Von Dietmar Ostermann, 10.09.09, 23:52h, aktualisiert 12.09.09, 16:25h
In der modernen Geschichte der Finanzindustrie dürfte es kaum ein Treffen geben, das folgenreicher war als die Krisenrunde im festungsartigen Prunkbau der US-Notenbank an der Wall Street. Das Traditionshaus Lehman Brothers, 158 Jahre zuvor in Alabama von drei deutschen Einwanderern gegründet, mit seinem schlanken Glasturm an der Seventh Avenue lange ein Wahrzeichen des New Yorker Finanzkapitalismus, hatte sich schwer im Immobiliengeschäft verzockt. Der drohende Untergang, das war vielen Beteiligten klar, wäre nicht nur die größte Pleite der US-Geschichte, sondern auch ein “systemisches Event“ - mit kaum absehbaren Folgen für die Weltwirtschaft. Nicht alle freilich teilten diese Ansicht. Und niemand konnte sich aufraffen, den Super-Gau zu verhindern.
Kein Geld von Bush
Was sich damals hinter fest verschlossenen Türen abspielte, hat der US-Journalist und Pulitzer-Preisträger David Wessel aufwändig recherchiert. In seinem Buch „In Fed we Trust“ beschreibt er, wie das Verhängnis seinen Lauf nahm. Schon bevor Paulson nach New York aufbricht, stellt er in einer Telefonkonferenz mit Geithner und Notenbankchef Ben Bernanke klar, dass die Bush-Regierung nicht erneut mit Steuergeldern eine angeschlagene Großbank retten will. Nach Bear Sterns war der Staat zuvor auch den Hypothekenriesen Fannie Mae und Freddy Mac beigesprungen. “Ich werde Mr. Bailout genannt“ beschwert sich Paulson, ohnehin kein Freund derartiger Eingriffe: „Ich kann es nicht noch einmal tun.“ Auch aus seiner Überzeugung, die Finanzmärkte könnten einen Crash von Lehman verkraften, weil die Probleme dort lange bekannt gewesen seien, macht Paulson keinen Hehl.
Erst später, als die Lehman-Pleite zur Weltrezession geführt hat und er heftig kritisiert wird, gibt er eine andere Erklärung: Die US-Regierung habe einfach nichts tun können, um Lehman zu retten. Die Gesetze hätten eine Verstaatlichung nicht erlaubt, weil Lehman völlig überschuldet und wertlos gewesen sei. Hätte er das aber schon im September eingeräumt, wäre die folgende Panik nur größer geworden, deutete Paulson an, die Öffentlichkeit getäuscht zu haben. Die mächtigen USA hätten der Welt sonst eingestehen müssen, machtlos zu sein.
Was immer Paulsons Motive und Absichten waren - den zum Krisengipfel einbestellten Bankern ist schnell klar, dass sie diesmal nicht auf Rettung aus Washington hoffen können. Arbeitsgruppen werden gebildet, hunderte Buchhalter und Anwälte beugen sich über die Lehman-Bücher. Schnell wird klar, dass die Lage noch weit dramatischer ist, als sie Lehman-Chef Richard Fuld nur wenige Tage zuvor dargestellt hatte. Wie alle Wall-Street-Zocker war Lehman schwer gehebelt: Für jeden Dollar Eigenkapital hatte die Investmentbank mit rund 45 Dollar geborgtem Geld Geschäfte gemacht. Und die waren atemberaubend riskant: Trotz jahrelanger Warnungen auch aus dem eigenen Haus, die Immobilienblase werde platzen, stürzt sich Lehman bis zuletzt in das lange lukrative Geschäft mit Hypothekenderivaten, kauft noch auf dem Höhepunkt des Preisbooms für 22 Milliarden Dollar Wolkenkratzer.
