Von Karin Grunewald, 25.08.09, 17:06h
Molitor ist Vorleserin. Zu Hause bei ihren vier Kindern, in Kindergarten, Schule und Altenheim. Als „Praktikantin für einen Tag“ wünschte die Kürtenerin sich, die Produktion eines Hörbuchs miterleben zu können. Gelegenheit dazu bietet „Der Himmel ist kein Ort“: Der Roman des Kölner Autors Wellershoff wird im September beim Verlag Kiepenheuer & Witsch erscheinen. Kurz darauf wird in gekürzter Fassung das Hörbuch auf den Markt kommen: vier CDs, insgesamt etwa 300 Minuten.
Kerstin Kaiser ist seit acht Jahren Hörbuch-Lektorin beim Lübbe Audio-Verlag und verantwortlich für die Produktion. Nur zwei Tage Aufnahme im Kölner Tonstudio hat sie eingeplant. „Kein Problem“, meint sie, „Matthias Koeberlin gehört zur absoluten Oberklasse.“ Der Schauspieler liest regelmäßig Bücher für den Verlag. Es begann mit seiner Hauptrolle im Film „Das Jesus-Video“, nach der ihn Kaiser für das gleichnamige Hörbuch engagierte. Gleich mit seiner ersten „Vorleser-Rolle“ wurde er als bester Sprecher für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert. „Es ist ein großer Irrglaube, dass das Vorlesen eine einfache Sache ist“, sagt Koeberlin. „Es ist wahnsinnig anstrengend und nach sechs, sieben Stunden ist man platt.“ Höchste Konzentration ist gefordert, um nicht nur ohne Versprecher zu lesen, sondern auch Stimmung und Charaktere des Buches umzusetzen. „Auch das Zuhören ist anstrengend“, sagt Kerstin Kaiser. Sie und der angehende Toningenieur Jan Mallmann lesen jedes Wort mit, das sie über Lautsprecher aus dem Sprecherraum hören. Die Seiten tauschen möchte Kaiser nicht. „Das kann ich gar nicht. Ich kann meckern, das reicht“, sagt sie keck.
Bei Matthias Koeberlin gibt es nicht viel zu meckern. Seit zehn Uhr am Morgen liest er bereits. Jetzt ist es zwei. Etwa jede Stunde macht er eine Pause, in der er das tut, was von einem Vorleser nicht erwartet wird: Er raucht gemütlich eine Zigarette im Hof. Die Buchfassung von Wellershoff hat er vor dem Termin gelesen, die gekürzte Fassung erst morgens erhalten. Die Seiten seines Manuskripts sind daher jungfräulich. Kaiser erzählt, dass andere Sprecher bereits Tage vorher laut lesen und sich Zeichen für Betonung und Atempausen machen. Koeberlin kommen dennoch kaum Fehler über die Lippen. Lediglich über den Kaffee stolpert er. „Kaffee“, korrigiert Kaiser, mit Betonung auf dem „Ka“, nicht auf dem „fee“, sonst wäre es das „Café“. Leider trinken die Protagonisten des Buches häufiger Kaffee, aber ab dem zweiten Mal wiederholt Koeberlin den Satz bereits mit dem richtig betonten Getränk, ohne dass die Lektorin die Chance zum Meckern hat.
Monika Molitor ist beeindruckt. Auch sie würde gern ein Hörbuch aufnehmen, am liebsten mit Lyrik. Die Chance, einen Verlag zu finden, ist jedoch eher gering. Bei Lektorin Kaiser treffen jede Woche etwa zehn Bewerbungen mit Sprechproben ein. Sie hört sich alle an, auch die von Bankangestellten und Kindergärtnerinnen, und gibt Rückmeldungen. „Ich plädiere da für Ehrlichkeit“, sagt sie. Molitor hakt nach: „Aber Sie erwarten kein Abschlusszeugnis einer Schauspielschule?“ Doch, am liebsten ja und am liebsten auch noch von bestimmten Schulen.
Fasziniert lauscht Molitor, wie Matthias Koeberlin den schwierigen Text von Wellershoff zum Leben erweckt. Ganz ruhig sitzt er vor dem Mikrofon und gibt jedem Charakter seine eigene Stimmfärbung, jedem Dialog den Klang dessen, was die geschriebenen Worte aussagen. Ungeduld, Angst, Schuld, Trauer, Trotz. „Die Stimme ist das Rüstzeug“, sagt Koeberlin, der gelernt hat, drei Stunden so zu sprechen, dass auch die letzte Theaterreihe alles versteht. Im Gegensatz zum Schauspieler muss der Hörbuchsprecher mehrere Charaktere verkörpern, die sich unterscheiden müssen, egal ob sie gerade ungeduldig, verzweifelt oder fröhlich sind. Koeberlin liebt die Dialoge. „Da kann man auch mal bisschen draufdrücken“, sagt er. Seine Lektorin bescheinigt ihm Talent. Eine Garantie sei die Schauspielausbildung nämlich trotz allem nicht, verrät Kaiser. Es gibt also auch schwierigere Sprecher? Sie holt tief Luft und sagt: „Oft - die kommen dann nur einmal.“
Doch nicht nur Talent des Vorlesers, sondern auch Erwartungen der Hörer muss sie berücksichtigen. „Ein Hörbuch birgt viele Risiken“, sagt Kaiser. Wie Stimmfärbung und Interpretation beim Hörer ankommen, sei sehr subjektiv. „Kopfkino“ nennt sie es. Für die Verfilmung von „Illuminati“ hatte Autor Dan Brown auf seiner Internetseite eine Umfrage gestartet, wer die Hauptrolle übernehmen solle. Harrison Ford, meinten die Leser, aber die Produzenten sahen das anders. Er sei zu alt. Für das Hörbuch jedoch wählte Kerstin Kaiser Harrison Ford, genauer: seine deutsche Synchronstimme. Das Alter lässt sich nicht heraushören. Das Hörbuch wurde zum Verkaufsschlager.
Monika Molitor schaut der Lektorin aufmerksam über die Schulter, während diese in ihrem Manuskript Zeichen setzt und Bemerkungen notiert. „Jedes Räuspern muss ja später raus“, erklärt sie. Ihre Notizen geben dem Tontechniker Anhaltspunkte beim Schneiden. Die digitale Tonspur läuft die ganze Zeit mit - „auch wenn wir schimpfen oder Witze machen“. Schon während der Aufnahme hört Tontechniker Jan Mallmann über seine Kopfhörer jedes falsche Tönchen. Vernimmt er ein Magengrummeln oder ein störendes Umblättern, unterbricht er ebenfalls, und die Passage wird wiederholt. „So professionell sind wir nicht“, meint Vorleserin Molitor, „aber Üben bringt weiter.“ Zum Üben gehört für sie auch das Zuhören. Die CD von „Der Himmel ist kein Ort“ steht bereits auf ihrer Einkaufsliste.
Gegen 16 Uhr ist Schluss für diesen Tag. Draußen knallt die Sonne, in der Sprecherkabine sind gefühlte 40 Grad, und das Fenster muss geschlossen bleiben. Am nächsten Tag wird es wieder für viele Stunden „Aufnahme läuft“ heißen. Die handelnden Figuren müssen die gleiche Stimmfärbung haben wie am Vortag, das Buch muss trotz Hitze zu Ende gelesen und der Kaffee immer noch auf dem „Ka“ betont werden.
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