Von Jan-Philipp Hein, 25.08.09, 15:02h, aktualisiert 25.08.09, 21:36h
Und wie! Nur ein paar Zitate aus der dreistündigen (!) Sendung. Schmidt zu Strauß: „Sie sind ein Mann des Unfriedens und des Streits.“ Kohl zu Schmidt: „Sie zerstören den inneren Frieden unseres Landes.“ Schmidt: „Sie sind ein unchristlicher Zitatfälscher, Herr Kohl.“ Doch die Diskutanten munitionierten sich vor 29 Jahren nicht nur mit Beleidigungen und Beschimpfungen. Ausführlich wurde zum Beispiel über die Staatsverschuldung gesprochen - mit Zahlen.
Und 2009? Das Thema findet nicht statt, obwohl voraussichtlich bis 2013 eine halbe Billionen (!) Euro neue Schulden aufgenommen werden müssen. 1980, die Bundeswehr hatte noch keinen Auslandseinsatz erlebt, streiten sich Regierung und Opposition mit Verve darüber, ob Deutschland überhaupt an irgendeinem Auslandseinsatz teilnehmen kann. Ende 2009 geht der Afghanistaneinsatz ins neunte Jahr und wird im Wahlkampfthema so gut wie nicht thematisiert.
immer was wichtigeres im Terminkalender der Kanzlerin
Die Ausstrahlung der Elefantenrunde als Dokument der Fernseh- und Politikgeschichte stellt nicht nur die Politiker der Gegenwart bloß. Auch Journalisten müssen sich fragen lassen, warum sie die Akteure der Berliner Republik nicht härter rannehmen. Anruf bei ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. Der seufzt: „Wir versuchen mit Händen und Füßen, scharfem Timbre in der Stimme und auch gutem Zureden alle Spitzenkandidaten in eine Sendung zu bekommen.“ Doch: Gerade die Kanzlerin verweigere sich. „Dabei will der Zuschauer doch wissen, unter welchen Bedingungen zum Beispiel die FDP in eine Koalition mit der Union geht und ob das für Angela Merkel tragbar ist“, so Brender. Mehrere Termine seien bereits angesetzt worden. Immer habe es Wichtigeres im Terminkalender der Kanzlerin gegeben. Mal den G20-Gipfel in Pittsburgh unmittelbar vor der Wahl, mal die Vorbereitung des Gipfels. In einem Kommentar für das „heute journal“ spricht Brender vom „respektlosesten Wahlkampf der Republik“, eben weil existenzielle Themen einfach ausgeklammert werden.
Eine Sprecherin der CDU sagt auf Nachfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“, dass das ZDF zwei Termine angefragt habe. Den 17. und den 24. September. Am 17., so die Sprecherin, sei die Kanzlerin beim EU-Rat in Brüssel, am 24. beim G20-Gipfel in den USA. Die Partei habe das ZDF gebeten, einen weiteren Termin vorzuschlagen. Angela Merkel, so die CDU-Sprecherin, hätte erst dann entschieden, ob sie den Termin wahrnehmen könne, oder einen Vertreter schicke.
Doch selbst wenn alle Spitzenkandidaten zusammenkämen: Könnte man mit Merkel, SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, FDP-Chef Guido Westerwelle, Renate Künast oder Jürgen Trittin von den Grünen und Oskar Lafontaine oder Gregor Gysi von der Linkspartei und auch noch CSU-Mann Peter Ramsauer drei Stunden Sendezeit bestreiten?
Keine Politiker mit Charisma in Deutschland
Wohl kaum. Norbert Bolz ist Medientheoretiker und lehrt an der Technischen Universität Berlin. Zum „Kölner Stadt-Anzeiger“ sagt er: „Es gibt keine polemische Sachdebatte, weil sie niemand mehr führen kann.„ Es gebe in Deutschland auch keinen einzigen Politiker mehr, der Charisma und Ausstrahlung habe wie seinerzeit Helmut Schmidt. „Der hatte doch ein ernstes Interesse daran, sich mit seinem Kontrahenten Strauß zu streiten“, so Bolz. Mittlerweile habe man es jedoch mit Politikern und Parteien zu tun, die dieselben Programme an ihre jeweilige Klientel verkauften. „Es gibt keine großen Kontroversen mehr“, so Bolz. Dazu komme noch die Tendenz der Medien und der Wahlkampforganisatoren zur Verkürzung, was als optimales Verkaufsrezept erkannt worden sei.
Tatsächlich? Ist das Publikum dümmer geworden und kann nur noch Infohäppchen verdauen? Tragen weder Journalisten noch Politiker die Verantwortung für den seichten Diskurs, sondern das Volk? Die Debatte von vor fast 30 Jahren ist Fernsehen von einem anderen Stern. Da weisen die Moderatoren sogar daraufhin, dass man Zeit genug habe, in die Tiefe zu gehen. Welch ein Unterschied zu einer zeitgenössischen Sendung wie zum Beispiel der von Anne Will im Ersten.
Doch Anlass zum Kulturpessimismus sieht Volker Panzer nicht. Panzer ist Moderator der Sendung „Nachtstudio“, die wöchentlich zur Geisterstunde von Sonntag auf Montag im ZDF läuft. Beim virtuellen Kaminfeuer redet Panzer mit Wissenschaftlern, Philosophen, Künstlern oder wer auch immer was zu sagen hat über Themen wie „Der Sieg im Teutoburger Wald - Gründungsmythos der Deutschen“, die Folgen der Evolutionstheorie oder am kommenden Wochenende über „Hunger, Klima und die Bombe - droht ein dritter Weltkrieg?“ Panzers Sendung zeigt, was Fernsehen auch sein kann. Zum „Kölner Stadt-Anzeiger“ sagt er: „Der Zuschauer ist nicht dümmer geworden. Im Gegenteil. Er kann mit einer immer komplexeren und schnelleren Welt umgehen.“ Der Journalist sieht eine allgemeine Beschleunigung: „Wir fahren nicht mehr, wie in den 80ern, mit dem Auto in den Urlaub, sondern fliegen auf einen Kaffee nach Bergamo.“ Dass in diesem Rhythmus weder Bedarf noch Zeit für eine dreistündige Elefantenrunde bestehen, sei logisch.
Unbequemes wird einfach „ausgemerkelt“
27.08.2009 | 09.02 Uhr | o.heine
Das zeigt mal wieder Angies „Strategie“: Statt Probleme anzugehen, Positionen zu diskutieren und nachhaltige Politik zu machen, wird, wie sie es von…
Erbarmen!
26.08.2009 | 19.35 Uhr | KölnerBürger
Kein Mensch interessiert sich wirklich für das Gesülze von Merkel, Steinmeier und andere. Alles schon hundertfach gehört, längst bekannt, nichts…
@ harry tuttle
26.08.2009 | 16.29 Uhr | kael
"Herr Brenda sollte die Chance ergreifen und eine Diskussionsrunde der kleinen (auch außerparlamentarischen) Parteien einberufen. Das brächte nicht…
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