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Israel vs. Schweden

Die Karikatur eines Streits

Von Hannes Gamillscheg und Tobias Kaufmann, 24.08.09, 18:32h, aktualisiert 25.08.09, 09:33h

Seit in „Aftonbladet“ ein reißerischer Artikel über angeblichen Organklau erschien, liegen Stockholm und Jerusalem im Clinch. Nun steht sogar der Besuch des schwedischen Außenministers auf der Kippe.

Ikea, Israel
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Die Israelis kaufen weiterhin bei Ikea - aller Boykottaufrufe zum Trotz. (Bild: afp)
Ikea, Israel
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Die Israelis kaufen weiterhin bei Ikea - aller Boykottaufrufe zum Trotz. (Bild: afp)
Die Geschichte erinnert an Schauermärchen aus dem Mittelalter. Israelische Soldaten stellen einem 19-jährigen palästinensischen Steinewerfer einen sorgsam vorbereiteten Hinterhalt. Sie schießen ihm in die Brust, die Beine und den Bauch und verfrachten den Schwerverletzten dann nach Israel. Fünf Tage später schicken sie einen Leichnam zurück, der offensichtlich aufgeschnitten und zugenäht worden war. Umrankt wird diese Story des freien Journalisten Donald Boström, die sich 1992 zugetragen haben soll und vor einigen Tagen in der auflagenstärksten schwedischen Zeitung „Aftonbladet“ erschien, von allerlei geraunten Fragen, auf die der Autor keine Antworten gibt. Haben die Israelis etwa Organe entnommen? Haben sie so den Organmangel in Israels Kliniken bekämpfen wollen, gegen den der damalige Gesundheitsminister Olmert gerade eine Kampagne gestartet hatte? Und gibt es nicht vielleicht einen Zusammenhang zu einem Rabbiner, der kürzlich bei den Razzien im US-Bundesstaat New Jersey verhaftet wurde und angeblich in Organhandel verwickelt sein soll?

Seit dieser Artikel erschien, schaukelt sich ein verbaler Schlagabtausch zwischen Stockholm und Jerusalem hoch. Er weckt Erinnerungen an den Karikaturenstreit - vor vier Jahren hatte die dänische Zeitung „Jyllands Posten“ mit dem Abdruck von Karikaturen über den Propheten Mohammed einen Sturm der Entrüstung bei muslimischen Organisationen und Staaten ausgelöst. Jetzt reagiert Israel mit Empörung auf einen Artikel. Wie damals islamische Vertreter von der dänischen Regierung ein Eingreifen verlangten, so fordern nun israelische Politiker, Stockholm möge den Artikel verurteilen. Und wie damals lautet die Antwort: Wir können uns qua unserer Verfassung nicht in das einmischen, was Zeitungen drucken.

Vorwürfe ohne Beweis

Das umstrittene Pamphlet war unter dem Titel „Die Organe unserer Söhne werden geplündert“ erschienen. „Aftonbladet“ verteidigte es mit dem Hinweis, man habe nicht behauptet, dass Organdiebstahl tatsächlich vorkommt. Boström habe lediglich eine Untersuchung solcher Vorwürfe gefordert. Dennoch sorgte der Artikel in Schweden zunächst für Kritik. Die liberale Zeitung „Sydsvenskan“ taufte „Aftonbladet“ in „Antisemitbladet“ um. Doch als israelische Politiker begannen, eine Entschuldigung zu fordern, schlossen die Medien die Reihen: ein solcher Eingriff in die Meinungsfreiheit sei unerhört. Außenminister Carl Bildt stellte klar: „Wir können uns nicht für einen Artikel in einer unabhängigen Zeitung entschuldigen. Was Aftonbladet publiziert, muss Aftonbladet verantworten“. In die Kritik kam statt der Zeitung nun Schwedens Botschafterin in Tel Aviv, die den Artikel ohne Absprache mit ihrem Dienstherrn als „genauso schockierend und widerlich für uns Schweden wie für Israels Bürger“ bezeichnet hatte.

