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Kommentar zu Atom-Protesten

Vertrauen verspielt

Von Jochen Loreck, 06.09.09, 21:10h

In Berlin haben vor dem Brandenburger Tor rund 50 000 Menschen gegen ein atomares Endlager im niedersächsischen Gorleben demonstriert. Die Proteste zeigen, dass die Bürger der Atomlobby nicht glauben.

Gorleben
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Zehntausende protestierten in Berlin gegen ein atomares Endlager in Gorleben. (Bild: Getty)
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Zehntausende protestierten in Berlin gegen ein atomares Endlager in Gorleben. (Bild: Getty)
Das unterscheidet die Anti-Atom-Bewegung von den etablierten Parteien: Die Anhänger des „Atomkraft - Nein Danke“ kennen keine Nachwuchs-Probleme. Wer sich die Massendemonstration der Kernkraft-Gegner an diesem Wochenende nahe dem Brandenburger Tor angeschaut hat, der erlebte einen friedlich-volkstümlichen Mehr-Generationen-Protest. Was vor 30 Jahren als Verhinderungskampagne in Wyhl, Wackersdorf und Brokdorf begann, das hat sich verjüngt, Wer glaubte, die Anti-Atomkraft-Bewegung sei von der Bildfläche verschwunden, hat sich geirrt.

Offenkundig greift in diesen Krisenzeiten die Ur-Skepsis in der Bevölkerung gegenüber dem vermeintlich Sicheren immer noch um sich. Keine Laufzeit-Verlängerung für die 17 noch in Betrieb befindlichen Atom-Meiler - das ist eine Haltung, die laut Umfrage 59 Prozent in diesem Land unterstützen.

Da müssen sich die Anhänger der angeblich so billigen und klimafreundlichen Atomkraft die Frage vorlegen lassen: Warum wohl fallen ihre Argumente nicht so recht auf fruchtbaren Boden? An den zu geringen Werbe-Etats der vier großen Atom-Stromhersteller Vattenfall, RWE, Eon und EnBW kann es ganz gewiss nicht liegen!

Im Gegenteil: Die Branche hat viel Vertrauen verspielt. Da gibt es Störfälle im Reaktor Krümmel - und der Betreiber legt als erstes den Schalter um auf öffentliche Vertuschung. Da stellen die Aufseher im niedersächsischen Bergwerk Asse plötzlich fest: Irrtum vom Amt! Wir haben nicht knapp zehn, sondern fast 30 Kilogramm Plutonium im Schacht gebunkert. Das kommt durch Zufall heraus: Das Gutachten über die Brauchbarkeit des möglichen Endlagers Gorleben ist nachträglich geschönt worden.

All' dies wirft die Frage auf: Haben wir es mit Verantwortlichen in Politik und Energie-Branche zu tun, die wirklich langfristig zu denken in der Lage sind? Sicherheit vor strahlenden Gefahren - der Lippenbekenntnisse sind genug gewechselt. Solche Aussagen klingen nicht sehr überzeugend, nachdem drei der vier Großbetreiber den Versuch unternommen haben, das Abschalten der in die Jahre gekommenen Kraftwerke zu verzögern - nämlich durch Zeit-Gutschrift von den neuen auf die alten Anlagen. Offenkundig geht es in solchen Fällen nicht um Risiko-Minimierung, sondern schlicht um Gewinnstreben.

Nun will es der Zufall, dass Schwarz-Gelb nicht nur die frühere Warnfarbe für Radioaktivität ist, sondern auch die Kurz-Beschreibung für eine mögliche Regierungskoalition aus Union und FDP nach der Bundestagswahl am 27. September. Es sind jene Parteien, die von der Kernkraft als notwendiger „Brücken-Technologie“ sprechen und die zu Laufzeit-Verlängerungen bereit sind. Mit dieser Haltung zur Atom-Energie begibt sich das „bürgerliche Lager“ aber in eine gesellschaftliche Minderheiten-Position.

Sollte Schwarz-Gelb in knapp drei Wochen die absolute Mehrheit verfehlen, dann liegt es womöglich an den zu schroffen Pro-Atom-Bekenntnissen des Duos Merkel / Westerwelle. Deren Konzept - Laufzeit-Verlängerung gekoppelt mit Gewinn-Abschöpfung zu Gunsten der erneuerbaren Energien - ist arg janusköpfig. Viele Umweltschützer sehen darin den Versuch, die Demonstranten dieses Wochenendes schlicht ins Leere laufen zu lassen.

jochen.loreck@mds.de



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