Von Christian Bos, 29.08.09, 09:32h, aktualisiert 29.08.09, 15:08h
Das makellose Äußere der jungen Sängerin aus Newark im US-Bundesstaat New Jersey, ihre enthaltsame Lebensweise und ihre gewaltige, gleichwohl cremige Stimme, mit der sie wahlweise über Anfälle akuter Fröhlichkeit oder von schönen, großen, das eigene Ich stärkenden Gefühlen sang - jawohl: in Whitney Houston fanden die glänzenden, geldgierigen 80er Jahre ihr perfektes Abbild. Whitney sparte sich all ihre Liebe für den Richtigen auf. Whitney dachte laut darüber nach, wie sie das bloß bemerken sollte, wenn ihr jener Richtige begegnete, mit dem Whitney dann freilich die größtmögliche aller Lieben erleben würde.
Im Jahr 1991, als „American Psycho“ unter lautem Skandalgeschrei erschien, war Whitney Houston die erfolgreichste Sängerin der Welt, hatte sich Guinnessbuch-würdige sieben Mal hintereinander an die Spitze der amerikanischen Billboard-Charts gesungen. Und ließ sich einfach nicht totloben. Ein Jahr später avancierte sie an der Seite von Kevin Costner in „The Bodyguard“ zum Filmstar und natürlich sang sie den Titelsong, die Coverversion eines alten Dolly-Parton-Stücks. Die Country-Diva hatte den Song einst als Abschiedsgeschenk an ihren Duett-Partner Porter Wagoner komponiert. In Houstons Version wurde aus der Western-Schnulze eine Powerballade ohne bestimmten Adressaten und „I Will Always Love You“ schoss an die Spitzen aller Hitparaden, hielt sich allein in den USA 14 Wochen lang auf dem ersten Platz.
Der erste Schritt in den Abgrund
Doch das Jahrzehnt der schönen, seelenlosen Oberflächen und der starken, schulterwattierten Frauen war unweigerlich vorbei. Im Juli des „Bodyguard“-Jahres hatte Houston den sechs Jahre jüngeren R'n'B-Sänger Bobby Brown geheiratet. Der erste Schritt in den Abgrund, in schäbige, entwürdigende Tiefen, die allein der gnadenlose Blick Bret Easton Ellis vorausgeahnt hatte. In den nächsten 15 Jahren provozierte Houstons zunehmend erratisches Gebaren eine einzige Frage: „Was hat dich bloß so ruiniert?“
Am Anfang ihrer Karriere erscheint Whitney Houstons Erfolg vorprogrammierbar. Ihre Mutter Cissy und ihre Cousinen Dee Dee und Dionne Warwick singen gemeinsam im Newarker Baptisten-Kirchenchor „Neue Hoffnung“, alle drei wechseln später erfolgreich ins weltliche Musikgeschäft. Dionne Warwick steigt als Muse des Easy-Listening-Königs Burt Bacharach sogar zum Weltstar auf, Cissy Houston schmettert im Chor der unerreichten Aretha Franklin. Die Soul-Königin wird zur Taufpatin der kleinen Whitney.
Bald singt auch die kleine Houston im Gospel-Chor, manchmal darf sie sogar mit ihrer Mutter in Nachtclubs duettieren. Tagsüber aber besucht Whitney ein katholisches Mädchengymnasium und als man ihr im Alter von 14 Jahren den ersten Plattenvertrag anbietet, entscheidet ihre Mutter, dass die Tochter erst einmal die Schule abschließen solle. Da steht Whitney jedoch bereits mit Chaka Khan, Lou Rawls und Jermaine Jackson im Studio, modelt als erstes schwarzes Mädchen für das Cover des „Seventeen Magazin“, der amerikanischen Bravo, dreht Limonaden-Werbespots und gastiert in Sitcoms. Whitney Houston ist das perfekte Produkt: schön aber keusch, von Soul-Adel abstammend aber selbst mit einer Jahrhundertstimme ausgestattet. Bald nimmt sie der legendäre Produzent Clive Davis unter seine Fittiche. Der hat neben vielen anderen schon Janis Joplin, Bruce Springsteen und Patti Smith berühmt gemacht und gönnt sich nun viel Zeit und Geld, um Houstons Karrierestart möglichst spektakulär zu gestalten.
Als 1985 endlich das Debüt erscheint, erfasst es perfekt den Geist der 80er, so radiofreundlich, gut gelaunt und bewusst farblos kommt es daher. Niemand glaubt, dass Whitney irgendetwas, von dem sie singt, auch erlebt hat. Was zählt ist der Stil, die Virtuosität der Drei-Oktaven-Koloraturen. Auf der Rückseite des Album-Covers kann man Whitney im Badeanzug bewundern, aber der ist weiß wie die Unschuld. Das gibt die Fallhöhe vor, das ist die Klippe von der sich Houston ab Mitte der 90er stürzt. Erst erscheint sie nur zu spät zu Interviews und Proben, dann wird ihr Benehmen zusehends seltsamer. Mal finden die Behörden beim Flughafen-Check Marihuana, mal zeigt ein Paparazzi-Foto den einst so properen Star im zerrütteten und abgemagerten Zustand, dann wieder feuert Burt Bacharach - der Mentor ihrer Tante Dionne - sie von einer Performance bei der Oscar-Verleihung, weil sie mit zitternder Stimme irgendetwas singt, aber nicht ihren Part.
Boulevard-Zeitungen blasen zur Jagd
Schließlich brechen alle Dämme. Boulevard-Zeitungen blasen zur Jagd, veröffentlichen Fotos ihrer angeblichen „Crack-Höhle“ und titeln sie ins Aus: „Whitney Houston: Sie randaliert, nässt sich ein. Bringt sie sich um?“ Das soll das hübsche Mädchen im weißen Badeanzug sein, die strahlendste, kunstfertigste Stimme ihrer Generation? Als ihr Gatte Bobby Brown 2005 auf die unselige Idee verfällt, das gemeinsame Eheleben in einer Doku-Soap zu vermarkten, kann jeder selbst feststellen, wie es um Whitney Houston bestellt ist. Brown plaudert im Restaurant von Analsex und Houston tigert desorientiert und hysterisch kreischend durch die gemeinsame Villa: „Kiss my ass!“ Ein Leben, glänzend verpfuscht, wie von Bret Easton Ellis gealpträumt. Der undurchdringlichste Star der 80er Jahre durchlebt deren dunkle Kehrseite.
Aber mit 46 Jahren hat Whitney Houston nun doch noch den Weg zurück gefunden, sich von ihrem nichtsnutzigen Ehemann getrennt, sich mit ihrem Mentor Clive Davis wieder versöhnt. Ihre Stimme, ihre Haltung wiedergefunden. Es ist nie zu spät, sich zu bessern. Als sie ihr neues Album „I Look To You“ zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorspielt, lauschen Business-Giganten wie Stevie Wonder, Jane Fonda und Halle Berry ergriffen. Ihre neuen Lieder klingen wie ihre alten Lieder. Aber jetzt bedeuten sie etwas, jetzt, in den geständnissüchtigen Nuller Jahren, gieren Kollegen und Fans nach Zeilen wie „Nennt es nicht Comeback. Ich war all die Jahre hier, all die Wut und den Schmerz hindurch.“
Anfang September folgt die Fernsehbeichte in der Oprah-Winfrey-Show. Danach, die Dramaturgie ist bekannt, werden Amerika und die Welt sie wieder lieben. Und der stets anschwellende Triumph in Whitneys Stimme wird berechtigt sein.
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