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Interview

„Am Ende war das Risiko zu groß“

Erstellt 04.09.09, 21:06h, aktualisiert 05.09.09, 19:07h

Beim Test gegen Südafrika in Leverkusen wird Bernd Schneider nach 81 Länderspielen verabschiedet. Der 35-Jährige kehrt nach einem Fußball-Praktikum in Leverkusen und beim DFB nach Jena zurück.

Bernd Schneider
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Der Ex-Nationalspieler Bernd Schneider. (Bild: Getty)
Bernd Schneider
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Der Ex-Nationalspieler Bernd Schneider. (Bild: Getty)
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Schneider, bevor Sie am Samstag beim Spiel gegen Südafrika vom DFB verabschiedet werden, hatten Sie die Kollegen von der Nationalmannschaft zu Gast. Wie wars denn? Ein bisschen traurig?

BERND SCHNEIDER: Traurig? Eigentlich nicht. Ich hab mich vor allem bedankt. Und dass es den Abschied in der BayArena gibt, also bei meinem Heimatverein, macht das Ganze noch besser. Es passt alles.

Die Umstände Ihres Karriere-Endes sind mysteriös. Am Ende der vergangenen Saison saßen Sie nach Ihrer Verletzung wieder auf der Bank, sind eingewechselt worden, haben sogar ein Tor vorbereitet; es hieß, Sie freuen sich auf die neue Spielzeit und dann: Rückenproblem, Arztbesuch, Aus. Das war's.

SCHNEIDER: Tja, das ist so: Von meinem Bandscheibenvorfall waren das Rückenmark und die Nerven betroffen. Davon hab ich mich nie so richtig erholt. Am Ende ist das Risiko zu groß gewesen, die Ärzte haben mir noch mal die Augen geöffnet. Das muss man dann einfach akzeptieren, man hat ja auch eine Verantwortung gegenüber der Familie.

Was bleibt Ihnen von der Nationalmannschaft in Erinnerung?

SCHNEIDER: Die intensivste Erinnerung habe ich gar nicht mal an die großen Spiele bei WM oder EM, sondern an das Spiel in Teheran gegen den Iran. Da waren, glaub ich, 110.000 oder 120.000 Zuschauer im Stadion. Das war Wahnsinn. Schon zwei Stunden vorher, als wir ankamen, haben 90 000 Leute gewartet.

War das nicht auch ein bisschen einschüchternd?

SCHNEIDER: Nein, gar nicht. Ich hab mich richtig darauf gefreut, weil ich das in diesem Ausmaß auch noch nicht kannte.

Ein Spiel, das man immer mit Ihnen verbindet, ist das WM-Finale von 2002 in Yokohama gegen Brasilien. Sie haben überragend gespielt. Welche Bedeutung hat das Spiel für Sie?

SCHNEIDER: Wenn man das ganze Drumherum betrachtet, war es mit Sicherheit etwas ganz Besonderes. WM-Finale! Die Augen des ganzen fußball-interessierten Teils der Welt sind auf dieses Spiel und die Spieler gerichtet! In einem Finale steht man nicht so oft, in einem WM-Finale vielleicht nie. In dem Sinne war das ein großes Spiel, klar. Ich habe aber auch schon Spiele gemacht, in denen ich besser war.

Erzählen Sie.

SCHNEIDER: Es gab ein Spiel gegen Israel in Kaiserslautern - ich weiß gar nicht, ob ich da drei oder vier Tore vorbereitet habe. Wir lagen 0:1 zurück und haben noch 4:1 gewonnen. Dann gab es ein Spiel gegen Mexiko im Confed-Cup, gegen Brasilien im Confed-Cup oder mein erstes WM-Spiel - 2002 gegen Saudi-Arabien.

Das berühmte 8:0.

SCHNEIDER: Ja, genau. Und es gab ein Länderspiel auf Schalke, gegen Frankreich oder Niederlande, weiß ich jetzt gar nicht. Das war gut. Besonders gefreut habe ich mich übrigens immer, wenn es gegen Roberto Carlos ging. Gegen den habe ich ja häufiger gespielt, mal mit Brasilien, mal mit Real Madrid.

Haben Sie gut ausgesehen?

SCHNEIDER: Ja. Aber leider hab ich nur selten gewonnen.

