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Romanautorin Ulla Hahn

Warnung vor den „Bööschern”

Von Petra Pluwatsch, 10.09.09, 21:16h, aktualisiert 10.09.09, 21:26h

Ein Hausbesuch bei Ulla Hahn, deren neuer Roman Freitag erscheint. Die Autorin, aufgewachsen in Monheim, schreibt in „Aufbruch” über eine rheinische Jugend - mit autobiografischen Anklängen.

Ulla Hahn
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Ulla Hahn wuchs in Monheim auf und lebt in Hamburg. (Bild: BF)
Ulla Hahn
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Ulla Hahn wuchs in Monheim auf und lebt in Hamburg. (Bild: BF)
Die Autorin ist zu Boden gegangen. Mit angezogenen Beinen hockt Ulla Hahn zwischen Sofa und Wohnzimmertisch, das braune Haar verstrubbelt, wo eben noch die Lockenwickler steckten. Der Besuch ist früher in Hamburg eingetroffen als erwartet, gegen elf schon statt erst gegen zwölf. Kekse stehen bereit auf einem japanischen Tisch mit niedrigen Beinen, an den Wänden hängt Kunst. Durch hohe Fenster sieht man hinaus in einen üppig wuchernden Garten. Nicht weit von hier fließt die Alster.

Wir wollen über Ulla Hahns neuen Roman „Aufbruch” reden, der an diesem Freitag erscheint: 592 Seiten stark, ein Großteil der Dialoge im rheinischen Dialekt. Auf dem Buchumschlag kleine Schiffe aus gefaltetem Papier, wie von Kinderhand gemacht und bedruckt in lateinischer Sprache. Cover wie Titel sind (anspruchsvolles) Programm: „Aufbruch” knüpft nahtlos an Hahns Bestseller „Das verborgene Wort” aus dem Jahr 2001 an. Darin wird die Geschichte des Arbeiterkindes Hilla Palm erzählt, das kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in die Enge eines rheinischen Dorfes hineingeboren wird. Im Elternhaus regieren Armut und geistige Schlichtheit - das Lesen von „Bööschern” kommt einem Verrat gleich.

In „Aufbruch” treffen wir Hilla als inzwischen 17-Jährige wieder. Mit Hilfe eines ehemaligen Lehrers hat sie sich nach einem kurzen Intermezzo als Bürokraft einen Platz in einem Aufbaugymnasium ertrotzt und bereitet sich auf das Abitur vor - eine Fremde in der eigenen Familie, die die Tochter nach wie vor lieber „in de Papp”, in der Papierfabrik, als auf dem Gymnasium sähe. Doch unbeirrt geht Hilla ihren Weg, bis eine Vergewaltigung das junge Mädchen aus der Bahn wirft und über Jahre zum seelischen Zombie macht.

Mehr als sechs Jahre hat Ulla Hahn an dem monumentalen Werk gearbeitet, das dem Vorgängerband inhaltlich wie stilistisch in nichts nachsteht. Etwa 400 Seiten sind zwischenzeitlich unter Schmerzen „wieder rausgeflogen”. Die Vergewaltigungsszene, mehrfach umgeschrieben und aus eigener, leidvoller Erfahrung geboren, bescherte der Autorin gar eine einjährige Schreibblockade. Zu schmerzhaft mag die Erinnerung an das vor langer Zeit Vorgefallene gewesen sein. Ulla Hahn hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass die Geschichte der Hilla Palm auf eigenem Erleben fußt, verfremdet und literarisch veredelt zwar, doch „wahr im Kern”. In Monheim am Rhein wird sie ein Jahr nach Kriegsende geboren. Der Vater: ein einfacher Arbeiter, kaum des Schreibens und Lesens kundig. Die Mutter: eine Frau von schlichtem Gemüt, die sich um den Haushalt kümmert und abends putzen geht. Ulla Hahn kennt dieses Drängen nach Wissen, die Lust am Lesen in der Heimlichkeit einer hochgezogenen Bettdecke. Auch sie bekam die harte Hand des Vaters zu spüren, sobald sie in Verdacht geriet, „jet Besseres” sein zu wollen. Und auch sie hat sich gegen familiäre Widerstände behauptet: Studium, Promotion, Kulturredakteurin bei Radio Bremen. Mehrere Gedichtbände, drei Romane. Ein japanischer Tisch mit niedrigen Beinen.

