drummer und mein Keyboarder haben die gehasst, die fanden, die Zeile zerstöre das ganze Gefühl der Ballade.

Etwas genauer bitte...

DELAY „Es ist noch lange nichts verloren, denn wir haben noch unsere Ohren.“ Ich fand es voll geil, die fanden das Scheiße. Also habe ich es rausgenommen.

Wo Sie gerade „Hoffnung“ erwähnten: Das Album enthält die ersten Balladen, die Sie je geschrieben haben. Ist es schwieriger eine Ballade zu schreiben, als eine Tanznummer?

DELAY Bei dieser Platte war es sehr befreiend. Die erste Ballade zu schreiben, war wie den ersten Song zu schreiben. Das ist immer einfacher, weil man auf der Ebene ja noch nicht so viel gesagt hat. Und ich wiederhole mich nicht gerne.

Bei Balladen muss man aber auch ein bisschen persönlicher werden...

DELAY ...und das war auch der Grund, weshalb ich das bisher nie gemacht habe. Ich bin jetzt einfach ein bisschen älter und lockerer. Die schönsten Songs der Welt sind Liebeslieder, warum soll man sich dem verschließen?

„Hoffnung“ erinnert an die großen alten Udo-Lindenberg-Balladen wie „Cello“ oder „Mädchen aus Ost-Berlin“...

DELAY Schön. Es war gar nicht so die oberste Intention, was Udo-mäßiges zu machen. Aber es gibt sehr viele Songs von Udo, die bei mir genau das Gefühl auslösen, das ich in dem Song beschreibe. Aber so ein Gefühl kann durch die verschiedensten Arten von Musik ausgelöst werden. Das mag bei manchen Death Metal, bei anderen ein Barock-Stück sein.

Oder „Man In The Mirror“. Als Michael Jackson gestorben ist, haben Sie gerade beim Radiosender EinsLive aufgelegt...

DELAY Ich hatte eine Sendung mit lauter „Johnny“-Songs vorbereitet. Hatte mich gerade gefragt, kann ich „Johnny, du Lump“ von Holger Hiller spielen oder fragen sich dann alle: Was ist das denn für ein Scheiß? Und dann spiele ich das und die Nachricht, dass Michael Jackson wirklich tot ist kommt rein. Ich musste den Song runterdrehen: „Johnny, du Lump, deine Koffer sind leer“ und dann: Tja, Michael Jackson ist tot. Ich kam mir so bescheuert vor. Und ab da habe ich nur noch Michael gespielt.

Seltsamer Moment.

DELAY Sehr seltsam. Als ich dann nachts um Eins fertig war und ins Taxi stieg und den Fahrer bat, mal die Radiosender durchzuchecken, lief nirgendwo Michael. Da waren irgendwelche Leute, die haben geredet. Deprimierend. Den Rest der Nacht habe ich zwischen CNN und BBC rumgezappt.

Und dann kamen die Elogen von Journalisten, die ihn einen Tag zuvor noch als Freak beschimpft haben...

DELAY Das habe ich auch allen meinen Interviewpartnern gesagt, weil mich das so angekotzt hat. Vorgestern noch war der für euch der größte Freak, ihr habt alle auf Jackson rumgehackt. Und jetzt wollt ihr alle euer Stück vom Kuchen haben. Euch geht es doch nur um Sensationen. Dabei gab es niemanden, der so viel gegeben hat, wie der.

Zumindest in Deutschland werden Sie auch auf der Straße erkannt. Wie fühlt sich das an, eine öffentliche Person zu sein?

DELAY Das ist nicht so wirklich geil. Als Hamburger ist es noch viel schwieriger. Wir sind ja sehr zurückhaltende Menschen. Vielleicht ist es ja für einen Rheinländer oder einen Münchner leichter.

Aber gleichzeitig sagen Sie: Ich will zu „Wetten, dass?“?

DELAY Ich will auch gar nicht jammern. Ich will ja groß werden, ich will ja, dass alle mich hören. Das andere ist dann halt die Kehrseite.

Warum sollen alle Sie hören wollen?

DELAY Weil ich finde, dass ich einfach so geile Musik mache, die so schön ist und soviel Glück transportieren kann. Es muss mich ja nicht jeder gut finden, aber zumindest sollten die Leute wissen, da ist so jemand, der macht diese Musik.

Deshalb spielen Sie auch auf vielen Festivals und gastieren bei Udo Lindenberg wie bei Silbermond. Aber auf Ihrer Platte gastiert niemand.

DELAY Das ist einfach so passiert. Irgendwann, als die Lieder schon fertig waren, fragte mal jemand: Was ist eigentlich mit Features? Ich bin einfach so ein Perfektionist, hänge so autistisch in meinem Kokon drin, wenn ich aufnehme. Es gibt nicht viele Leute, die ähnlich perfektionistisch denken wie ich und denen ich 16 Takte auf meiner Platte überlassen möchte. Und mit den meisten von denen habe ich schon was gemacht. Jetzt sind ja immer noch die Ladies dabei und meine derbe Band, da wird einem das Nasale schon nicht so auf den Sack gehen.



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