Was war das Besondere an ihm?

SCHNEIDER: Er war absolut gradlinig. Man hatte nie das Gefühl, dass der einem auf den Beinen rumsteht, der wollte einfach nur Fußball spielen.

Schauen Sie sich Ihre Spiele später noch einmal an?

SCHNEIDER: Das werde ich wohl demnächst mal tun, bislang hatte ich nicht die Zeit und Gelegenheit dazu.

Was wird dann vermutlich das sein, was Ihnen am besten gefällt? Was konnten Sie am besten?

SCHNEIDER: Weiß ich nicht, das sollen andere beurteilen.

Und was konnten Sie nicht so gut? Jetzt können Sie's ja zugeben . . .

SCHNEIDER: Meine Schwächen? Ach, nichts Dramatisches. Am Anfang hab ich nur offensiv gedacht, und in der Defensive war ich, nun ja, schwach. Aber dann habe ich eine Zeit lang Außenverteidiger gespielt, da habe ich gelernt, mich auch da durchzusetzen. Es gab auch Spiele, wo mir der Gegner nur auf den Füßen rumstand und mein Spiel kaputt machen wollten. Als junger Spieler ärgert man sich darüber, später habe ich gelernt, mich zu wehren.

Wie hat sich Ihre Rolle innerhalb der Mannschaften entwickelt? Sie galten immer als stiller Spieler . . .

SCHNEIDER: Ich war nicht der große Redner, das stimmt. Aber wenn ich was auf dem Herzen hatte, dann habe ich das immer gesagt, allerdings intern. In der Nationalmannschaft gehörte ich, als ich zu den erfahreneren Spielern gehörte, immer zum Mannschaftsrat.

Sind Sie zufrieden damit, wie Sie als Spieler öffentlich wahrgenommen worden sind?

SCHNEIDER: Das weiß ich nicht.

Einer der größten Irrtümer in der Schneider-Bewertung ist 2007 passiert, als Sie nach einer hinreißenden Saison bei der Wahl zum Fußballer des Jahres nur auf Platz drei gewählt worden sind. Das war einer der großen Skandale im deutschen Nachkriegs-Fußball.

SCHNEIDER: (lacht) Kann man jetzt auch nicht mehr ändern . . .

Es war eines Ihrer großen Jahre.

SCHNEIDER: Ja, das war eines der besten. Das war direkt nach der WM und es lief richtig gut. Das muss man schon sagen. Ob ich dann bei der Wahl Zweiter, Dritter oder Vierter werde, spielt aber keine Rolle mehr. Ich habe die Anerkennung von Mannschaftskameraden und Fans bekommen. Das ist auch wichtig.

Wie geht's jetzt weiter mit Ihnen?

SCHNEIDER: Ich werde jetzt noch ein Jahr in Leverkusen bleiben, und dann zurück nach Jena ziehen. Leverkusen hat mir angeboten, bis dahin in die unterschiedlichen Bereiche des Klubs reinzuschauen, dafür bin ich dankbar und das werde ich jetzt auch tun. Auch Präsident Zwanziger und Jogi Löw haben mir angeboten, beim DFB zu hospitieren. Das hat mich auch gefreut und das werde ich auch tun.

Eine Praktikum rund um den Fußball uns all seine Aspekte?

SCHNEIDER: Ja, es ist die Gelegenheit, die Seite zu wechseln und zu lernen, worauf es ankommt.

Und was Sie dort lernen, nehmen Sie mit, um dann gleich beim FC Carl Zeiss Jena aktiv zu werden?

SCHNEIDER: Nein, der Umzug ist eine private Entscheidung. Meine Freundin kommt aus Jena, meine Eltern, Schwiegereltern, Schwestern, meine Freunde sind alle da. Ich möchte aber dem Fußball auf jeden Fall erhalten bleiben - da sehe ich mich am liebsten. Ich werde in einem Jahr sicher nicht alles lernen, das ist klar. Aber es ist auf jeden Fall ein Anfang, eine Basis. In welcher Funktion ich dann irgendwann arbeite, darauf will ich mich jetzt nicht festlegen. In einem Jahr bin ich da vielleicht weiter.

Das Gespräch führte Karlheinz Wagner



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