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Zwischen Köln und Bali

In zwei Welten zu Hause

Von Norbert Ramme, 31.08.09, 14:56h

Eine Kölner Familie fühlt sich ganz fest in balinesischen Traditionen verankert. Die drei Kinder ließen sich während einer Zeremonie auf Bali die Zähne feilen.

Kölner Familie Bali
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Festlich geschmückt auf Bali: die stolzen Eltern Ralf und Nyoman Suyadni (vorne) und dahinter (v.r.): Oliver, Sarah und Sabrina sowie eine balinesische Cousine. (Bild: Ramme)
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Festlich geschmückt auf Bali: die stolzen Eltern Ralf und Nyoman Suyadni (vorne) und dahinter (v.r.): Oliver, Sarah und Sabrina sowie eine balinesische Cousine. (Bild: Ramme)
Merheim - „Seit ich klein bin, bin ich immer wieder mit nach Bali gereist und habe dort alle Zeremonien mitgemacht“, sagt Oliver Mindhoff. Der 18-Jährige, der mit seinen Eltern in Poll wohnt und in Porz die Luise-Meitner-Gesamtschule besucht, hat sich in den Sommerferien auf der indonesischen Götterinsel die Zähne feilen lassen - aus Solidarität mit seinen beiden Cousinen. Während Oliver „so wie immer alles eher so mitgemacht hat“ war die Zahn-Zeremonie (Potong Gigi) in Cemagi, einem Ort in der Nähe der Touristenattraktion „Tanah Lot“, für die Schwestern Sarah (17) und Sabrina Mindhoff (12), ein wichtiges Ritual.

Ihr Großvater ist als ehrenamtlicher Haupt-Priester des Dorfes mit seiner Familie seit Generationen tief und fest in den balinesischen Traditionen verankert. Ihre Mutter Nyoman Suyadni, eine gelernte Tempeltänzerin, hatte den Kölner Ralf Mindhoff, der fünf Jahre auf Bali beim Aufbau eines Hotels mitarbeitete, kennen- und lieben gelernt und war ihm nach Deutschland gefolgt. Inzwischen wohnt die Familie in Merheim, im Neubaugebiet auf dem früheren Madaus-Gelände, und Ralf betreibt mit seinem Bruder Frank-Gustav Mindhoff eine Firma für Grundstücksverwaltungen.

Doch ein Stück Bali haben sie nach Merheim mitgenommen. Haus und Garten zieren zahlreiche Masken und Figuren aus Holz oder Stein und auf der oberen Etage haben die Mindhoffs - Vater Ralf war noch vor der Hochzeit zum Hinduismus konvertiert - sich einen kleinen Haustempel eingerichtet. Dort wird gebetet und die Familie stellt stets kleine Opfergaben für die Götter hin. Dieser Beitrag zur Erhaltung des Gleichgewichts zwischen den Kräften der Ordnung und des Chaos ist für die Balinesen auch in Köln eine alltägliche Verpflichtung.

Ebenso die überlieferten Zeremonien: offizielle wie Tempelbesuche oder rituelle Feiertage und private. Diese beginnen gleich nach der Geburt - bis das Kleinkind 18 Monate alt ist, sind es fünf. So erhält es den wirklichen Namen beispielsweise erst nach rund drei Monaten. Zuvor hat das Kind einen temporären Namen, um mögliche Dämonen zu verwirren. Die wichtigsten Zeremonien im Erwachsenenalter sind Zahnfeilung, Hochzeit und die Verbrennung nach dem Tod.

Gemessen an dem oftmals nur spärlichen Einkommen der Familien auf Bali bedeuten die großen Zeremonien einen erheblichen Aufwand. Nicht selten verschulden sich die Menschen über zwei bis drei Generationen, um die von der Religion vorgeschriebenen Rituale angemessen begehen zu können. Um Kosten zu sparen, werden oftmals Zeremonien zusammengelegt. So gibt es auf Bali Dörfer, in denen die Toten zunächst in die Erde bestattet, um dann einmal im Jahr bei einem großen Fest gemeinsam verbrannt zu werden.