Längst hat sie den Eltern, die beide nicht mehr leben, die Kränkungen und Demütigungen von einst verziehen. Das Schreiben von „Aufbruch” habe ihr geholfen, deren Beweggründe zu verstehen, sagt Ulla Hahn. Nachvollziehbar aus heutigen Sicht die Ängste des Vaters, der in seiner Kindheit nach Wissen gierte und doch ein Analphabet blieb . „Ein armer Teufel” sei er gewesen, sagt sie, „sicher hochbegabt”, aber in Kriegszeiten ohne die geringste Chance, etwas zu lernen.

Nachkriegsjahre wieder auferstehen lassen

Noch immer sitzt sie am Boden, klein und schmal, als wolle sie sich verstecken vor dem, was sie da vielleicht losgetreten hat mit ihrem Buch. Nicht allein Hilla Palm und ihr Schicksal stehen in „Aufbruch” im Fokus der Aufmerksamkeit, sondern auch die Geschichte eines geschundenen Landes und seiner Bewohner, die erst wenige Jahre zuvor einen Weltkrieg überstanden haben. Und so scheut Ulla Hahn sich nicht, „Aufbruch” einen Zeitroman zu nennen. Monatelang hat sie recherchiert, um jene dumpfen Nachkriegsjahre detailgetreu wieder auferstehen zu lassen. Hat in alten „Quelle”-Katalogen geblättert, um sich über Hüftgürtel und geblümte Kittelschürzen zu informieren. Hat Zeitschriften und gelbstichige Tageszeitungen ausgewertet. Die Beschreibungen des dörflichen Alltagslebens sind denn auch die stärksten Momente dieses Buches, das mitunter zu einer gewissen sprachlichen Wuchtigkeit neigt. Wir sehen die Mutter, die Tante, die Großmutter am Küchentisch sitzen und mit feuchtem Zeigefinger im neuen Warenhaus-Katalog blättern. Gemeinsam mit Hilla und der Mutter wandern wir durch den ersten Supermarkt von Dondorf und ziehen beschämt den Kopf ein, wenn wir an dem alten Tante-Emma-Laden vorbei schleichen, in dem niemand mehr kaufen will. Mit leichter Hand schildert Ulla Hahn diese Szenen dörflicher Schlichtheit und entführt ihre Leser in eine Welt, die so einfach und klar ist, dass man fast neidisch werden könnte.

Es ist die Zeit des wirtschaftlichen Erwachens der Bundesrepublik, und doch sind in jenen schockstarren 50er und 60er Jahren die Wunden aus Kriegszeiten nicht verheilt. Noch wagen Menschen wie Hillas Eltern und die Großmutter nur zögerlich zu erzählen, was sie zwischen 1939 und 1945 erlebt haben. „Wenn Du noch im Kampf und verletzt bist”, sagt Ulla Hahn, „dann kannst Du noch nicht zurück sehen. Das kannst Du erst, wenn Du auf sicherem Terrain bist.” Sie weiß, wovon sie redet, denn auch sie, die inzwischen über 60-Jährige, hat fünf Jahrzehnte gebraucht, ehe sie sich zu erinnern wagte und ihr Alter Ego Hilla Palm ins Rennen schickte.

„Jeder Aufbruch ist auch ein Verlust”

Mag sein, dass Wut und Trauer der erste Antrieb zum Schreiben waren. Inzwischen, sagt sie, wisse sie auch, was sie damals verloren habe. Eine vertraute Heimat, eng und klein zwar, aber überschaubar und geordnet wie das Leben der zahlreichen Kusinen, die in Monheim geblieben sind. „Jeder Aufbruch ist auch ein Verlust”, sagt sie, und wenn man die Vielgereiste fragt, wo sie geerdet sei, erntet man ein Schulterzucken. „Geerdet ist nicht”, allenfalls in der Sprache finde sie eine Heimat. Und setzt schnell hinterher, dass das jetzt natürlich reichlich „aufgedonnert” klinge.

Ursprünglich, sagt Ulla Hahn, habe sie schreiben wollen, wie sie, das Arbeiterkind aus Monheim, einst Mitglied in der DKP wurde. „Wie kommt man auf so etwas”, fragt sie sich noch heute, auch wenn sie der Antwort inzwischen näher gekommen ist. Beim Nachdenken darüber sei ihr mehr und mehr bewusst gewesen, dass die Gründe für ihr linkes Engagement in ihrer Vergangenheit begründet liegen. Wie das? Schnell wehrt die Autorin ab. Das stehe in nächsten Buch über Hilla Palm aus Dondorf am Rhein.

Ulla Hahn: „Aufbruch”, DVA, 592 Seiten, 24,95 Euro.



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