Von Jochen Loreck, 06.09.09, 21:10h
Offenkundig greift in diesen Krisenzeiten die Ur-Skepsis in der Bevölkerung gegenüber dem vermeintlich Sicheren immer noch um sich. Keine Laufzeit-Verlängerung für die 17 noch in Betrieb befindlichen Atom-Meiler - das ist eine Haltung, die laut Umfrage 59 Prozent in diesem Land unterstützen.
Da müssen sich die Anhänger der angeblich so billigen und klimafreundlichen Atomkraft die Frage vorlegen lassen: Warum wohl fallen ihre Argumente nicht so recht auf fruchtbaren Boden? An den zu geringen Werbe-Etats der vier großen Atom-Stromhersteller Vattenfall, RWE, Eon und EnBW kann es ganz gewiss nicht liegen!
Im Gegenteil: Die Branche hat viel Vertrauen verspielt. Da gibt es Störfälle im Reaktor Krümmel - und der Betreiber legt als erstes den Schalter um auf öffentliche Vertuschung. Da stellen die Aufseher im niedersächsischen Bergwerk Asse plötzlich fest: Irrtum vom Amt! Wir haben nicht knapp zehn, sondern fast 30 Kilogramm Plutonium im Schacht gebunkert. Das kommt durch Zufall heraus: Das Gutachten über die Brauchbarkeit des möglichen Endlagers Gorleben ist nachträglich geschönt worden.
All' dies wirft die Frage auf: Haben wir es mit Verantwortlichen in Politik und Energie-Branche zu tun, die wirklich langfristig zu denken in der Lage sind? Sicherheit vor strahlenden Gefahren - der Lippenbekenntnisse sind genug gewechselt. Solche Aussagen klingen nicht sehr überzeugend, nachdem drei der vier Großbetreiber den Versuch unternommen haben, das Abschalten der in die Jahre gekommenen Kraftwerke zu verzögern - nämlich durch Zeit-Gutschrift von den neuen auf die alten Anlagen. Offenkundig geht es in solchen Fällen nicht um Risiko-Minimierung, sondern schlicht um Gewinnstreben.
Nun will es der Zufall, dass Schwarz-Gelb nicht nur die frühere Warnfarbe für Radioaktivität ist, sondern auch die Kurz-Beschreibung für eine mögliche Regierungskoalition aus Union und FDP nach der Bundestagswahl am 27. September. Es sind jene Parteien, die von der Kernkraft als notwendiger „Brücken-Technologie“ sprechen und die zu Laufzeit-Verlängerungen bereit sind. Mit dieser Haltung zur Atom-Energie begibt sich das „bürgerliche Lager“ aber in eine gesellschaftliche Minderheiten-Position.
Sollte Schwarz-Gelb in knapp drei Wochen die absolute Mehrheit verfehlen, dann liegt es womöglich an den zu schroffen Pro-Atom-Bekenntnissen des Duos Merkel / Westerwelle. Deren Konzept - Laufzeit-Verlängerung gekoppelt mit Gewinn-Abschöpfung zu Gunsten der erneuerbaren Energien - ist arg janusköpfig. Viele Umweltschützer sehen darin den Versuch, die Demonstranten dieses Wochenendes schlicht ins Leere laufen zu lassen.
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