„Niemand kann verlangen, dass Schwedens Regierung gegen die Verfassung verstößt“, unterstrich Premier Frederik Reinfeldt. Dass er selbst vor zwei Jahren von sich aus muslimische Verbände eingeladen hatte, um nach der Veröffentlichung einer kontroversen Karikatur in einer schwedischen Zeitung einen neuen Karikaturenstreit zu vermeiden, erwähnte Reinfeldt nicht. „Heuchler“, entgegnete ihm denn auch Israels Außenminister Avigdor Lieberman. Während der Karikaturenkrise habe sich Schwedens damalige Außenministerin sehr wohl vom Nachdruck der Mohammed-Zeichnungen in schwedischen Medien distanziert. Die Weigerung, Stellung zu nehmen, verglich Lieberman mit „Schwedens Schweigen während des Holocaust“. Pressefreiheit bedeute, „die Wahrheit zu publizieren, nicht Lügen.“ Ministerpräsident Benjamin Netanjahu betont, er erwarte keine Entschuldigung - aber Stockholm müsse den Artikel verurteilen. Die „Blutlüge“ erinnere an die alten antisemitischen Verschwörungstheorien, nach denen Juden das Blut von Christen für rituelle Zwecke nutzten.

Boykottaufruf gegen Ikea

Im Internet haben israelische Aktivisten nun zum Boykott schwedischer Produkte wie Ikea aufgerufen - ausgerechnet in Israel, das selbst unter Verbraucherboykotten leidet. Doch neben solchem Protest gibt es in der jüdischen Community auch andere Stimmen. Lena Posner, die Präsidentin der jüdischen Gemeinden in Schweden, griff im Gespräch mit der israelischen Zeitung „Ha'aretz“ Jerusalem scharf an. Der Artikel sei antisemitisch und unkorrekt - aber er wäre auf den hinteren Seiten von „Aftonbladet“ unbeachtet „beerdigt“ worden, wenn Israels Reaktion ihn nicht „ins Herz des schwedischen Mainstreams“ katapultiert hätte.

Bildt, der in diesen Monaten auch EU-Ratsvorsitzender ist, versuchte zwischenzeitlich, seinen israelischen Kollegen entgegenzukommen. Er brachte „Verständnis“ für ihre Gefühle zum Ausdruck. Wenn das falsche Bild entstehe, dass Schweden mit Antisemitismus leichtfertig umgehe, wäre er bekümmert. Doch dies ist manchem Kritiker nicht genug. „Wer eine derartige Verleumdung nicht verurteilt, ist in Israel nicht willkommen“, sagte Finanzminister Yuval Steinitz. Der für nächste Woche geplante Bildt-Besuch in Israel steht auf der Kippe. Zumal die Artikel-Affäre nicht die erste schwedisch-israelische Verstimmung jüngster Zeit ist. Im Frühjahr hatten die Behörden in Malmö scharfer israelischer Kritik zum Trotz den Drohungen linker und islamischer Gruppen nachgegeben und das Tennis-Daviscup-Duell der beiden Nationen vor leeren Rängen stattfinden lassen.

Schwedischen Journalisten soll nun angeblich die Arbeit in Israel erschwert werden. Korrespondenten droht der Entzug der Akkreditierung. Die schwedische Journalistengewerkschaft protestierte am Montag gegen diese „kollektive Bestrafung“. „Ich kann mich an kein anderes demokratisches Land erinnern, das so agiert hätte“, sagt die Vorsitzende Agneta Lindblom Hulthen. Zwei Reporter von „Aftonbladet“ wurde mitgeteilt, es werde drei Monate dauern, ehe ihr Antrag auf einen Presseausweis geprüft sei. Der Chef des israelischen Presseamts hatte dafür im Rundfunk eine sarkastische Begründung parat: „Wir müssen erst untersuchen, ob sie sich als Organspender eignen.“



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