Auch bei den Mindhoffs hatte man sich zusammengetan. Aus der Verwandtschaft wurden am gleichen Tag noch vier weiteren Kindern und jungen Erwachsenen die Zähne gefeilt. Als sichtbares Zeichen zum Übergang von Kindheit zum Erwachsensein und somit zum heiratsfähigem Alter, werden von einem Priester die vorderen sechs Zähne des Oberkiefers - vor allen die Eckzähne - gerade gefeilt. Mit der Feilung, die auch auf dem Glauben der Balinesen an die Wiedergeburt basiert, übernimmt der Mensch vor den Göttern die volle Verantwortung für seine Taten und Gedanken sowie für die Ausrichtung seines Lebens. Mindhoff: „So soll das Tierische und Wilde entfernt werden. Der Mensch ist dann nur noch sanft und gut.“

Die Vorbereitungen zu der Zeremonie für die Töchter und den Neffen dauerte mehrere Tage. „Da war nicht nur die halbe Verwandtschaft beteiligt, fast das ganze Dorf half mit.“ Die einzelnen Gebäudeteile des Hauses, der Hof und der zugehörige Familientempel wurden gründlich gesäubert und aufwendig mit Palmblattstreifen und Bananenblättern, Blumen und Räucherstäbchen dekoriert. Tagelang wurden Dutzende von Vorspeisen und Hauptgerichten sowie süße Nachspeisen und Kuchen vorbereitet. Schließlich wurden mehr als 1200 Gäste erwartet. Die kamen zumeist erst, als die offizielle Zeremonie der Feilung schon vorbei war. Denn die begann schon mit dem Sonnenaufgang. Hintereinander legten sich Sarah, Sabrina und Oliver, die in prächtige Gewänder gekleidet waren, auf eine Art Thron, der von einen Vielzahl von Opfergaben umgeben war.

Die Feilung wurde ohne irgendeine Art von örtlicher Betäubung vollzogen. „Das ging schon hart an den Zahnnerv ran“, sagte Sarah. Zahnarzt Rolf-Peter Schulz aus Dünnwald hat wenig Verständnis. „Die sind verrückt. Man macht doch keinen gesunden Zahn kaputt. Hier in Deutschland ist das verboten. Da würde man glatt noch ein Verfahren wegen Körperverletzung bekommen.“ Doch im Dorf Cemagi galten die Jugendlichen nach der Feilung als „Helden des Tages“: Auf einem Podest sitzend den Gästen präsentiert. Dazu mussten sie sich mehrfach umziehen und wurden stets aufwändig geschmückt und geschminkt.

„Ist schon ein komisches Gefühl, wie der Prinz von Bali rumsitzen zu müssen.“ Sabrina, die jüngste, war sichtlich von der Prozedur des Brav- und Stillsitzens genervt. Aber zur Ablenkung gab es ja reichlich Musik vom Gamelan-Orchester des Dorfes, sowie Gesang und Tanz. Und natürlich Geschenke. Neben Briefumschlägen mit Geld immer wieder Kissen - ähnlich wie Nackenrollen. „Mehr als 100 sind da zusammengekommen“, sagt Sarah. „Das ist aber auch ein optisches Zeichen, wenn einer viele Kissen besitzt, wissen die anderen, dass er die Zahnfeilung schon hinter sich hat.“

Wissen das nun auch ihre Kölner Mitschüler? Die beiden Mädchen besuchen das Herder-Gymnasium in Buchheim. Wohl eher nicht. Bis auf paar engen Freunden haben die drei keinem davon erzählt. Dabei kann sich vor allem Sarah ein Leben zwischen den beiden Welten und Kulturen durchaus vorstellen. „Ein Haus in Köln und eins auf Bali. Das wär's.“ Nach dem Abitur wird sie wahrscheinlich Design studieren. Über die Möglichkeiten hat sie sich schon informiert: „Modedesign wird auch an der Universität in Balis Hauptstadt Denpasar angeboten.“



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