Wütende Abrechnung“Er wollte Risiko, mehr Risiko und wenn nötig noch größere Risiken, weil das der Weg war, an das große Geld zu kommen“, sagt der frühere Lehman-Bondhändler Lawrence McDonald über Fuld, dessen Spitzname „Gorilla“ war. In “A Colossal Failure“, einer wütenden Abrechnung mit seinem Ex-Chef, hat McDonald die Ursachen des Crashs als eine Mischung aus Gier, Größenwahn und Unfähigkeit der Führungsebene beschrieben: „Was wichtig war, war, zu Goldman Sachs, Citigroup und Blackstone aufzuschließen und sie zu überholen, um zu zeigen, wer Boss ist.“ So treibt Fuld seine Immobilienabteilung im vierten Stock auch dann noch zu riskanten Geschäften mit Subprime-Krediten, als eine Etage tiefer die eigenen Händler um McDonald längst gegen die faulen Papiere wetten. Der Boss aber will oder kann nicht sehen, dass “Lehman auf den größten Subprime-Eisberg zusteuert, der je gesehen wurde.“
Im September 2008 folgt dann der Offenbarungseid. Gerüchte, das Traditionshaus könne in die Pleite schlittern, machen seit dem Ende von Bear Sterns die Runde. Lehman schreibt längst rote Zahlen. Geschäftspartner drohen, Kreditlinien einzufrieren. Beim Krisentreffen am 12. September geht es nur noch darum, ob ein Bankrott verhindert werden kann, indem sich für Lehman ein Käufer findet. Zwei mögliche Interessenten gibt es: Bank of America und die britische Großbank Barclays. Andere Wall-Street-Firmen sollen helfen, Lehmans Schulden abzuwickeln. Am Samstag, dem 13. September, winkt Bank of America dann aber ab - und schluckt lieber den ebenfalls wankenden Lehman-Konkurrenten Merrill Lynch. Am Sonntag zerschlägt sich auch die Hoffnung auf einen Verkauf an Barclays. Die Londoner sind interessiert, doch die britische Finanzaufsicht stellt sich quer. Wieder richten sich alle Augen auf Paulson. Doch der Finanzminister bleibt dabei - keine staatliche Rettung diesmal.
Weltweite Schockwelle
Am Abend des 14. September ergeht aus dem Glasturm an der Seventh Avenue ein letzter Hilferuf. George Walker IV, Mitglied des Lehman-Exekutivkomitees und ein entfernter Cousin von George W. Bush, bittet die Vermittlung im Weißen Haus, ihn mit dem Präsidenten zu verbinden. Nach bangen Minuten aber meldet sich nur die Telefonistin: „Tut mir leid, Mr. Walker. Der Präsident kann ihren Anruf derzeit nicht entgegen nehmen.“ Stunden später beantragt Lehman Gläubigerschutz nach Kapitel 11 des US-Insolvenzrechts. Das Wall-Street-Beben löste weltweit Schockwellen aus. “Wir sind einer globalen finanziellen Kernschmelze sehr, sehr nahe gekommen, einer Situation, in der die größten Institutionen der Welt zusammengebrochen und das Finanzsystem zum Erliegen gekommen wäre“, räumte US-Notenbankchef Bernanke ein. Ein Jahr, eine globale Rezession, Millionen verlorener Arbeitsplätze und Billionen Dollar an staatlichen Hilfen später ist die Welt noch immer dabei, sich von dem Schock zu erholen.
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Schock nach Pleite: Proteste rund um die Welt
Es wäre so einfach was zu ändern...
11.09.2009 | 23.05 Uhr | franxinatra
...indem jeder Bürger zu Monatsanfang seine Bezüge in voller Höhe abholen würde!
Und was haben wir daraus gelernt?
11.09.2009 | 09.33 Uhr | Quatschkopf68
Die Antwort ist ganz einfach: NICHTS! Die Banken versuchen dem Kunden weiterhin Produkte anzudrehen, von denen er nichts versteht. Die Kunden haben…
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